Jaffa, Bethlehem, Jericho

In Jaffa, einer alten arabischen Stadt, leben noch immer zur Hälfte Araber. Am Strand sieht man orthodoxe jüdische Männer in Badekleidung, weißhäutig, mit Kippa und Hut, und tief verschleierte arabische Frauen, die samt Kleidung ins Meer steigen, unter halbnackten modernen Israelis. Was auf diesem kleinen Raum möglich ist, sollte überall im Land selbstverständlich sein. Gegenseitige Akzeptanz und Toleranz. Am Sabbat ist an den Stränden der Teufel los. Großfamilien mit Kindern und Hunden belegen die Tische im Strandrestaurant  Cassis, obwohl die Preise generell höher sind als in Österreich. Die weniger Betuchten haben ihre Sonnensegel im Sand aufgespannt. Musik darf nicht fehlen. Das Tick -Tack der Matka-Spieler begleitet meinen Strandspaziergang. Auch vor Frisbee Scheiben muss ich mich in Acht nehmen. Es ist etwas kühler in Tel Aviv/Jaffa als in Eilat. Das Mittelmeer ist unruhiger, die Wellen sind höher, Ebbe und Flut sind deutlicher zu unterscheiden als am Roten Meer. Doch ich kenne keine andere Stadt, die so direkt am Meer liegt und so saubere Strände und klares Wasser hat. Von Jaffa bis nach Tel Aviv und weiter bis Herzliya, ein einziger Strand.

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Die bedeutendsten Häfen sind in Haifa und Ashdod, was wahrscheinlich die gute Wasserqualität in Tel Aviv erklärt. Das Klima in Tel Aviv/Jaffa ist zur Zeit angenehm, während es in Eilat einige Grade heißer ist. Die Stadt ist schließlich von Wüsten umgeben. Im Westen der  Sinai, im Norden der Negev. In Eilat habe ich dieses Jahr einen Chamsin erlebt, der hier noch unangenehmer ist als in Tel Aviv. Wüstensand verdunkelt die Sonne, es herrscht eine fürchterliche Hitze. Kopfweh, Niedergeschlagenheit, Schlaflosigkeit sind bei mir, die ihn nicht gewohnt ist, meistens die Folge.

Die Sonne steht bereits tief, Liegestühle und Sessel am Strand werden eingesammelt und zu Türmen gestapelt. Von den Minaretten tönt der Ruf des Muezzin. Ein paar Frauen mit Kopftüchern grillen am Strand, etwas abseits der jungen ausgelassenen Strandbesucher. Ich bestelle ein letztes Glas Wein, in dem sich die untergehende Sonne spiegelt, das Restaurant füllt sich wieder, die ersten Gäste kommen zum Dinner. Man lebt gut in Tel Aviv. Trotz allem.

Zwar bin ich unmittelbar nach acht Jahren Klosterschule aus der katholischen Kirche ausgetreten, doch einen Besuch in Bethlehem wollte ich mir diesmal nicht entgehen lassen. Bethlehem, arabisch Belem, liegt in den Westbanks. Meine israelische Freundin darf dort nicht einreisen. Zwar besitzt sie auch einen amerikanischen Pass, doch sie hat Angst, man würde entdecken, dass sie in Israel wohnt. Auch ihr Auto mit israelischem Kennzeichen konnte ich nicht benutzen. Daher blieb mir nichts anderes übrig, mich einer Reisegruppe anzuschließen. Allein die Reise war ein Erlebnis, das viel über die Situation in diesem Land erzählt. Sechsmal musste ich das Fahrzeug wechseln. Ein Sammelbus in Tel Aviv brachte uns zu einem Meeting Point, wo wir in verschiedene Kleinbusse verteilt wurden. Bus Nummer 11 ging nach Bethlehem. In Jerusalem musste ich in einen anderen Bus umsteigen. Der Fahrer schien zwar ein Araber ( Israeli) zu sein, doch an der Mauer wurden wir in zwei PKWs verfrachtet, die uns zur Geburtskirche und zum Feld der Schafhirten  brachten. Die Fahrer waren diesmal christliche Palästinenser.

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An der Grenze zu Bethlehem

Zurück an der Mauer ging es wieder über die Grenze nach Jerusalem, wo die Gruppe erneut aufgeteilt wurde. In solche, die nach Massada fuhren bzw. in Jerusalem blieben oder zurück nach Tel Aviv wollten. Ich wollte weiter nach Jericho. Bus Nummer vier. Kurz nach Jerusalem passierten wir wieder die Grenze ins Westjordanland. Kurz vor Jericho wartete ein weiterer Bus auf uns. Nummer fünf. Der arabische Israeli durfte offenbar nicht in die Stadt. War er vielleicht doch Jude? Warum aber mussten wir in Jerusalem in seinen Bus umsteigen, um an die Grenze zu kommen? Überflüssig zu erwähnen, dass wir auch ständig unsere Guides wechselten. Nach der Besichtigung Jerichos war von der Gruppe nur noch ich übrig geblieben. An einer Tankstelle an der Hauptstraße wartete ich auf Bus Nummer sechs, der mit einer Gruppe vom Toten Meer nach Tel Aviv unterwegs war.

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Geburtskirche(n)

Die Fahrt in die Stadt Bethlehem führt entlang der bunt bemalten Mauer, die ein wenig an die Berliner Mauer erinnert, mit schöner Aussicht auf die Altstadt, die auf einem Jerusalem gegenüberliegenden Hügel liegt. Hier wohnen Christen (ca. 35%) und Muslime (65%) angeblich friedlich nebeneinander. So behaupten es zumindest sowohl unser  Fahrer als auch unser Guide. Vor allem der Fahrer wirbt für Palästina. Warum wir nicht hier übernachten wollen? Hier würde ein 5-Sterne Hotel nur 100$ kosten, in Israel das Vierfache. Das Essen sei hervorragend und ebenfalls viel billiger. Alles sei friedlich, die Hamas sei weit weg und in seinen Augen verabscheuungswürdig.

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Mauer zwischen Israel und den Westbanks

Der Guide, griechisch-orthodox, will mich erneut zum Glauben überreden, nachdem ich ihm gestanden habe, dass ich keiner Kirche mehr angehöre. Warum ich dann hier sei, fragt er mich. Das frage ich mich inzwischen auch, nachdem ich erfahren habe, dass die Wartezeit zur Besichtigung der Geburtsgrotte bis zu drei Stunden beträgt. In der Kirche — eigentlich sind es drei Kirchen, eine griechisch-orthodoxe, eine armenische und eine katholische — ist es zwar ein wenig kühler als draußen in der prallen Sonne, aber unter den Tausend Wartenden wird einem auch warm.

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Am Eingang zur Grotte

Alle fünf Minuten bewegen wir uns um ein paar Zentimeter in der Schlange vorwärts. Aus Langeweile kommt man mit den Menschen ins Gespräch.  Vor mir ein Italiener aus New York, daneben eine Australierin, hinter mir ein Ehepaar aus Texas sowie ein schweigsamer Japaner; es wird Spanisch, Deutsch, Russisch, schwedisch usw. gesprochen, Menschen aus aller Welt warten hier geduldig, vereint im christlichen Glauben oder bloß neugierig wie ich, stehen stundenlang,  um zwei Orte zu sehen: wo Jesus geboren wurde und wo er in der Krippe lag. Warum das zwei verschiedene Höhlen sind, weiß ich nicht. Davon abgesehen, dass sowieso niemand weiß, wo er wirklich geboren wurde, bzw. ob er überhaupt je existiert hat. Jedenfalls ist es gut für das Geschäft. Das nicht nur den Christen hier zugute kommt, sondern auch den Arabern. Aber die haben bekanntlich ohnehin keine Hemmungen, womit oder mit wem sie Geschäfte machen. Schließlich haben sie sogar den Juden das Land verkauft, das sie ihnen jetzt wieder wegnehmen wollen.

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Hier wurde nach christlicher Überlieferung Jesus geboren

Wir haben Glück. Nach zwei Stunden und fünf Minuten ist es soweit. Gerade noch rechtzeitig betreten wir die Stufen zum Eingang der Höhle, bevor die Grotte zwanzig Minuten lang für die tägliche Prozession geschlossen wird. Endlich am heiligen Ort, müssen wir uns beeilen. Aufpasser lassen uns rechterhand jeweils zu zweit zum silbernen Stern niederknien; schnell heißt es schnell wieder weg, die nächsten warten, also kurz nach links zur Krippe, eine mit kostbaren Tüchern ausgelegte Grotte;  schnell schnell, nur ein Foto, raus raus, die Prozession wartet. Man wird geradezu durchgepeitscht. Vor mir versuchen zwei Frauen, ihre Rosenkränze und Schals auf und in das Innere des Sterns zu pressen, sie küssen ihn, stecken ihre Köpfe in das Loch in der Mitte. Ich schaue ihnen fasziniert zu,  ich lasse ihnen die Zeit, obwohl ich von hinten immer wieder Stöße bekomme. In verschiedenen Sprachen werde ich ungeduldig aufgefordert, die  armen Frauen weg zu drängen. Nach zwei Minuten, für die wir über zwei Stunden gewartet haben, ist alles vorbei. Wir werden aus der Grotte hinauskomplimentiert und müssen, an die Wand gepresst, die Prozession vorbei lassen. Schon vorher und jetzt wieder werden wir von Verkäufern bedrängt: Kerzen, Kreuze, Anhänger, Broschüren… diesmal entkomme ich ihnen, doch wir haben ja noch mindestens eine halbe Stunde Zeit, uns mit Souvenirs einzudecken, dem eigentlichen Zweck dieser Reise, zumindest in den Augen der Veranstalter. War es nicht Jesus, der die Geschäftemacher aus dem Tempel  verjagt hat?

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Die Menge an geschnitzten Figuren, Kreuzen, Anhängern und sonstigen Devotionalien, wahlweise aus Silber, Holz, Plastik-Elfenbein oder Jade-Ersatz ist überwältigend. Der Geschäftsführer versucht mir mit süßem Lächeln ein silbernes Kreuz anzuhängen. Ich lehne dankend ab. Sein Angebot, einen arabischen  Kaffee zu trinken, nehme ich aber an. Ich frage ihn, ob er Christ sei, er bejaht. Ob er Araber sei? Ja, aber eigentlich nein. Die Araber seien erst später aus Saudi Arabien eingewandert, er jedoch sei Kanaaiter. Ob das die Muslime hier genauso sähen, frage ich ihn. Nein, sagt er, denn die seien zu dumm dazu. Soviel zum friedlichen Zusammenleben von Christen und Muslimen.

Vor dem Feld der Hirten, wo ihnen einst ein Engel die frohe Botschaft von Christi Geburt verkündete, bietet sich ein kleiner Junge mit einem Lamm im Arm für ein paar Schekel als Fotomotiv an.

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Von Jerusalem, dessen höchste Erhebung 900m beträgt, geht es mehr als 1000m hinunter nach Jericho, das über 200m unter dem Meeresspiegel liegt. Durch die Wüste von Judäa, vorbei an den schwarzen Zelten und Wellblechhütten der Beduinen. Dazwischen Schafherden, Kamele und schrottreife Autos. Menschen bekomme ich keine zu Gesicht. Kein Wunder, es hat fast 40 Grad im Schatten. Die Beduinen haben sich wahrscheinlich in ihre Behausungen zurückgezogen. Nur ein toter Hund liegt im Straßengraben. Nahe Beer Sheva soll es eine Beduinenstadt mit richtigen Häusern geben. Doch die Alten ziehen es vor, weiterhin in einem Zelt im angrenzenden Garten zu leben.

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Beduinensiedlung

Als wir kurz vor Jericho aussteigen, um wiederum den Bus zu wechseln, trifft uns die Hitze mit voller Wucht. Ein neuer Guide steigt zu, der eher irisch als arabisch aussieht. Rote Haare, blaue Augen, Sommersprossen. Was er uns über den Maulbeerfeigenbaum, auf dem der reiche Zöllner Zachäus einst kletterte, um Jesus besser sehen zu können, zu erzählen hat, tut er im Auto, erst danach steigen wir aus, flüchten uns in den Schatten, fotografieren den mächtigen Baum und flüchten zurück in den Bus. Ob der Baum über 2000 Jahre alt ist, weiß ich nicht. Ob Zachäus Jesus tatsächlich hier getroffen hat, darf bezweifelt werden. Doch alle Touristen machen hier Halt und Souvenirverkäufer versuchen ihr Glück.

Interessanter ist die alte Stadt Jericho, besser gesagt, was von ihr übrig ist und bisher ausgegraben wurde. Sie ist die älteste besiedelte Stadt der Welt, von der man weiß ( ca. 8000 bis 10 000 Jahre v. Chr.). Jericho wurde 23 mal zerstört und wieder aufgebaut. Deshalb liegt sie auf einem Hügel. Hier gibt es keinerlei Schatten. Gnadenlos brennt die Sonne vom Himmel, obwohl es bereits vier Uhr Nachmittag ist. Eine Seilbahn führt auf den „Berg der Versuchung“ hinauf. Hier wurde Jesus, als er vierzig Tage lang in der Wüste lebte, dreimal vom Teufel versucht. Genau an der Stelle, an der Jesus Unterschlupf in einer Felsenhöhle suchte — wahrscheinlich war es ähnlich heiß wie heute — wurde das Kloster Quarantanal gebaut. Es klebt wir ein Adlerhorst im Felsen. Zwei Mönche leben noch dort, einer von ihnen soll 93 Jahre sein. Sie können jeden Tag in einem anderen der 23 Zellen schlafen.

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Orthodoxes  Kloster Quarantanal

Als ich vor fünf Jahren das erste Mal nach Israel kam, wollte ich unbedingt eine Wanderung durch die Wüste zu diesem Kloster machen. Meine Freunde rieten mir damals dringend davon ab. Sie waren der festen Überzeugung, man würde mich töten. Heute kann man von der Seilbahnstation das Kloster bequem erreichen und es gibt sogar eine geführte Wanderung von Jerusalem aus. Doch bei diesen Temperaturen werde ich wohl davon absehen. Eine kleine Erfrischung bietet schließlich Elishas Brunnen. In und um Jericho gab es schon immer mehrere Quellen, die eine Bewirtschaftung des Bodens möglich machten. Auch heute noch leben die Menschen hier hauptsächlich von der Landwirtschaft. Jericho ist vor allem berühmt für seine Datteln.

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Das einzige Wesen, das bei dieser Hitze noch lächeln kann.

 

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Israel

Es ist bereits das dritte Mal, dass ich Israel besuche. Ich habe bisher gezögert, darüber zu schreiben, weil ich viele Freunde hier habe und befürchte, sie zu verletzen, sollte ich kritische Bemerkungen machen. Doch das Land ist so interessant, widersprüchlich und vielfältig, dass ich es trotzdem versuchen will. Tel Aviv, Jerusalem, Jaffa, Haifa, Akko, Eilat, der Negev, das Westjordanland, das Tote Meer, die Golanhöhen, Bethlehem, Nazareth, Caesarea… jeder Ort erzählt eine andere Geschichte.

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Eilat. Rotes Meer.

Ich bin in Eilat, im äußersten Süden Israels, dort, wo das Land nur wenige Kilometer breit ist. Am linken Ufer des Roten Meeres liegt Aqaba, eine jordanische Stadt. Am rechten Ufer beginnt der Sinai, Ägypten. Beides Länder, mit denen Israel mittlerweile in Frieden lebt. Im Moment heulen die Sirenen. Es ist kein Fliegeralarm, sondern sie läuten den Memorial Day ein. Man gedenkt der toten Soldaten, die für ihr Land gestorben sind. Bis morgen Abend wird die Trauer dauern. Restaurants und Geschäfte sind geschlossen. In den Hotelfoyers brennen Kerzen. Im Gegensatz zum Shabbat und anderen religiösen Feiertagen, ist heute das ganze Land beteiligt. Morgen, im Hotel beim Frühstück, werden die Sirenen wieder heulen und alle werden für ein paar Schweigeminuten aufstehen. Noch am selben Abend wird die Trauer in die Fröhlichkeit des folgenden Independance Days übergehen, des Nationalfeiertags, an dem der Gründung Israels gedacht wird. Den Sirenen folgen dann ausgelassene Feste und ein Feuerwerk. An den Stränden wird gegrillt, in allen Städten gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Jugendgruppen führen Tänze auf, es wird gesungen.

Alle Hotels in Israel, die ich kenne, sind sehr groß. Das Service-Personal stammt fast ausschließlich aus Russland; neue Einwanderer, von denen noch wenige Hebräisch sprechen, geschweige denn englisch. Der Lärm im Frühstücksaal ist unbeschreiblich. Kein Tisch, an dem nicht mehrere Kinder kreischen, quietschen und lautstark ihre Wünsche äußern. Kinderwägen und Babysitze versperren die Durchgänge, beim Gang vom Buffet zurück zum Tisch, beladen mit vollen Tellern und Gläsern — denn ein zweites Mal will ich mich der Schlacht am Buffet nicht aussetzen — laufe ich  ständig Gefahr, über Kinder zu stolpern, die kreuz und quer durch den Saal wuseln. Anfangs  war ich total überfordert, doch mit der Zeit habe ich nur noch fassungslos die unglaubliche Vitalität  bewundert. Lebhafte Unterhaltungen, vorwiegend gruppenweise am Buffet, an manchen Tischen wird laut gebetet (am Sabbat) und Wein getrunken, Eltern, die ihre Kleinen offensichtlich lieben und herzen, Babies in die Luft werfen, füttern oder ihnen jede Freiheit lassen, wann, wo und wie sie ihr Frühstück zu sich nehmen wollen. Europäische Vornehmheit sucht man vergeblich. Israel ist eine junge Nation. Hier wächst eine Generation heran, deren Eltern und Großeltern gelernt haben, zu überleben und ihr Land zu verteidigen. Um Israel muss man sich keine Sorgen machen.

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Memorial im Hotel

Der Shabbat, der Samstag, ist wie bei uns der Sonntag, ein Heiliger Tag. Selbstverständlich wird an ihm nicht gearbeitet, auch die Nichtreligiösen haben frei. Bei den streng Religiösen geht das Nichtarbeiten so weit, dass sie auch nicht Autofahren, ja nicht einmal einen Lichtschalter oder Knopf im Lift betätigen dürfen. Es fahren keine Busse und nur wenige Taxis, zum Ärger der Nichtreligiösen, die auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sind. In allen Hotels gibt es einen Shabbatlift, der von jedem Stockwerk automatisch in die Lobby, bzw. in das Hotelrestaurant fährt. In einigen Hotels habe ich erlebt, dass es zum Frühstück keine  warmen Speisen wie Spiegelei oder Eierspeise gibt, die man frisch zubereiten müsste. Selbstverständlich sind an allen Tagen die Speisen in 99% der Hotels koscher. Am Frühstücksbüffet findet man alle Sorten von Eiern, Fisch, Gemüse, Obst, Milch und Milchprodukte. Doch kein Fleisch. Weder Wurst noch Schinken. Also keine Ham and Eggs. Zum Dinner oder Mittagessen wiederum gibt es zwar Fleisch ( außer Schweinefleisch), aber keine Milchprodukte. Spaghetti Bolognese mit Parmesan geht z.B. gar nicht. Auch das Geschirr für Fleisch oder Milchspeisen ist getrennt. Eine streng religiöse Familie wird für jede Speise das entsprechende Geschirr haben. Meistens aus Glas, denn Glas ist rein und nimmt nicht den Geschmack der Speisen an.

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Am Toten Meer

Meine Freunde sind nicht religiös. Sie feiern zwar den Shabbat am Freitag Abend im Kreise der Familie, doch essen sie weder koscher noch beten sie dazu. In Tel Aviv, das als weltoffene, säkulare Stadt gilt, in der rund um die Uhr Partys gefeiert werden,  habe ich selten einen Juden in Kaftan und mit Schläfenlocken gesehen. Jedenfalls weniger oft als im zweiten Bezirk in Wien.  Höchstens ein Drittel der Männer tragen die Kippa auch im Alltag. Unter den Religiösen  gibt es zahlreiche Gruppen. Schwarze Kippas bedeuten, dass sie einer strengere Auslegung der Vorschriften folgen als bunte, gehäkelte, die die jungen Burschen nicht selten von jungen Mädchen geschenkt bekommen. Die Mehrheit jedoch trägt keine religiöse Kleidung. Anders ist das Bild in Tiberias oder Jerusalem. Vor allem in Me‘e She‘ arim, wo ultraorthodoxe Juden leben, die größtenteils Jiddisch sprechen, den zionistischen Staat Israel ablehnen — ihrer Meinung nach hat Gott ihnen das Land geschenkt —und keinen Militärdienst leisten, der üblicherweise drei Jahre sowohl für Frauen als auch für Männer obligatorisch ist. Über eine Freundin habe ich eine Frau kennengelernt, die in Me‘a She‘arim einige Zeit gelebt hat. Mit ihr wollte ich dieses Viertel besuchen. Obwohl es inzwischen für Touristen zugänglich ist, sind Fremde nicht gerne gesehen. Vor allem von Frauen erwartet man, dass sie vorschriftsmäßig angezogen sind. Keinerlei Hosen, sondern lange Röcke, die Arme und Haare bedeckt. Die Frau hat mir eher abgeraten, mich dort blicken zu lassen. Sie fürchtete, man könnte mich beschimpfen oder bespucken. Schließlich wollte ich sie nicht in Verlegenheit bringen und habe auf den Besuch verzichtet. Wenn ich das nächste Mal nach Jerusalem komme, werde ich es alleine versuchen.

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Religiöse in Tiberias

Tiberias, das einst als nobler Ferienort galt, ist inzwischen vorwiegend von streng religiösen Juden bewohnt, die kein Interesse am Fremdenverkehr haben. Meine Freunde, die den Ort früher gerne besucht haben, sind entsetzt, wie unattraktiv er inzwischen geworden ist, geradezu verwahrlost. Ultra- Orthodoxe Juden arbeiten nicht nur am  Schabbat nicht, sondern gehen überhaupt keiner geregelten Arbeit nach. Sie studieren die Tora. Das bedeutet, dass sie auch keine Steuern zahlen. Meist haben sie sehr viele Kinder und leben in großer Armut. Zwar haben auch Nichtreligiöse meist mehrere Kinder, jedoch deutlich weniger als Ultraorthodoxe oder Araber. Ihre Angst, eines Tages in der Minderheit zu sein, ist daher nicht unbegründet.

Ungewöhnlich und bemerkenswert ist auch die Gelassenheit, mit der Israels Bewohner mit der permanenten Kriegsgefahr umgehen. Wenn nicht gerade Krieg herrscht und junge Menschen aus der Familie beim Militär sind, kostet es den meisten ein Achselzucken, wenn wieder einmal Raketen von syrischer Seite oder aus Gaza geflogen kommen. In der Regel funktioniert das israelische Abwehrsystem und die Geschosse werden noch in der Luft abgeschossen. Doch aus Gaza kommen auch andere Waffen, die sehr wohl Schaden anrichten.

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Am See Genezareth.

Letztes Jahr hielt ich mich ein paar Tage am See Genezareth auf. In einer Nacht kam es auf den angrenzenden Golan Höhen zu einem Schlagabtausch zwischen iranischen Raketen von der syrischen Seite und israelischen Gegenangriffen. Als ich am Morgen davon hörte, war ich entsetzt. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so nahe an einem Kriegsgeschehen befunden. Doch meine Begleitung zuckte nur die Achseln und meinte, das sei normal. Damit habe man gelernt, in Israel zu leben. Und es sei ja nix passiert.

In Österreich oder auch anderswo kommt man leicht in den Ruf, judenfeindlich zu sein, wenn man Israels Politik kritisiert. Tatsächlich gibt es nicht wenige Israelis —zumindest kenne ich nur solche — die mit der Regierung Netanjahu nicht einverstanden sind. Sie wollen nichts anderes als Frieden mit den Palästinensern und verurteilen die Siedlungspolitik. Sie sind genauso entsetzt wie die Mehrheit der Länder über Trump, obwohl er ein ausgesprochener Freund Israels ist. Als kurz nach den letzten Wahlen die israelische Mondlandung missglückte, kursierte ein Witz: man habe ihn der verunglückten Kapsel einen Zettel gefunden, auf dem stand: wenn Nethanjahu wieder gewählt wird, begehe ich Selbstmord.

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Wie eine Mondlandschaft. Der Negev, gesehen von Mizpe Ramon.

Israel ist ein kleines Land, das größtenteils aus Wüste besteht. Doch die ersten Einwanderer haben ungeheure Anstrengungen vollbracht, blühende Städte zu errichten. Meerwasser wird entsalzt und kann sogar als Trinkwasser verwendet werden. Umso mehr habe ich mich gefragt, warum die umstrittenen Siedlungen ausgerechnet im palästinischen Westjordanland errichtet werden, obwohl ringsum eine leere Wüste liegt, die mit israelischem Know-How in fruchtbares Land verwandelt werden könnte. Die Antwort ist so verwirrend, wie die gesamte Situation. Aus israelischer Sicht wurde das Westjordanland im Sechs-Tage-Krieg von Jordanien zurück erobert. Palästina als Staat hat nie existiert. Doch verständlicherweise wollen die Palästinenser ein eigenes Land haben. Um des Friedens Willen sollte man auf ihre Forderung eingehen. Das ist zumindest die Meinung der liberalen Israelis und aller, die eine Zwei-Staaten-Lösung anstreben. Ich kann beide Seiten verstehen und sehe ein unlösbares Problem. Netanyahu’s rechte Regierung und Amerika unter Trump sind meilenweit von einer friedlichen Lösung entfernt. Wenigstens herrscht zur Zeit Frieden mit dem Nachbarn Jordanien, wenn auch um den Preis, dass Israel das Wasser des Jordan südlich des Sees von Genezareth an Jordanien abtreten musste. Der Jordan erreicht kaum mehr das Tote Meer, das in der Folge immer mehr austrocknet. Auch im Jordan Tal, das vom Toten Meer bis nach Eilat reicht, fließt schon lange kein Wasser mehr.

 

 

Además…

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Ozelot in einem Tierheim. Als Haustier aufgewachsen (illegal!) würde er in der Wildnis keine Überlebenschance haben.

Glücklicherweise hat sich mein erster (negativer) Eindruck nicht festgesetzt. Costa Rica ist nicht Mexiko und ich brauchte eine Weile, um mich umzustellen. Um es in wenigen Worten zu sagen: Mexiko ist Kultur, Costa Rica ist Natur.

Die Kolonialzeit hat in Costa Rica kaum Spuren hinterlassen, wenn man von der radikalen Dezimierung der indigenen Ureinwohner absieht. Diese machen nur mehr 2% der Gesamtbevölkerung aus ( der geringste Anteil von allen mittelamerikanischen Staaten) und haben sich in abgelegene Territorien im Hochland zurückgezogen. Da die anfängliche Hoffnung auf Gold sich nicht erfüllt hatte, blieb das Interesse der Spanier an der Gegend gering. Nur mit Kaffee und Bananen ließ sich eine Zeitlang Geld verdienen. Daher sind in Puerto Limon noch die Ruinen einstiger Herrenhäuser zu sehen. Selbst in Cartago, ehemals Hauptstadt, steht nur noch eine Kirchenruine aus der spanischen Zeit. Alles andere wurde durch mehrere Erdbeben zerstört. Die meisten Städte und Dörfer sind uninteressant, austauschbar, hässlich. Niedrige Buden, Bungalows hinter hohen Mauern und mehrfachen Gittern, auf denen zusätzliche Stacheldrahtrollen liegen.

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Wenn prächtige Gärten die Häuser verdecken, ist es am schönsten. Da blüht und wuchert es in allen Farben. Die Architektur kann man also getrost ausblenden. Was an modernen Bauten und Luxushotels existiert, ist von den USA geprägt. (Überhaupt ist der Einfluss der Vereinigten Staaten gewaltig. Was man auch daran erkennt, dass der Dollar ein beliebtes Zahlungsmittel ist und sogar aus manchen Automaten gezogen werden kann. Auch die meisten Touristen kommen aus Nordamerika).       In San José soll es ein schönes Theater geben, das Führungen anbietet, aber keine Aufführungen. Eine eigenständige Musik? Reggae und Calypso an der Karibikküste, die die schwarzen Sklaven mitbrachten, ansonsten was man überall in Lateinamerika findet, bzw. in den US Charts. An der Karibikküste ist auch das Essen besser. Im übrigen Land ist es eher einfallslos. Gallo Pinto, frittierte Bananen und Eier zum Frühstück. Bohnen, Reis, Pommes, Platanas zu Fleisch oder Fisch, genannt Casados. Letztere meistens totgebraten. Es gibt fast überall Kühe, aber nicht einmal in den sehr guten Hotels gibt es zum Frühstück Butter. Jogurt nur im Supermarkt, meist mit 0% Fett. Kein ernstzunehmender Käse, kein ordentlicher Schinken. Was machen die bloß mit ihren Kühen? Wein sollte man besser zuhause genießen, Vino de coyol ( aus der Coyolpalme) ist nicht jedermanns Geschmack, importierter Wein kostet nicht selten 10 Dollar das Glas. Besser ist Bier. Natürlich kann man in ausgewählten internationalen Restaurants auch sehr gut essen, aber ich spreche von der nationalen Küche. Dabei ist das Angebot auf den Märkten phantastisch: Früchte wie Papaya, Ananas, Melone, Granadilla, Kaktusfrucht, Mango, Kokosnuß, Banane… etc. , die man bei uns nur für viel Geld und schon gar nicht in dieser Qualität bekommt. Viele interessante Gemüsesorten, Kräuter, Gewürze, Salate, frischen Fisch, Meeresfrüchte… warum machen sie nichts draus?

Literatur? Überschaubar. In einer Sammlung von Kurzgeschichten habe ich drei Autoren aus C.R. entdeckt: Jessica Clark Cohen, deren Kurzgeschichte Häuptling Alfaro sehr witzig ist und viel über die Mentalität des Landes verrät (siehe unten). Guillermo Barquero, Warren Ulloa, Carla Pravisani. Um die jüngeren zu nennen. Von Carlos Luis Fallas, einem der berühmtesten Dichter, habe ich leider auf Kindle keine deutschen Übersetzungen gefunden. In San José gibt es einige Museen, im übrigen Land sind mir nur solche untergekommen, die die Natur zum Thema haben. Kurz und gut: nach Costa Rica fährt man weder der Kunst noch des Essens wegen.

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Die „Kunst“ der Natur

Fauna und Flora in den zahlreichen Naturreservaten der unterschiedlichen Klimazonen, sowie herrliche Strände an beiden Weltmeeren locken die Touristen ins Land. Und Costa Rica weiß seine Schätze zu vermarkten. Die Preise sind hoch, die Straßen, die zu ihnen führen, oft miserabel. Man fragt sich, warum z. B. in einer Touristenhochburg wie Monteverde, wo es über 50 Hotels und Unterkünfte gibt, kein Geld für den Straßenbau vorhanden ist. Korruption sagen die einen, eine zu schnelle Entwicklung die anderen.

„Achtzig Prozent der Befragten…..glaubt, dass das für öffentliche Baumaßnahmen bereitgestellte Geld niemals dort ankommt, wofür es bestimmt ist. Fünfzehn Prozent sind …der Meinung, dass die Schalter an den Ampeln gar nicht angeschlossen sind….Für vierundneunzig Prozent besteht das größte Problem in der Kriminalität, und sie denken daran, sich zu bewaffnen, um ihre Familien zu schützen, weil sie nicht glauben, dass jemand kommt und sie beschützt, wenn sie die Polizei rufen.“ ( aus: Häuptling Alfaro, Jessica Clark Cohen)

Mein erster Gastgeber Vicente erzählte mir ganz entsetzt, er habe gelesen, der Nationalpark Manuel Antonio sei in der Hand der Mafia. Aber er wird doch von der Regierung verwaltet! rief er aus. Nun ja, vielleicht ist das ja ein und dasselbe. Ein ehemaliger Präsident und Friedensnobelpreisträger, dem sehr viel Land gehört, lässt angeblich ganze Urwälder niederbrennen, um Bauland zu schaffen. Die Brände, die wir rund um unser Condominio täglich beobachten konnten, sind aber eher die Folge von extremer Hitze und Trockenheit.

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Trotzdem scheint es den Costaricanern besser zu gehen als so manch anderem Land in Mittelamerika. Der Umweltschutz, von Ansätzen abgesehen, wird mehr behauptet als praktiziert. Wassermotorräder, sogenannte Jetskis, pflügen in Strandnähe über das Meer – als Schwimmer muss man um seinen Kopf fürchten -, wartende Autos lassen  wegen der Aircondition generell den Motor laufen, auch 20 bis 30 Minuten lang, Einwegplastik ist seit 2018 angeblich verbannt, viel merkt man davon nicht. Der Wasserverbrauch in den trockenen Küstengebieten für Gärten, Parks und Golfplätze ist enorm, während rundherum die Wälder brennen. Allerdings kann man nahezu in ganz Costa Rica Wasser aus dem Hahn trinken. Auch Eiswürfel und Salat sind meist kein Problem. Und: seit 1983 gibt es kein Militär in dem neutralen Staat. Die katholische Religion spielt keine so große Rolle wie in Mexiko, dafür gibt es Sekten und ich habe einige Zentren der Zeugen Jehovas gesehen. Auf der Küstenstraße in Nicoya sind mir Schilder am Straßenrand aufgefallen mit Texten wie: ASK, I WILL ANSWER, GOD. Oder: TRUST ME, I AM WITH YOU, GOD. Oder: WHEN YOU FEEL TO CURSE, USE YOUR OWN NAME, GOD. Selbst, wenn man mit gemäßigter Geschwindigkeit die Texte im Vorbeifahren lesen will, wird man unweigerlich vom Verkehr abgelenkt. Ob dann Fragen und Vertrauen in Gott noch viel helfen? Eher Flüche, falls man dann noch am Leben ist.

Die Menschen habe ich manchmal sehr unfreundlich erlebt, dann wieder überfreundlich bis distanzlos. Die freundliche Höflichkeit der Mexikaner, die sich auch beim Autofahren zeigt, eher selten. Hier herrscht auf den Straßen das Gesetz des Stärkeren. Geschwindigkeitsbeschränkungen sind Vorschläge, an die sich so gut wie niemand hält.

„…da sah sich Alfaro am Ende einer langen Schlange vor einer roten Ampel stehen. Durch das Panzerglas des Seitenfensters sah er, wie ein anderer Wagen an der wartenden Autoschlange vorbeifuhr, an der Ampel in aller Ruhe bremste, um dann mit einer triumphalen Demonstration seiner Stärke bei Grün als Erster davonzubrausen. Andere Fahrer suchten andere Wege, aus der Schlange auszubrechen, und verursachten dabei unter Geschrei, Beschimpfungen und Hupen so etwas wie eine Massenkarambolage in Zeitlupe.“ ( aus: Häuptling Alfaro)

Wenn man die verbarrikadierten Häuser in den Städten sieht oder den Warnungen der Einwohner Glauben schenkt, ist die Kriminalität hoch. Mir persönlich ist glücklicherweise auch hier nichts passiert. Trotz allem ist Costa Rica natürlich eine Reise wert und ich habe sie die meiste Zeit auch genossen. Ich muss hoffentlich nicht extra betonen, dass meine Erfahrungen und Beobachtungen von drei Wochen rein subjektiv sind und andere das Land anders erleben.

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Traumhafte Sonnenuntergänge über dem Pazifik

Zum Schluß möchte ich mich bei all meinen Lesern bedanken, dass Ihr mich wieder begleitet habt. Ich habe mich über Eure Kommentare sehr gefreut und hoffe, Euch einen kleinen Einblick in die besuchten Länder vermittelt zu haben.

HASTA LA PROXIMA VEZ !

 

Vom Nieselnebel in die Tropenhitze

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Die sauren Mandarinen vor dem Fenster meines Hotels in Monteverde

Es gehört zu den Besonderheiten Costa Ricas, das es auf kleinstem Raum – kaum größer als die Schweiz – mit verschiedenen Landschaften und Klimazonen aufwarten kann. Die meisten davon habe ich erfahren: die ganzjährig frühlingshaften Temperaturen um San José, die feuchte Hitze der karibischen Tiefebene – hier regnet es zwischen Mai und Oktober mindestens 20 Tage im Monat -, die etwas kühleren Temperaturen auf den und rund um die Vulkane, die nicht nur heiße Quellen, sondern auch fruchtbaren Boden für die Landwirtschaft entstehen ließen: Bananenplantagen, Ananasfelder, Zuckerrohr, sogar Pfefferbäume. Das feuchtkühle Klima in Monteverde, wo die Vegetation wie in einem Treibhaus wuchert, und schließlich der hügelige Westen, die Pazifikküste, wo wiederum hohe Temperaturen herrschen.

So verabschiede ich mich bei Sonnenschein und gleichzeitigem Regen von Monteverde. Erstmal über steinige Pisten geht es durch eine hügelige Landschaft talwärts Richtung Westen. Hinter mir die in Nebel gehüllten Wälder, zu meinen Füßen der Golf von Nicoya. Die Halbinsel Nicoya ist das letzte Ziel meiner Reise. Dort werde ich B. treffen, die sich bereits zwei Monate im Land aufhält.

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Blick über die Hügelkette auf den Golf von Nicoya

Je tiefer wir kommen, umso höher steigt die Temperatur; innerhalb einer Stunde um 15 Grad. Das satte Grün weicht immer mehr braungelben Wiesen, auf denen Kühe offenbar trotzdem genug Futter finden. Kreischende Papagayen in blühenden Baumkronen.

 

Das Westin Golfclub&Spa Hotel, ein sündteurer Luxusschuppen, ist umgeben von einem Areal, auf dem sich auch Privatvillen und Apartments befinden. Das Ganze ist eine Gated Comunity, in die niemand rein darf, der hier nicht wohnt. Am Eingang bekommen wir ein gelbes Plastikarmband mit einer Nummer verpasst, das wir während unseres Aufenthalts hier zu tragen haben. Ein merkwürdiges Gefühl überkommt mich. Ich muss an den gelben Judenstern denken, der Menschen gebrandmarkt hat. Zu welcher Gemeinschaft gehören wir, die wir nur durch Homeexchange hier gelandet sind? Sicher nicht zu den superreichen Costaricanern oder vielmehr Amerikanern, die hier ihre Zweitvillen besitzen oder ihre Millionen reinwaschen. Der Golfplatz, den wir von unserer Veranda aus überblicken, wird noch vor Sonnenaufgang von den vielen dienstbaren Geistern mit dem kostbaren Wasser, das hier ohnehin Mangelware ist, bewässert, damit wenig später ein paar Männer in karierten Hosen auf Golfcaddys ein paar Runden drehen und ein paar Bälle schlagen können. Denn schon bald wird es unerträglich heiß. Und wenn die Hitze nachlässt, ist es bereits dunkel. Ein Golfplatz hier ist ungefähr so sinnvoll wie die Fußballweltmeisterschaft in Katar.

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Blick von der Terrasse

Natürlich genießen wir trotzdem den Luxus, der uns zur Verfügung steht. Ein riesiges Apartment mit drei Schlafzimmern, ein Swimmingpool, das sich einige Apartments teilen, das wir aber meistens für uns alleine haben. Ein Anruf genügt und man fährt uns zum Westinhotel, dessen Pools mit allen Restaurants, Bars und sonstigen Einrichtungen wir ebenfalls benutzen dürften, wenn wir denn wollten. Doch laute Musik an der Poolbar und schnatternde Amerikaner lassen uns Abstand halten. Und dann natürlich der Strand! Endlich ein Meer, in dem man auch schwimmen kann. Das Wasser ist  angenehm erfrischend, der Wellengang in der Bucht gering. Man kann Pferde für einen Strandritt mieten oder sich massieren lassen.

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Wer kennt den Namen dieses Vogels? Wir haben ihn auf keiner Vogelkarte finden können. Hinweise erbeten an: Kommentar zu diesem Beitrag.

Beim Frühstück auf der Terrasse haben wir Gesellschaft von Vögeln, die wir nur mit Mühe von unseren Lebensmitteln fernhalten können. Überhaupt sehe ich hier mehr Vögel als in den allen Naturreservaten zusammen. Auch Iguanas umschleichen den Pool, nachts hört man die Brüllaffen aus den umliegenden Wäldern heulen. Das Verhältnis hat sich umgekehrt. Während wir es nun sind, die sich in einem Reservat befinden, besuchen uns die Tiere von draußen. Ob sie sich fragen, was das für Geschöpfe sind, die mit gelben Armbändern rumlaufen?

 

 

 

Nebelwald Monteverde

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Fifty shades of green

Anfangs macht die Reserva Biológica Bosque Nuboso Monteverde keinen nebeligen Eindruck. Die Sonne bricht durch das üppige Blätterwerk und verwandelt ihn in eine Symphonie leuchtender Grüntöne. Doch das Wetter ändert sich minütlich. Kurz darauf ziehen finstere Wolken auf, ein kurzer Regenschauer und … wieder Sonne. Jetzt glitzern Millionen Regentropfen um die Wette. Plötzlich ein stürmischer Wind. Vom Osten her überziehen Nebelschwaden den Wald und man wähnt sich in einem mystischen Zaubergarten. Fünf Stunden, so habe ich am Eingang angegeben, will ich mich hier aufhalten. Offenbar brauchen sie das für ihre Besucherstatistik. Es werden beinahe sechs. Sendero Bosque Nuboso heißt der Hauptwanderweg, der das gesamte Gebiet umschließt. Dazwischen jede Menge anderer Pfade, die namentlich den Gründern bzw. Forschern des Nebelwaldes gewidmet sind. Der Sendero Chomogo führt steil bergauf zu einem Aussichtspunkt an der kontinentalen Wasserscheide. Rechts fließt alles Wasser in den Pazifik, der in der Ferne zu erahnen ist, links in den Atlantik, bzw. ins Karibische Meer. Dieses ist allerdings durch Nebelschwaden verhüllt. An klaren Tagen sieht man von hier (ca. 1700m Höhe) beide Weltmeere. Doch gerade jetzt stürmt es gewaltig und ich halte mich zur Sicherheit am Geländer fest.

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Blick von Monteverde über die Abhänge zum Pazifik

Die 3600 Hektar sind in Privatbesitz, werden aber vom tropischen Forschungszentrum verwaltet. Die meisten Wege, zumindest die steilen, sind mit Lochziegeln befestigt, doch durch Nässe und herabfallende Blätter gerate ich mehrmals ins Rutschen. Vor allem, weil mein Blick nach oben zu den Wipfeln der majestätischen Giganten gerichtet ist, dessen Stämme wiederum Hunderten von anderen Pflanzen Nahrung bieten, oft auf Kosten des eigenen Lebens. Eine Feigenart, die von oben her den Baum umarmt, ihn immer mehr aussaugt und wie eine Boa Constrictor ihn schließlich erwürgt, bis schließlich nur mehr eine hohle Hülle vom ehemaligen Gastgeber übrigbleibt. Dieser Vorgang dauert Jahrzehnte und bietet einer Vielzahl von Insekten Schutz und Nahrung. Die Früchte dieses Feigenbaums sind für die Tiere wie Süßigkeiten für Kinder, so beschreibt es eine Tafel. Und: hier gibt es keinen Tod, nur Transformation.

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Diesmal habe ich mich gegen einen Führer entschieden. Ich möchte i Wald durchlaufen, stehenbleiben und verweilen, wo es mir gefälltObwohl es 100 Säugetierarten gibt – darunter auch Jaguer, Puma, Ozelot -, 400 Vogelarten, 1200 Amphibien und Reptilienarten, 5000 Insektenarten, bekomme ich nur wenige davon zu Gesicht. Verständlicherweise ziehen sich die Tiere in die hohen Baumkronen oder ins Dickicht zurück, solange der Park von Besuchern frequentiert wird. Dass nicht einmal ausgebildete Führer mit ihren geschulten Augen und Spezialobjektiven so ohne weiteres ein Tier erspähen, sehe ich daran, wie sich sofort eine Traube von Menschen bildet, sobald z.B. ein Quetzal die Gnade hat, sich in angemessener Entfernung aufzuhalten.  Dann klicken meterlange Teleobjektive und es herrscht große Aufregung. Auf die Art habe auch ich einen Quetzal gesehen mit seinen meterlangen grünen Schwanzfedern. Im übrigen beschränke ich mich auf die vielfältigen Pflanzen und Blumen. Verschiedene Arten wilder Avocado; wilde Ananas; Blüten einer dem Kaffee verwandten Pflanze, so rot und von der Form wie Frauenlippen und für bestimmte Insekten so verführerisch wie diese;  Strelitzien, die man bei uns teuer bezahlt; und natürlich die Farne, mal klein, mal meterhoch, die die ältesten Pflanzen der Welt sind. Sie gab es schon vor den Dinosauriern. Mit ihren Wurzeln verhindern sie die Bodenerosion und mit den Schirmen ihrer gefiederten Blätter bewässern sie langsam und sanft den Boden.

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Doch auch hier macht sich der Klimawandel bemerkbar. Manche Amphibienarten wie die gelborange Goldkröte, der die Gründung des Parks zu verdanken ist, ist bereits ausgestorben. Andernorts hat man erfolgreich bereits abgeholztes Gelände wieder in Urwald verwandelt.

Selbstverständlich gibt es auch hier eine Hängebrücke und auch ein Wasserfall darf nicht fehlen. Doch auch ohne diese ist der Wald ein Erlebnis. Nach fast sechs Stunden bin ich erschöpft und mein Nacken schmerzt vom Nachobenschauen.

In einer Frauenkooperative esse ich für wenig Geld wie bei Muttern. Auch den morgigen Tag werde ich noch in Monteverde verbringen und das kühle Klima genießen, bevor in der letzten Woche an der Pazifikküste mich wieder feuchtheißes Tropenklima erwartet.

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Trompetenbaum

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Die Äste des mörderischen Feigenbaums

Monteverde

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Als erstes fällt mir das Wetter auf. Strahlender Sonnenschein und trotzdem liegt ein feiner Sprühregen in der Luft. Auch hier wohne ich in einem Hotel – im Wald verteilte Holzhütten – das von einem eigenen kleinen Nebelwald umgeben ist. Ganz so luxuriös wie im Arenal ist es nicht, aber auch hübsch. Mehrere Wege führen durch den Wald und für den Abend buche ich gleich eine Nachttour, um Tiere zu beobachten. Klingt erstmal merkwürdig, da es zum einen finster ist und zum anderen die Vögel schlafen. Tatsächlich aber kann man sie im Schlaf besser beobachten. Der Guide hat eine starke Taschenlampe, ein Fernrohr und ein Lasergerät, mit dem er uns anzeigt, wo wir hinschauen müssen. Da sitzen sie tatsächlich in den Ästen, die Köpfchen eingezogen und dösen mit offenen Augen und manchmal auf nur einem Bein. Zu lange dürfen wir sie nicht mit Licht irritieren, um sie nicht zu wecken. Ich wollte ich könnte mir all ihre Namen merken, aber das ist meine große Schwachstelle. Seitenlange Texte ja, aber Namen, ob von Vögeln, Pflanzen oder Menschen, nein. Ein paar konnte ich mit meiner Kamera einfangen, mit meinem Handy leider nicht, sodass ich diesen süßen Kerl von der Kamera abfotografiert habe. Er heißt irgendwas mit Säbel, siehe Schnabel.

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Außerdem riesige Ameisenhaufen, Nachtfalter, Glühwürmchen, ein Gürteltier,  Agutis (eine Nagetierart). Wir sind zu viert und bewegen uns mit unseren Taschenlampen wie etwas größere Glühwürmer durch den Wald. Unser Guide heißt Herbert und hatte einen deutschen Großvater, den er über alles bewunderte. Im Stillen hoffe ich für ihn, dass er kein Nazi war, der sich in CostaRica versteckt hielt. Herbert kennt alle Pflanzen, Tiere und Vögel, er kann sogar von einigen die Laute täuschend echt nachahmen. Man merkt, dass ihm sein Beruf Spaß macht. Lange stehen wir vor einem Baum, in dem sein Kollege vor kurzem ein Stacheltier (?) gesehen hat. Doch so sehr wir unsere Augen auch anstrengen, wir können es nicht entdecken, was  Herbert fast mehr als wir bedauert.

Das Naturreservat Bosque Nuboso Monteverde hebe ich mir für morgen auf.