Biennale di Venezia

MAY YOU LIVE IN INTERESTING TIMES ist das diesjährige Motto. Vier Tage werde ich hier sein. Ich habe also ausreichend Zeit, mir in Ruhe die zwei wichtigsten Ausstellungsorte Arsenale und Giardini anzusehen. Einige meiner Freunde, mit denen ich schon einige Male die Biennale besucht habe, machen sich immer lustig über mich, wie ausführlich und lange ich mir jedes einzelne Kunstwerk ansehe. Ich lese meistens auch alles, was darüber geschrieben steht. Natürlich ist nicht alles interessant, aber ich finde, die Künstler haben ein Recht, dass man sich mit ihrer Arbeit auseinandersetzt. Diesmal hat sich Ausstellungsleitung auf sozialkritische und politische Themen konzentriert, Schwarze, Frauen und Queere – auch eine behinderte Künstlerin – sind überdurchschnittlich vertreten. Ein lobenswerter Ansatz. Doch wirklich berührt haben mich in dieser Hinsicht vor allem die Fotoporträts des Inders Soham Gupta. Die nächtlichen Aufnahmen der Gestrandeten in Kalkutta sind ein erschütterndes Ecce Homo.

Auch die Gemälde und Zeichnungen des Afrikaners Michael Armitage über die Revolution in Kenya beeindruckten mich.

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Der bedenkliche Zustand der Welt und apokalyptische Zukunftsvisionen in Videos und Installationen deprimieren in dieser Dichte und sind künstlerisch nicht immer überzeugend. Hier noch ein paar gelungene Beispiele.

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Ein weißer Gang im gleißendem Licht eines japanischen Künstlers
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Skulptur von Enrico David
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Gemälde einer schwarzamerikanischen Künstlerin
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Von Messern aufgespießte Rosen von Renate Bertlmann. Österreichischer Pavillon.
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Das Ende der Bibliothek. Neuseeland Pavillon

Entspannter und weniger anspruchsvoll die Skulpturen in den Parks rund um Giardini.

Fast könnte man die monumentale Privatjacht des russischen Milliardärs Andrei Melnitschenko am Kai auch für ein Kunstwerk halten. Der glatt polierte Dreimaster –  Wert 600 Millionen Dollar – sieht aus wie ein Jumbojet, der sich versehentlich ins Wasser verirrt hat. Ein größerer Kontrast zum Thema der Biennale lässt sich nicht denken.

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Der israelische Pavillon verdient eine besondere Erwähnung. Normalerweise bin ich nicht sehr erfreut, wenn man sich anstellen oder, wie in diesem Fall, sogar eine Nummer ziehen muss, um nach langer Wartezeit endlich in den Genuss der Performance zu kommen. Doch diesmal hat das ganze Methode. CARE NEEDS TIME. Das mit einem blauen Kreuz versehene mobile Krankenhaus hat sich zur Aufgabe gemacht, Krankheiten der Gesellschaft zu heilen, bzw. sie zumindest zu thematisieren. Wenn die eigene Nummer endlich aufgerufen wird, hat man die Wahl zwischen vier verschiedenen Krankheiten: Kindesentführung, Kindesmissbrauch, das Palästinenserproblem und…das vierte habe ich vergessen. Ich wähle das Palästinenserproblem. Dann wird man gebeten, sich Plastikhüllen über die Schuhe zu ziehen und im ersten Stock Platz zu nehmen. Dort sind drei Kabinen, vor denen man erneut wartet, bis man dran kommt. In der isolierten Kabine wird man aufgefordert, zu schreien. So laut und so lange man kann. Zu schreien, wie es sonst nie und nirgends erlaubt ist. So erleichtert begibt man sich in den zweiten Stock. Eine Krankenschwester weist einem einen Behandlungsstuhl zu, vor dem ein Monitor angebracht ist. Man bekommt Kopfhörer und jetzt wird zum gewählten Thema ein Video gestartet. Ich erwarte eine Diskussion oder ein Manifest eines Palästinensers. Stattdessen erscheint ein Mann mit einem Schafskopf. Der Künstler will oder muss anonym bleiben. Nach wenigen Worten beginnt er wortlos zu masturbieren. Es dauert mindestens fünf Minuten bis er zum Orgasmus kommt, in denen ich zwischen Abwehr, Ekel und Empörung schwanke. Der dumm lächelnde Schafskopf bewegt sich dabei im Rhythmus der Erregung. Am Ende lüftet der Mann den unteren Teil der Maske und spuckt dem Betrachter ins Gesicht. Es folgen unartikulierte Schaflaute, aus denen sich allmählich das Wort HOME heraushören lässt. Soweit die Vorstellung. Nun kann man mittels Schalter eine Second Opinion von Fachleuten anklicken. Eine Psychoanalytikerin analysiert das Geschehen und erzählt dazu eine Geschichte, die sie selber erlebt hat. Sie pflegte oft in einem Restaurant in Tel Aviv zu essen, wo es besonders gutes arabisches Auberginenpüree gab. In der Küche arbeiteten illegal Palästinenser, die auch in der Nacht dort schliefen. Der jüdische Besitzer des Restaurants verdächtigte sie des Diebstahls und ließ eine Kamera in der Küche anbringen. Wie sich herausstellte, wurde nichts gestohlen, doch die Köche masturbierten in das Auberginenpüree, was diesem offenbar das unvergleichlich beliebte Aroma verlieh. Ich habe über dieses Ereignis noch lange mit meiner israelischen Freundin telefoniert. Man kann nicht behaupten, dass diese Performance der israelischen Künstlerin Aya Ben Ron ihre Wirkung verfehlt hätte. Ich enthalte mich jeder Interpretation und sage nur soviel: wenn Worte nichts mehr zustande bringen, provozieren vielleicht andere Entäußerungen mehr Aufmerksamkeit. Zyniker israelischer Seite mögen sagen: besser Sperma als Bomben, auf arabischer Seite: schade um die vielen verlorenen Kinder, mit denen wir noch schneller den Israelis zahlenmäßig überlegen sein werden.

Weiters positiv in Erinnerung geblieben sind mir der Belgische Pavillon mit traditionellen Figuren, liebevoll als Puppen arrangiert, der russische mit einem Marionettenballett und einer eigenwilligen Hommage an die Hermitage, ärgerlich oder komplett aus meiner Erinnerung verschwunden sind der deutsche, französische und britische Beitrag. Einige Videos mit animierten Figuren waren spannend, andere wiederum überflüssig. Alles in Allem: ich habe schon interessantere Biennalen gesehen.

Doch der Star und die beste Kunstinstallation aller Zeiten ist und bleibt Venedig selbst. Auch wenn es von Touristen überrannt wird, es zu versinken droht, die Preise wieder exorbitant gestiegen sind und inzwischen auch meine chinesischen Freunde die Stadt überschwemmen. Sie ist und bleibt einzigartig.

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Von Casier nach Quarto D‘Altino

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Ein langer, doch bequemer Weg, den Windungen des Flusses Sile folgend, liegt heute vor mir. Anfangs ist es bewölkt, auch ein wenig windig, doch gegen Mittag kämpft sich die Sonne durch. Matteo, derselbe Taxifahrer von gestern, holt mich ab. Wieder mit dabei sein schweigsamer Sohn. Diesmal bittet er mich nicht umsonst, vorne zu sitzen. Er möchte sich mit mir unterhalten. Und er hat einige Geschichten zu erzählen. Wir fahren an den Geburtsorten von Benetton und dem Gründer von Diesel vorbei. Beide Männer kennt er seit seiner Jugend. Die Benettonbrüder sind in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen. Die Mutter, um etwas zum Unterhalt der Familie beizutragen, strickte Pullover, Westen und dergleichen. Nach der Schule, im Alter von 14, 15 Jahren, kommt der ältere Sohn Luciano in eine Lehre in ein Kleidergeschäft. Eines Tages, so will es die Legende, kommt ein Mann in das Geschäft und will einen Pullover kaufen. Doch keine der angebotenen Waren findet sein Gefallen. Da entdeckt er den jungen Gehilfen Benetton, ganz bestrickt von seiner Mama. Diesen Pullover will der Mann haben und keinen anderen. Das ginge nicht, sagt der Geschäftsführer. Auch der Junge hat kein Interesse, sich ausziehen zu lassen. Den hätte seine Mama angefertigt, den gebe es nicht zu kaufen. Doch der Kunde lässt nicht locker. Die Mama könnte doch auch für ihn … er würde sie gut bezahlen. Und die Mama ist nicht abgeneigt. Das Kleidergeschäft übernimmt immer öfter ihre Erzeugnisse, bis die Benettons beschließen, das Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. Das sei die Geburt des Imperiums gewesen, versichert mir Matteo. Auf meine Frage, warum United Colours of Benetton, hat er ebenfalls eine Antwort. Man hätte die Wolle aus Argentinien bezogen und als Werbegag die Schafe mit verschiedenen Farben gekennzeichnet. Das sei die Uridee gewesen.

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Über Diesel weiß er folgende Geschichte. Es habe in Treviso eine Firma namens Goldschmied gegeben, die Jeans hergestellt habe. Allerdings mit wenig Erfolg, sodass sie eines Tages geschlossen wurde. Weil der Besitzer seinen Arbeitern den geschuldeten Lohn nicht bezahlen konnte, übernahmen vier der Betroffenen die Nähmaschinen und machten sich selbstständig. Der Erfolg stellte sich nicht sogleich ein, doch allmählich entwickelten sich die Diesel Jeans zum Renner. Renzo Rosso, der Chef, sei ebenfalls ein Bekannter von ihm, erzählt Matteo. Man treffe sich hin und wieder, wenn es Renzos Geschäfte zulassen, in der Trattoria Caneva, in eben der, wo ich gestern gespeist hätte. Einmal habe er Renzo zum Flughafen gefahren und ein Telefongespräch mitgehört, in dem es um mehrere Schlafzimmer mit Ehebett und Einzelbetten gegangen sei. Matteo sei davon ausgegangen, dass es sich um ein Hotel oder um ein Apartment handelte, bis Renzo ihn aufklärte. Die Rede sei von seinem neuen Privatjet mit 12 Schlafzimmern gewesen.

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Ob die Geschichten wahr sind, sei dahingestellt. Wenn nicht, sind sie gut erfunden und äußerst unterhaltsam vorgetragen. Die eineinhalb Stunden Fahrzeit ist im Nu verflogen. Unterwegs halten wir noch bei einer Käsefabrik, die ausschließlich Mozzarella di Buffala herstellt. Ein meterlange Theke, voll mit Mozzarella in allen Formen und Reifegraden. Matteo lässt es sich nicht nehmen, mich auf eine Portion einzuladen. Der Sohn lehnt auch das ab. Er schüttelt nur schweigsam den Kopf. Er rede nicht viel, sagt sein Vater achselzuckend, aber er sei ein guter Junge. Und ein wenig beschränkt, denke ich bei mir. Ich bitte Matteo, meinen Koffer nicht, wie von der Agentur geplant, im Hotel Mercure abzugeben, sondern im Plaza Venice, welches sich direkt am Bahnhof in Mestre befindet. Da ich nicht in Mestre übernachten wolle, würde ich nur kurz die Fahrt von Quarto D‘Altino nach Venedig Santa Lucia unterbrechen müssen, um den Koffer holen und könne dann gleich weiterfahren. Matteo ist gerne bereit, mir den Gefallen zu tun.

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Um 10h40 starte ich meine Wanderung am Hafen von Casier. Es sollte noch ein langer ereignisreicher Tag bis zu meinem endgültigen Ziel in Venedig werden. Der Weg ist Teil der Radroute München-Venedig. Früher haben Pferde auf diesem Pfad die Schiffe flussaufwärts gezogen. Meine Befürchtung, von Radfahrern überfahren zu werden, erweist sich als unbegründet. Die meisten scheinen in Riva del Garda geblieben zu sein. Nur vereinzelt fahren sie an mir vorbei. Weite Teile des Flusslaufes sind Naturschutzgebiet mit seltenen Vögeln und Pflanzen. Der Fluss schillert in allen denkbaren Grüntönen, Schwäne ziehen gemächlich ihre Bahnen, Fischer stehen bis zu den Hüften im Wasser und lassen ihre Angelruten kreisen. Es zwitschert und blüht ringsherum, manchmal zieht ein kleines Schiff vorbei. Ich überquere Holzstege und Brücken und sehe am gegenüberliegenden Ufer verträumte Häfen. Nur manchmal entfernt sich der Weg vom Ufer, um in einen Ort zu führen, um gleich dahinter wieder dem Fluss zu folgen. Ein schöner Abschluss meiner 6-tägigen Wanderung. Wäre es doch so gemächlich bis zum Canal Grande weiter gegangen!

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Um 15h17 besteige ich in Quarto D’Altino den Zug nach Mestre. Da erreicht mich der Anruf der Agentur, mein Koffer wäre nicht im Hotel Plaza Venice, sondern wie vorgesehen, im Mercure. Das Plaza hätte sich geweigert, ihn anzunehmen. Da ich mit der Agentur schon längere Zeit auf Kriegsfuß stehe, kann ich der Nachricht nicht ganz glauben. Ich vermute eher, man hat es Matteo untersagt, ihn dort abzuliefern. Wie auch immer. Jetzt wird es kompliziert. Das Mercure befindet sich in einem anderen Stadtteil in Mestre. Es dauert mindestens eine Stunde und zahlreiche Erkundigungen, bis ich die richtige Bushaltestelle gefunden habe. Schließlich erbarmt sich der Fahrer eines leeren Busses meiner und bringt mich außertourlich zur Linie 6, die hoffentlich in die richtige Richtung fährt. Doch die in meinen Unterlagen angegebene Bushaltestelle Trieste Mazorbotto existiert nicht. Zumindest ist sie sämtlichen Busfahrern unbekannt. Endlich glaubt einer zu wissen, wo das Hotel Mercure liegen könnte. Wäre nicht mein übriges Geld im Koffer gewesen, hätte ich ein Taxi genommen. So aber bleibt mir nichts anderes übrig, als mich im Dschungel von Mestre durchzufragen. Lieber wäre ich noch weitere vier Stunden gewandert.

Endlich im Mercure angekommen, wo mein Koffer auf mich wartet, glaube ich, wieder dieselbe Tour zurück zum Bahnhof nehmen zu müssen. Doch nein, gleich ums Eck würde die Linie 6 direkt zur Piazzale Roma fahren, so der Portier. Überglücklich schiebe und schleppe ich meine Habseligkeiten zur Haltestelle, an der ich eben ausgestiegen bin. Erst allmählich merke ich, dass ich in die andere Richtung muss. Also über die Straße, unter der Brücke durch. Ich stelle fest, ich bin schon einigermaßen durcheinander.

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An der Piazzale Roma hat meine Odyssee aber noch lange kein Ende. Ich muss den Schlüssel meines Apartments in einem Büro abholen. Wer Venedig kennt, kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, mit Koffer, Rucksack, Wanderstöcken und einem Stadtplan in der Hand unter Millionen Touristen seinen Weg brückauf brückab zu bahnen. Endlich im Besitz des Schlüssels und eines neuerlichen Stadtplans kämpfe ich mich, schon lange am Ende meiner Kräfte, zum Traghetto durch. 7,50 € kosten die drei Stationen bis zum Rialto. Der einzige Vorteil im Traghetto ist, dass man nicht umfallen kann. Berührungsängste sollte man allerdings nicht haben und keine Hemmungen, sich notfalls mit Brutalität durchzuboxen, wenn man aussteigen muss. Erneut stemme ich mich gegen den Touristenstrom um mehrere Ecken, durch mehrere Gassen, über mehrere Brücken, immer wieder den Plan studierend, den Tränen nahe. Um 18h30 mitteleuropäischer Zeit stehe ich schließlich vor der Nummer 5896 in der Calle Larga, unweit der Piazza Santa Marina. Jetzt muss ich nur noch den Koffer in den zweiten Stock schleppen, dann ist alles gut. Sechs Wandertage waren nicht so anstrengend, wie die letzten Stufen zur Tür meines Apartments. Endlich im zweiten Stock angekommen, lasse ich für eine Sekunde meinen Koffer los, um Luft zu holen, da macht er sich auf seinen Rollen selbstständig und poltert die Treppe hinunter mitten in liebevoll arrangierte Blumentöpfe hinein, die sogleich in tausend Scherben zerspringen. Fluchend sinke ich auf der Treppe nieder, als schon aus allen Türen die Bewohner schreien: Costa e successo! Cosa sta succedendo! Ein altes hässliches Weib kommt auf mich zugestürzt, wer ich sei, was ich hier zu suchen hätte, was passiert sei. Dann schreit sie nach oben zu ihrer Mitbewohnerin: Mercedes, eine Signora ist gestürzt, sie hat alles kaputt gemacht. Questi turisti! Jammert sie. Mercedes gesellt sich zu uns, sie scheint etwas mehr Mitleid für mich aufzubringen. Ob mir etwas passiert sei? Tutto bene, Signora? Sei ferita? Ich bin nicht verletzt, lasse sie aber in dem Glauben, um von den zerbrochenen Blumentöpfen abzulenken. Um die zu kümmern habe ich heute absolut keine Energie mehr. Ich habe dieses Apartment gemietet, sage ich kleinlaut. Welches, schreit die Hässliche. Unwillkürlich muss ich bei ihrem Anblick an Raskolnikow denken. An die Wucherin, der er den Schädel mit der Axt gespalten hat. Hier im zweiten Stock. Nein, das sei besetzt, schreit sie weiter auf mich ein. Es könne nur das im ersten Stock sein. Mama mia! Questi Turisti! Sie hat leider recht. Ich hätte mir die ganze Tragödie ersparen können. Es ist im ersten Stock . Fehler des Büros. Zitternd, unter erneutem Geschrei der Nachbarin, schließe ich die Tür auf, schiebe meine Sachen rein, darunter den zerbeulten Koffer, schließe schnell von innen, um zu verhindern, dass mir das zeternde Weib folgt und gleite erschöpft an der Innenseite der Tür zu Boden.

Von Campese nach Bassano del Grappa

Eigentlich stand heute eine weitere Fünfstundentour auf dem Programm, nämlich von Campolongo über die Alta Via del Tabacco nach Bassano del Grappa. Zu dem steilen Anstieg fühlte ich mich heute außerstande. Zu meiner Erkältung hatte sich noch ein ziemlicher  Kater gesellt. Also wählte ich die Talroute, die von Campese die Brenta entlang nach Bassano del Grappa führt. Zugegeben mit eineinhalb Stunden keine Heldentat, aber besser als mit dem Taxi zu fahren. Obwohl der Fahrer ausnehmend nett und kommunikativ war, zudem ein deutliches, mir gut verständliches Italienisch sprach. Im Gegensatz zu seinem Sohn, der während der Fahrt nicht ein einziges Wort von sich gab.

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Bassano del Grappa ist ein schönes Städtchen mit einer Holzbrücke über der Brenta gleich der in Florenz über den Arno. Zur Zeit wird sie jedoch gerade restauriert und ist daher nicht sehr fotogen. Nach einer Wanderung durch die historische Altstadt, in der ich mich mit Köstlichkeiten der Region eindecke, schlafe ich erstmal ein paar Stunden, die ich diese Nacht versäumt habe. Gegen sechs Uhr suche ich eine typische     Trattoria zum Abendessen. Ein Einheimischer schickt mich schließlich in die Caverna. Der Wirt stellt mir eine Tafel auf den Tisch, auf der mit Kreide die heutigen Speisen geschrieben stehen. Zuerst entscheide ich mich für Pasta con Fagioli, doch die müssen noch ein halbe Stunde vor sich hin köcheln, meint der Koch. Also nehme ich Fettuccine mit Funghi und eine Sorte von Käse der Region. Dauern aber auch eine halbe Stunde. Inzwischen hat sich die Kneipe gefüllt, der Laden scheint bekannt zu sein. Ein gutes Zeichen. Einheimische Stammgäste und auch Touristen finden sich ein. Der Wirt scheint ein Fußballfan zu sein. Trophäen und Teamshirts zieren die Wände. Von der Decke hängen Kupferpfannen. Bilder von offensichtlich Prominenten neben dem Wirt über der Theke. Es gibt viel zu beobachten, während ich auf das Essen warte und einige Biere konsumiere.

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Morgen ist der letzte Tag meiner Wanderung und den möchte ich auf alle Fälle voll ausgehen. Erkältung hin oder her.

Die Fettuccine schmeckten übrigens vorzüglich.

Von Barco nach Borgo Valsugana

Der Tag beginnt nicht so strahlend wie die vergangenen. Gewitter wurden vorhergesagt. Ein Taxi bringt mich ins zehn Kilometer entfernte Barco. Vorher allerdings muss er an der Apotheke Halt machen. Aspirin C und Halspastillen sollen mir die Anstrengung des Tages erleichtern. Natürlich würde mich der Fahrer auch gleich nach Borgo mitnehmen, aber erstens ist das gegen meine Wanderehre und zweitens steht heute etwas Besonderes auf dem Programm. Die ARTE Sella. Künstler aus aller Welt haben hier Werke aus Naturmaterialien geschaffen, welche im Wald, auf den Almwiesen und in einem Park ausgestellt wurden. Die will ich sehen, aber dafür muss ich einen langen Anstieg in Kauf nehmen. Langsam geht es voran, weil ich mit verstopfter Nase wenig Luft bekomme. Wenigstens bleiben die Gewitter aus. Gegen Mittag bricht sogar wieder die Sonne aus den Wolken.

Das Fotografieren der Kunstwerke ist untersagt, daher zeige ich hier Bilder aus dem Internet, die ohnehin frei zugänglich sind. Wer Interesse hat, kann die übrigen googeln.

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Nach einer heißen Tasse Tee im Café des Parks mache ich mich wieder auf den Weg auf dem Percorso Arte Natura Richtung Villa Strobele. Diese wird von mehreren Seiten von Baumstämmen durchbohrt.

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Es geht bergab. Trotzdem will ich mir nicht mehr zuviel zumuten und rufe meine Freunde in Borgo an, mir den letzten steilen Abstieg zu ersparen und mich im Refugio Cipriani abzuholen. Ich freue mich, heute mit ihnen einen Abend verbringen zu können, auch wenn ich leider nicht im Vollbesitz meiner Kräfte bin und meine Feierlaune etwas gedämpft ist.

Borgo Valsugana ist ein hübscher Ort, der angeblich ein wenig an Venedig erinnert. Leider bekomme ich nicht all zu viel mit, denn ich muss mich für ein paar Stunden hinlegen, um für den Abend fit zu sein. Meine Freunde haben ein ganzes Stockwerk in einem Palazzo gemietet, ebenfalls im Besitz der Familie Strobele, genauer gesagt eines Kollegen von mir und meinen Freunden. Trotzdem er stark renovierungsbedürftig ist, lässt sich noch die einstige Pracht erkennen. Großzügige Räume, eine riesige Loggia, ein verwunschener Garten mit üppig tragenden Feigenbäumen… es würde wohl einige Millionen kosten, diesem ehrwürdigen Gebäude den früheren Glanz zurückzugeben. Nichtsdestotrotz genießen wir den Abend auf der Loggia mit Blick in die Berge bei einem italienischen Abendessen und Wein aus der Region.

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Von Trient nach Levico Terme

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Um neun Uhr früh fahre ich mit der Valsugana Bahn nach Pergine. Von dort startet meine Tour nach Levico Terme. Nach dem ersten steilen Anstieg zum Castell von Pergine belohne ich mich mit einem Gespritzten in der Schlossbar, obwohl es erst 10h30 am Vormittag ist. Aber ein bisschen Wein gibt auch Kraft. Die Aussicht von hier ist spektakulär.

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Weiter geht es eine ganze Weile auf kleinen, aber leider asphaltierten Straßen, doch mit herrlicher Aussicht auf den Lago die Caldonazzo, bevor der Abstieg auf der Via Romea durch das Biotop Pize schließlich ans Ufer des Lago Levico führt. Die letzten fünf Kilometer gehe ich den schönen waldigen Uferweg entlang. Endlich ein See, in dem ich schwimmen kann. Doch das will ich mir erst am Ziel gönnen. Das Wetter ist noch immer schwül und ich bade meine müden Glieder und den heißen Kopf mindestens eine halbe Stunde lang im angenehm warmen Wasser.

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Der Ort selber liegt noch etwa einen Kilometer weiter aufwärts. Ein beliebter Kurort, dementsprechend betagt ist das Publikum. Leider ist die Terme für Tagestouristen nicht zugänglich. Aber im Hotel gelingt es mir, eine Massage zu organisieren. Eine Ayurveda Massage. Herz, bzw. Beine, was wollt ihr mehr! Nachdem mich Lulla aus Kerala ordentlich durchgeknetet hat, geht es mir deutlich besser. Umso mehr überrascht es mich, dass ich nachts mit Schnupfen und Halsweh aufwache. Leider kein böser Traum, denn die Erkältung erweist sich auch am Morgen als höchst real. Keine gute Voraussetzung für den heutigen fünfstündigen Marsch.

Von Vigolo Baselga nach Trento

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Die heutige Strecke ist bis auf das Ende unspektakulär und größtenteils im Schatten. Durch Wälder, vorbei an militärischen Einrichtungen aus dem Ersten Weltkrieg, mit einem letzten Ausblick ins Sarcatal zum Lago Terlago, bevor sich nach Erreichen des Monte Soprasasso der Blick in das Etschtal mit der Stadt Trient auftut. Die letzten dreieinhalb  Kilometer in die Stadt geht es sehr steil hinunter, was vor allem meine Knie zu spüren bekommen. Es ist die Via Vigilius, genannt nach dem Bischof von Trento, der diesen Abstieg ins Val Rendana nahm, wo er schließlich zu Tode gesteinigt wurde. Wenigstens erwartet mich nichts dergleichen. Leider auch nicht mein Koffer. So habe ich drei Stunden auf ihn im Hotel gewartet, bis mir die Geduld riss und ich wieder in die verschwitzten Klamotten schlüpfte, um wenigstens ein bisschen was von der Stadt zu sehen. Der Fahrer steckte angeblich im Stau wegen eines brennenden LKWs. In den Dom haben sie mich natürlich wegen der kurzen Hosen nicht gelassen.

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Gern hätte ich dieser Stadt mit der tausendjährigen Geschichte, den wunderschönen Kunst- und Bauwerken mehr Zeit gewidmet.

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Zwar habe ich Trento oder Trient schon einmal in meiner Schulzeit besucht, als wir eine Woche mit der Klasse in Südtirol waren, doch das ist sehr sehr lange her und ich habe kaum noch Erinnerungen daran.

So eine Wanderreise ist außerdem anstrengend und für ausgiebigen Kunstgenuss, Museumsbesuche und Schlendern in den Gassen fehlen sowohl Zeit als auch Energie.

Von Ceniga nach Pietramurata

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Habe ich schon erwähnt, dass es sich um eine Wanderreise handelt? Zwar nicht die ganze Strecke von Riva bis Venedig, aber fast. Wo es keine Wanderwege gibt, fahre ich ein paar Stationen mit einem lokalen Bus oder mit dem Zug. Oder die Wanderagentur schickt mir ein Taxi zum Ausgangspunkt der jeweiligen Tagesetappe. Sollte sie jedenfalls. Leider habe ich in Riva eine volle Stunde auf das Taxi gewartet. In der Zeit hätte ich die Strecke auch fast zu Fuß gehen können.

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Schon der erste Tag hat es in sich. Es ist heiß, nein schwül. Anfangs geht es gemütlich das Sarcatal entlang, durch Weingebiete und Olivenhaine, teils im Schatten, doch dann muss ich bei gnadenloser Mittagshitze durch die Felswüste Marocche. Als hätten die Dinosaurier, deren Spuren auf einigen Felsen man tatsächlich sehen kann, die Berge in Stücke gehauen, so dehnt sich ein 15 Quadratkilometer großes Gebiet von gigantischen Felsbrocken bis hinab zum Lago do Cavedine.

 

 

Mühsam suche ich mir den Pfad durch die Trümmerhaufen. Der Schweiß bricht mir aus allen Poren.  Vor Millionen von Jahren sollen hier Meer und weiße Strände gewesen sein, wie das Schild bei den Dinosaurierspuren behauptet. Schade, dass würde mir im Moment mehr Zusagen. Wie es wohl in weiteren Millionen Jahren hier aussieht? Oder früher? Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen? Ich werde es nicht mehr erleben, und diesmal habe ich wirklich ein reines Gewissen. Ich fahre nur öffentlich und gehe die meiste Zeit zu Fuß. Mehr CO2 kann man nicht einsparen.

Die Aussicht auf ein kühles Bad im See als Belohnung nach dieser Ochsentour löst sich angesichts des angeschwemmten Zeugs an der einzig zugänglichen Stelle in Luft auf. Ein dichter Teppich aus Algen, Zweigen, Moos und dergleichen. Also lasse ich mich erschöpft im Uferschatten nieder, esse Banane, Karotte, Paprika, Nüsse, Datteln und Rittersport und spüle die wilde Mischung mit einem Liter Wasser hinunter. Der nächste Akt spielt glücklicherweise im Wald.

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Über den Spalierbäumen, von denen verführerisch rotbackige Äpfel hängen (die leider trotzdem unreif sind), taucht endlich nach fünf Stunden Wanderung der Kirchturm von Pietramurata auf. Es ist Sonntag und der kleine Ort feiert. Blasmusik, bunte Fahnen über den Straßen, man trifft sich vor der Kirche oder in der einzigen Bar, über der sich mein Bett befindet. Unter der Dusche träume ich von einem schönen italienischen Abendessen mit einem Glas Wein aus der Region. Doch dafür muss ich noch einmal einen guten Kilometer auf einer stark befahrenen Schnellstraße laufen, denn im Ort gibt es außer ein paar Panini nichts zu essen. Das Restaurant des Hotels für Motorradfahrer, das den poetischen Namen Ciclamico trägt, ist geschlossen. Nein, nicht mit mir! Ich suche die Hintertür zur Küche und klopfe so lange, bis sich ein verschlafener Mann blicken lässt. Das Restaurant öffnet erst um 19h, sagt er unfreundlich. Es ist erst 17h45. Ich weiß nicht, ob ich so hungrig aussehe, oder mir die Entschlossenheit, jetzt, subito, und nicht erst um 19h zu essen, ins Gesicht geschrieben steht, oder ihn mein wirres Italienisch beeindruckt. Jedenfalls lässt er mich gnädig Platz nehmen, ohne sich jedoch weiter um mich zu kümmern. Also mache ich mich wieder auf die Suche nach ihm. Kann ich jetzt essen oder nicht, frage ich ihn ungehalten. Der Chef sei nicht da, er sei nur der Koch, sagt er. Was heißt nur? sage ich. Der Koch ist das Wichtigste in einem Restaurant, oder etwa nicht! Würden Sie bitte jetzt für mich kochen? Ein leichtes Flackern in seinen Augen verrät mir, dass ich den richtigen Ton getroffen habe. Wer hört nicht gern, dass er die wichtigste Person vor Ort ist.  Jetzt muss ich nur noch an sein Mitleid appellieren. Ich habe eine Fünfstundenwanderung hinter mir, ich habe Hunger, dies ist das einzige Restaurant weit und breit, ich bin todmüde und kann nicht in einer Stunde wiederkommen! Etwas erschrocken über meine Vehemenz bringt er mir schließlich die Speisekarte. Ich halte ihn zur Sicherheit fest, bis ich gewählt habe. Spaghetti alla Chitarra mit Scampi, eine halbe Flasche Weißwein und einen gemischten Salat. Und würden Sie bitte servieren, auch wenn Sie nur der Koch sind? Oder soll ich mir das Essen selber aus der Küche holen? Ich bin erstaunt, wie gut mir in meiner Rage das Italienisch von den Lippen kommt. Zumindest scheint er mich zu verstehen. Er zuckt mit den Schultern und verschwindet in der Küche. Ich sitze alleine in einem riesigen Speisesaal und bin gespannt, was er mir vorsetzen wird und ob überhaupt etwas. Doch er macht seinem Beruf alle Ehre. Die Spaghetti sind fatto a casa, drei prächtige, ungeschälte Scampi liegen noch zusätzlich auf der Gemüse/Scampi- Mischung, der goldene Wein schmeckt hervorragend und der Salat ist reichlich und frisch. Er freut sich über mein Kompliment.

Als der Chef um sieben Uhr in einem schnittigem Sportwagen vorfährt, bin ich mit dem Essen bereits fertig. Ich lobe das Essen und den Koch (hoffentlich bekommt er keine Schwierigkeiten) und frage scheinheilig, ob es nicht einen Bus zurück in den Ort gebe, ich sei außerstande, noch einmal mehr als einen Kilometer zu gehen. Auch er erliegt offenbar dem Charme meines Akzents und bietet mir an, mich zum Hotel zurückzubringen. Was ich selbstverständlich gerne annehme.