Essaouira

Man hat den Eindruck, als würden sie für die Kameras der Touristen posieren, doch in Wahrheit haben die Ziegen auf den Bäumen ein ganz anderes Motiv. Da die karge Landschaft nicht viel Nahrung bietet, haben sie sich auf die Früchte des Arganbaumes spezialisiert. Die Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wird, scheint sie jedenfalls nicht sehr zu beeindrucken.

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Bisher hat mich jede Stadt mit Regen empfangen. Als ob es ihre Absicht wäre, sich zuerst von ihrer wüsten Seite zu präsentieren, um danach umso mehr zu glänzen. So auch Essaouira. Schon auf der Fahrt im Grand Taxi verdüsterte sich der Himmel zusehends, je näher wir der Küste kamen. Beim Aussteigen vor den Toren der Medina hat es derart geschüttet und gestürmt, dass ich binnen Sekunden nass bis auf die Haut war, noch ehe ich mich nach meinem Hotel erkundigen konnte. Da hätte auch der für 10 Euro angebotene Schirm nichts mehr genutzt. Glücklicherweise war es nicht weit zum Palazzo Desdemona. Ich muss erbärmlich ausgesehen haben, ein Hotelangestellter hängte mir sogleich seine pelzgefütterte Jacke um. Praktischerweise und, wie ich jetzt einsehen musste, leichtsinnigerweise, hatte ich nur das nötigste nach Essaouira mitgenommen. Ich musste also erst mühsam meine Kleider mit dem Föhn trocknen, bevor ich gegen Abend mein Zimmer verlassen konnte, um meinen Hunger zu stillen. Es nieselte noch immer. Ich habe selten so gefroren, obwohl ich unter der noch immer feuchten Hose meine Pyjamahose angezogen hatte.

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Nächster Tag. Strahlender Sonnenschein. Mein erster Weg führt mich an den endlosen Strand. Meinen Badeanzug habe ich zwar umsonst eingepackt (Optimistin, die ich bin), aber nach den düsteren Gassen und lichtlosen Hotelzimmern von Fes und Marrakech ist die frische Weite des Atlantiks wohltuend.  Ein paar Surfer in Neoprenanzügen tummeln sich im Wasser, aber zum Schwimmen ist das Meer hier selbst im Hochsommer nicht geeignet.

Die Medina von Essaouira ist überschaubar, in ein paar Stunden ist man durch. Die Stadt ist ein Ferienort, vor allem für die Marokkaner selbst, aber natürlich auch für Touristen und nicht wenige Althippies, die hier im Gefolge von Jimmy Hendrix und den Rollingsstones hängengeblieben sind. Auch Filmfreaks erkennen Motive wieder, z.B. drehte Orson Wells hier Othello. In den autofreien Gassen reiht sich ein Restaurant an das andere. Eigentlich ist Essaouira ein einziger Basar. Zu den üblichen Waren wie Teppiche, Handtaschen, Arganöle, Keramik und Silberschmuck kommen noch zahlreiche Galerien. Künstler, oder solche die es sein wollen, haben sich ebenfalls hier niedergelassen. Ob sie aber von ihren dilettantischen Machwerken leben können, ist mehr als fraglich.

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Horologe und Tor zur Kasbah

Am schönsten sind der Strand mit den vorgelagerten Inseln Mogador, die Hafengegend, die Stadtmauer mit den kanonenbestückten Wehrtürmen und die wenigen großen Plätze mit den tatsächlich weiß getünchten, schön renovierten Bauten. Auch die Aussenfassaden zur Stadtmauer hin sind weiß, was der Stadt ihren Namen verlieh. Begibt man sich aber in die engen Gassen,  bekommt man ein ebenso desolates Bild wie in Fes zu Gesicht. Wie dort ist auch hier das ehemalige Judenviertel am schlimmsten betroffen. Doch die Stadt ist ruhig, einzig das Geschrei der Möwen nimmt es sogar mit „Allah Akbar“ auf. Eine Erholung nach dem Chaos in Marrakech; die Menschen sind entspannt und, obwohl sie natürlich Geschäfte machen wollen, nicht aufdringlich. In Hafennähe kann man sich in einfachen Buden frischen Fisch braten lassen, den Fischern bei der Arbeit zusehen und abends ihren Fang begutachten. Zum Sonnenuntergang versammeln sich alle, ob Einheimische oder Touristen, an der Hafenmauer und warten mehr oder weniger frierend (ich mehr), bis die Sonne versinkt. Essaouira wird auch die Stadt des Windes genannt und das zu recht.

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Fischer im Hafen

Wie überall in Marokko haben auch hier Katzen ein feines Leben. Sie werden geduldet, ja sogar geliebt und gefüttert. Die meisten sind wohlgenährt. Ob am Hafen oder unter den Tischen der Restaurants, sie wissen, wo sie auf ihre Kosten kommen. Manchmal fordern sie ihre Ansprüche lautstark ein. Hunde allerdings sieht man selten. Sie werden aus Aberglauben nicht als Haustiere gehalten, weil sie angeblich Dämonen anziehen. Entsprechend herrenlos und traurig ist ihr Dasein.

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Ein Katzenfreund

Ich bin froh, mir Essaouira bis zum Schluss meiner Reise aufgehoben zu haben. Das gleißende Licht, der frische Wind und die Ruhe bilden einen schönen Abschluss.

Marokko hat die unterschiedlichsten Landschaften. Hochgebirge, Mittelgebirge, Wüsten, Oasen, Weinberge, Skigebiete, Zedernwälder, Olivenhaine, Obstplantagen, eine herrliche Küste und natürlich unvergleichlich interessante Städte. Ich habe von allem einen kurzen Eindruck bekommen. Die Menschen leben, verglichen mit anderen arabischen Ländern, in Frieden, der Arabische Frühling scheint hier erstmal abgewendet. König Mohammed VI scheint clever genug zu sein, seinem Volk ein paar Freiheiten zu gewähren. Glaubt man den Marokkanern, die mir begegnet sind, dann sind sie mit seiner Arbeit zufrieden. Er bekämpft Korruption und reist ständig im Land umher, um die Gouverneure zu kontrollieren. Diese bemühen sich, ihre Provinz so gut wie möglich zu verwalten und die Infrastruktur zu verbessern, um nicht entlassen zu werden. Die Straßen sind relativ gut, selbst im Hochgebirge wird viel gebaut. Die Religion ist weitgehend Privatsache. Man sieht sowohl verschleierte Frauen, andere mit Kopftüchern, als auch moderne Mädchen in Jeans und Miniröcken. Von streng gläubigen Muslimen bis Islam light und Ungläubigen gibt es alles und jeder scheint den anderen zu respektieren. Die Vielehe ist schon aus finanziellen Gründen kaum ein Thema, manche Männer behaupten, ihnen würde sogar ein halbe Frau reichen. Das Verhältnis zwischen Arabern und Berbern ist gut. Natürlich gibt es kaum eine umfassende Altersversorgung und viele, vor allem alte Menschen, sind arm. Bettler gibt es an jeder Ecke. Behinderte erhalten angeblich staatliche Unterstützung, aber so wirken sie nicht auf mich. Stolz zeigt man den Fremden Jugendcamps, wo bedürftige, aber fleißige Kinder kostenlose Ferientage verbringen dürfen. Wir sind an vielen farbenfrohen Schulen vorbeigefahren. Doch eine höhere Bildung und sogar eine Ehe muss Mann sich leisten können. „No Money, No Honey!“ hört man immer wieder. Marokko ist nicht mit Bodenschätzen gesegnet, der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle. Kein Wunder, dass jeder seine Möglichkeiten nutzt, um an Geld zu kommen. Das durchschnittliche Einkommen beträgt ca. 3,5€ pro Stunde. Dass die ungebildeten Arbeiter in den Keramikwerkstätten und Färbereien kaum auf diese Summe kommen, versteht sich von selbst. Die Chefs in den jeweiligen Kooperativen sind meinen Fragen immer geschickt ausgewichen. Sogar der intelligente junge Mann, der Mädchen für alles in einem der Riads ist, wo ich gewohnt habe, erzählt, er arbeite 7 Tage die Woche für 5 € pro Tag. Er bemühte sich sehr, die Gäste zufrieden zu stellen, aber ich merkte sofort, dass ihm die Arbeit keinen Spaß machte. Viel lieber würde er Physik studieren, gestand er mir, aber weder er noch seine Familie haben das nötige Geld. Öffentliche Schulen und Universitäten sind schlecht, die Lehrer unterrichten lieber in den privaten. In der Regel ist es noch immer der Mann, der für eine meist vielköpfige Familie aufkommen muss. Will er seinen Kindern eine gute Bildung ermöglichen, arbeitet er oft bis zur Erschöpfung. Siehe Mustafa, unser Fahrer in die Wüste. Es gibt jedenfalls noch viel zu tun in diesem Land. Hoffentlich hält der König, was man von ihm erwartet. Sein Bild und das seiner schönen Ehefrau, übrigens eine Bürgerliche, schmückt jedenfalls jedes Geschäft und Hotel, jedes zweite Plakat und selbstverständlich alle öffentlichen Gebäude und Kooperativen.

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Möge es ihr einmal besser gehen als ihren Eltern

Natürlich ist es lästig, ständig angesprochen zu werden, jeder will einem etwas verkaufen, einen übervorteilen oder einfach nur betteln, aber im Großen und Ganzen habe ich die Marokkaner als freundlich und offen erlebt. Wenn man einmal ihren Respekt gewonnen hat und sie sich ebenfalls respektiert fühlen – Respekt ist für sie sehr wichtig – dann sind sie herzlich, sehr gastfreundlich und haben viel Humor. Sie lachen gerne. Am meisten die Männer, wobei ihre Stimme um einige Oktaven nach oben springt. Und einige von ihnen sind wahre Sprachgenies. In einer Keramikkooperative hat mich ein älterer Mann rumgeführt, der mühelos zwischen englisch, französisch und deutsch hin und her switchte und auch jede Frage in diesen Sprachen beantworten konnte. Auch die Frauen, die die Führungen in den Argangeschäften machen, sprechen mehrere Sprachen, obwohl einige von ihnen nicht einmal eine Schule besucht haben. Die Kriminalität ist gering, die Polizei ist überall präsent, auch in Zivil. Ich habe mich jedenfalls nie unsicher gefühlt.

BESLAMA MAROC!

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Immer wieder schön…

BESLAMA MAROC!

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Zurück in Marrakech

Nach einer Reise durch halb Marokko tut ein Tag Entspannung gut. Ich habe ein anderes Riad in der Medina gebucht und es auch diesmal nicht schlecht getroffen. Im Haus gibt es sogar einen eigenen Hammam. Fatima ist fürsorglich und resolut zugleich. Kräftig bearbeitet sie meinen Körper mit schwarzer Seife und Massagehandschuh und lässt dabei keinen Quadratzentimeter aus. Auf dem Steintisch komme ich mir zwar vor wie eine Leiche im Seziersaal, aber davon abgesehen genieße ich es durchaus, fast zwei Stunden lang von Kopf bis Fuß mehrmals gewaschen, gebürstet und mit heißem Wasser übergossen zu werden. Danach fühlt sich meine Haut so weich und rosig an,  dass ich mich auch angesichts des gewaltigen Busens von Fatima – sie hat sich bis auf den BH und Unterrock ausgezogen – eher wie ein Baby fühle. Anschließend hüllt sie mich mütterlich in einen flauschigen Bademantel und massiert meine Hände und Füße mit einer wohlriechenden Essenz. In weitere Decken eingehüllt, mit frischem Tee und Gebäck versorgt, verbringe ich die nächsten Stunden dösend und lesend auf dem Dach meiner Unterkunft. Mit B. habe ich mich erst gegen Abend verabredet. Wir wollen mal so richtig gut essen gehen. Doch guter Rat ist teuer. Zwar gibt es zahlreiche Restaurants mit märchenhaftem Ambiente, aber das Essen lässt laut Tripadvisor überall etwas zu wünschen übrig. Wir entschließen uns für ein Riad mit angeschlossenem Restaurant  in der Kasbah. Es ist nicht ganz so orientalisch üppig, dafür aber geschmackvoll elegant. Da es erst sieben Uhr ist, sind wir die einzigen Gäste, was den hauseigenen Musikanten nicht daran hindert, unser Essen mit orientalischen Klängen zu bereichern. Nach einiger Zeit geht uns sein Gesang allerdings auf die Nerven und wir bitten den Ober, er möge ihm eine Pause gönnen. Unsere Bitte kommt nicht sehr gut an. Der Ober klatscht demonstrativ und der Musiker zieht etwas beleidigt ab. Das Essen ist nicht schlecht, wird aber dem hohen Preis nicht gerecht. Wir bestellen eine Pastilla, das zweite Nationalgericht in Marokko, eine Art Pastete, die eigentlich mit Taubenfleisch hergestellt wird, aber diese hier ist mit Hühnerfleisch. Sie wird mit Zimt und Zucker bestreut serviert und schmeckt ganz gut. Danach haben wir uns beide für den Tagesfisch entschieden. Der Fisch ist leider zu trocken und das Gemüse langweilig. Auch der Weißwein eher geschmacklos. Ich fürchte, es war wohl die letzte Gelegenheit für die marokkanische Küche, mich zu überzeugen.

Mit einer Art Tuk-Tuk lassen wir uns zum Großen Platz bringen, auf dem um diese späte Stunde erst recht der Teufel los ist.

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Über den Mittleren Atlas in die Sahara

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Nomadenzelt

Ich hätte die Landkarte besser studieren sollen, bevor ich mich für eine 3-tägige Tour von Fes zurück nach Marrakech entschied. Dann wären mir die Entfernungen früher klar geworden. Die Dünen von En Cheb liegen nämlich weit im Südosten an der Grenze zu Algerien.

Bis zuletzt war nicht klar, ob ich die Tour überhaupt machen konnte. Offenbar  gab es zu wenige Interessenten. Man bot mir eine Alternative, die ich aber ablehnte. Schließlich klappte es doch. Anfangs waren wir zu viert, von Merzouga nach Marrakesch nur mehr zu zweit, was in beiden Fällen sehr angenehm war und uns in dem 7-sitzigen Van genügend Platz bot.  Unser Fahrer war zwar kein Guide, sprach aber passabel englisch und war überhaupt ein unterhaltsamer, wenn auch etwas verhaltensauffälliger Typ. Da wir am ersten Tag eine siebenstündige Fahrt vor uns hatten, bat er uns, die  Aufenthalte möglichst kurz zu halten und pünktlich beim Wagen zurück zu sein. Meine Mitreisenden, ein junges Paar aus Barcelona und eine Schweizerin, hielten uns brav an diese Anweisung. Jedoch warteten wir in der Regel auf unseren Fahrer, der überall Freunde zu kennen schien und sich offenbar schwer von Ihnen losreißen konnte. In der Folge fuhr er mit einer furchterregenden Geschwindigkeit, denn wir mussten noch vor Sonnenuntergang die Dünen erreichen, um mit Kamelen zum Camp zu reiten, wo wir in Beduinenzelten übernachten würden.

Nach einem Aufenthalt in Ifrane, einem Wintersportort mit Schweizer Architektur, fuhren wir durch ausgedehnte Zedernwälder über den Mittleren Atlas nach Midelt, Er-Rachidia und Erfoud und erreichten in letzter Minute Merzouga, was den Vorteil hatte, dass wir vier die einzigen, weil die Letzten waren, die sich auf den Weg zum Camp machten. Kaum auf den Kamelen, war die Sonne verschwunden. Die Farbe der Dünen änderte sich minütlich, bald erschienen die ersten Sterne. Doch am beeindruckendsten war die vollkommene Stille, in der wir uns schaukelnd vorwärts bewegten. Nur das Rascheln des Gewandes unseres Treibers und das gelegentliche Schnauben der Tiere waren zu hören.

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Nach einer guten Stunde, die meinetwegen noch länger hätte dauern können, obwohl wir kaum mehr sahen als den hellen Schein des Gewandes unseres Führers und die Kanten der Dünen, die sich scharf und schwarz gegen den Abendhimmel abhoben, kamen wir schließlich bei vollkommener Dunkelheit im Camp an. Über uns die Milchstraße und ein märchenhafter Sternenhimmel. Die einfachen Zelte waren im Kreis angeordnet. Decken und glitzernde Vorhänge vor den Eingängen. Innen Eisenpritschen. Ich teilte mein Zelt mit B., derSchweizerin. Bald gab es Tee und dann das köstlichste Abendessen, seit ich marokkanisches Land betreten habe. Unterwegs hatte ich eine Flasche Wein eingekauft, die ich mit meinen Mitreisenden teilte. Auch unser Kamelführer zog verschämt ein Glas aus seinem Gewand, als ich ihn fragte, ob er mit uns trinken wolle. Manche praktizieren eben einen Islam light.

Am liebsten hätte ich mich nach den unvermeidlichen musikalischen Darbietungen rund um ein Lagerfeuer nicht in mein Zelt begeben, sondern die Nacht unter dem Sternenhimmel verbracht, doch es wurde bald empfindlich kalt, sodass ich mich mitsamt meinen Kleidern und der neu erworbenen Djellaba in die schweren Decken wickelte, aus denen kiloweise der Sand rieselte. Die Nacht war kurz. Lange vor Sonnenaufgang stand ich auf, kletterte auf eine hohe Düne und erlebte den Aufgang der Venus, bevor sich in ihrem Hintergrund der Himmel rötete. 

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Ich liebe diese genügsamen Tiere mit ihren langen Wimpern und dem ironischen Gesichtsausdruck

Kurz nach Sonnenaufgang ging es wieder auf unseren Kamelen zurück in das Ausgangslager, wo eine Dusche und ein gutes Frühstück auf uns warteten. 

Allein dafür hatte sich die lange Anreise gelohnt. 

Inzwischen waren wir nur mehr zu zweit. Das spanische Pärchen wurde wieder nach Fes zurückgefahren, während die Schweizerin und ich mit Mustafa weiter in den Südenwesten Richtung Quarzazate aufbrachen. Unterwegs führte uns ein Tuareg durch den Ksar in Rissani. Ein Ksar ist im Unterscheid zu einer Kasbah von verschiedenen Stämmen bewohnt. Sie unterscheiden sich in ihrer Kleidung und der Bedeutung ihrer Tätowierungen, je nach Stamm, Alter und gesellschaftlichem Stand.  Der Guide erklärte uns, wie eine Brautwerbung vor sich geht. Der junge Mann teilt seinen Eltern seine Wünsche betreffs seiner Braut mit. Daraufhin suchen die Eltern eine passende Partie aus. Der Heiratswillige erhält ein Foto und stattet der Auserwählten einen Besuch ab. Dabei überreicht er ihr ein Geschenk. Wenn der Mann ihr gefällt, behält sie das Geschenk und webt nun ihrerseits ihre Ansprüche an einen Ehemann in einen Teppich. Sollte sich der Freier in der Beschreibung wiederfinden, steht einer Heirat nichts mehr im Wege.

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Berberzeichen. Es symbolisiert einen Mann und bedeutet Feiheit

Weiter ging es in halsbrecherischem Tempo – trotz mehrfachem Einspruch meinerseits – in die berühmte Todra Schlucht, vorbei an mehreren Oasen und einer Hügellandschaft aus ehemaligen Brunnen, deren Schächte unterirdisch verbunden sind. In ihnen wurde einst das Wasser aus den Bergen gesammelt, bis die Quelle versiegt war. In Begleitung eines Berberjungen stiegen wir hinab in das Kanalsystem, das ohne Maschinen, nur mit den Händen gegraben wurde. Beim spärlichen Licht der Taschenlampe, in der feuchten abgestandenen Luft in den niedrigen, weit verzweigten Gängen, überfiel mich ein beklemmendes Gefühl und ich war heilfroh, als wir endlich wieder Tageslicht erblickten.

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Wiederum kamen wir erst nach Sonnenuntergang in unserem Hotel in Quarzazate an, sodass an einen Sprung in den Pool nicht mehr zu denken war, wollten wir noch etwas zu Abend essen.

Am nächsten Morgen beging ich die Torheit, noch vor Sonnenaufgang eine Runde zu schwimmen, obwohl sowohl das Wasser als auch die Außentemperatur mörderisch kalt waren. Von dem Schock habe ich mich den ganzen Tag nicht mehr erholt. Tagsüber ist es in Qzarzazate vor allem im Sommer unerträglich heiß. Dort befindet sich die größte Solaranlage Marokkos.

Der dritte Tag sollte uns auf einer äußerst beeindruckenden Fahrt über den Hohen Atlas nach Marrakesch bringen. In dieser Region befinden sich zahlreiche Kasbahs entlang einer ehemaligen Karawanenstraße, von denen wir die Ait Benhaddou genauer besichtigten. Sie ist die wohl berühmteste in Marokko, diente sie doch vielen Filmen als Kulisse. Dennoch ist sie nach wie vor bewohnt. 

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Kasbahs, die teilweise die Größe mittelalterlicher Städte haben, sind ausschließlich aus Lehmziegel (Adobe), Stroh und kleinen Steinen erbaut.

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Bewohner der Kasbah Ait Ben Haddou

Auf den langen Fahrten kamen wir natürlich mit  unserem Fahrer Mustafa ins Gespräch. Er plauderte ein bisschen aus dem Nähkästchen und bestätigte meine Vermutung, dass die Chefs der Tourenanbieter ihre Mitarbeiter schamlos ausnützen. So kamen wir nach einer achtstündigen Fahrt gegen fünf Uhr Nachmittag in Marrakesch an und Mustafa musste noch am selben Tag sechs Stunden zurück nach Fes fahren, wo am nächsten Morgen dieselbe Tour auf ihn wartete. Er ist nicht mehr der Jüngste, hat vier Kinder, denen er allen ein Studium ermöglicht. Er braucht das Geld und getraut sich nicht, einen Auftrag abzulehnen. Da ich mich über sein schnelles Fahren einige Male beschwert hatte ( obwohl ich nicht weiß, wie sonst wir diese Strecke von 1500 km in drei Tagen hätten bewältigen können), hatte er Angst, ich würde eine schlechte Bewertung schreiben, wie er meiner Kollegin anvertraute. Was ich natürlich nicht vorhabe. Es ist schließlich nicht seine Schuld, aber er würde unter einer schlechten Bewertung zu leiden haben. Eine andere Begebenheit war ähnlich bezeichnend.

Zufällig trafen wir unterwegs den Fahrer, mit dem ich die Tour in den Hohen Atlas gemacht hatte. Er begrüßte mich stürmisch, umarmte mich überschwänglich, was mir etwas übertrieben erschien. Doch dann wurde mir klar, warum. Sein Boss stand neben ihm. Ein eher unangenehmer Typ, der mir in perfektem Deutsch angeberisch von einem befreundeten Professor aus Deutschland erzählte. Natürlich lobte ich ihm gegenüber Ismael gebührend und er freute sich. 

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Es war alles in allem eine sehr anstrengende Tour, aber ich habe mehr als halb Marokko durchfahren und so die Vielfalt dieses Landes kennengelernt.

Zurück in Marrakesh freue ich mich auf einen entspannten Tag in einem Hammam, bevor ich ein paar Tage an die Küste nach Essaouira fahre.

Volubilis, Moulay Idriss, Meknes

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…Und neues Leben brütet in den Ruinen…

Wenige Kilometer von Fes entfernt besuche ich die römischen Ruinen von Volubilis. Die Ausgrabungen legen aber eine noch frühere Besiedlung nahe. Diesmal ist es Hassan, der mich mit drei anderen Touristen am Eingang absetzt. Man kann dort einen Führer engagieren, doch ich mache mich lieber alleine auf den Rundgang durch das weite Gelände. 

Nach einer guten Stunde geht die Fahrt weiter nach Moulay Idriss, der heiligen Stadt, benannt nach dem Gründer von Fes. Sein Grabmal ist für Touristen ebenfalls nur von außen zu besichtigen. Ein Holzbalken markiert die Grenze, die außer uns auch Esel und Maultiere nicht überschreiten dürfen. Wir befinden uns also in guter Gesellschaft. Leider bleibt zu wenig Zeit, um die auf steilen Gassen angelegte Stadt zu durchstreifen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man Fremde lieber auf den  Hauptplatz mit seinen Geschäften und Restaurants beschränken will. Bis vor kurzem waren  Besucher  hier überhaupt unerwünscht.

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Moulay Idriss

Moulay Idriss ist ein Pilgerort für Muslime. Wer sich die Reise nach Mekka nicht leisten kann, kommt zumindest einmal in seinem Leben hierher und bringt den Daheimgebliebenen Nougat mit. Auch ich lasse mich zum Kauf verführen, obwohl ich unter Nougat etwas total anderes verstehe. Das hier kenne ich unter dem Namen „ türkischer Honig“, den ich eigentlich nicht mag. Überhaupt ist mir das meiste zu süß in Marokko. Schon das Frühstück besteht aus stark gesüßtem Tee, zusätzlich mit Zucker versetztem Orangen- oder Mandarinensaft, Honig, Marmelade, Erdnusssauce, süßem Gebäck. Ein Königreich für Eier mit Schinken!

Überhaupt bin ich von der marokkanischen Küche etwas enttäuscht. Nach dem fünften Tajine und dem sechsten Couscous, deren Qualität stark von Restaurant zu Restaurant schwankt, würde ich mir einmal etwas anderes wünschen. Warum nur benutzen sie nicht die vielen Gewürze, die hier angeboten werden? Im Großen und Ganzen schmeckt alles ziemlich fade.

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Die Stadtmauer von Meknes

Weiter geht die Fahrt, vorbei an Olivenhainen und Weinbergen, nach Meknes, dessen Anlage und monumentale Bauten vom Größenwahn Moulay Ismails zeugen. Die Einwohner erzählen nicht ohne Bewunderung, dass im 500 Frauen dienten. Er hat Tausende von Menschen köpfen lassen, die ihm nicht passten, Sklaven, die seine Machtphantasien ausführen mussten, pflegte er nicht zu bezahlen, weil „Schönheit keinen Preis hat“. Dafür ließ er ihre Leichen, nachdem sie an Erschöpfung gestorben waren, in den Gemäuern verarbeiten. Doch offenbar tut sein grausamer Ruf der Verehrung, die ihm noch immer entgegengebracht hat wird, keinen Abbruch. Zählt doch Meknes mit seinen Sehenswürdigkeiten zu den vier  Königsstädten Marokkos und lockt somit Touristen aus aller Welt hierher.

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Grabmal von Moulay Ismail

 

Fes bei Sonnenschein

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Blick von den Merenidengräbern auf Fes

So grauenhaft das Wetter gestern so prachtvoll ist es heute. Ich gönne mir viel Zeit beim Frühstück, plaudere mit dem Chef des Riad und überlege, wie ich den heutigen Tag gestalten will. 

Die Medina von Fes ist riesig und man kann sich leicht verirren. Doch bei Tageslicht und Sonnenschein ist alles halb so wild. Man muss sich nur die beiden Hauptwege Talaa Kebira und Seghira merken, die sich an beiden Seiten treffen und beide zum Zentrum um die Karaouiyne Moschee führen. Doch die beiden Gassen selbst haben es in sich. Wenn man sie entlang spaziert und ein paar Dinge ausblendet, befindet man sich auf einer Zeitreise ins Mittelalter. Immer wieder gehen sie in Souks über, die mit Holzgittern überdacht sind, durch die die Sonne schöne Muster in die Gänge zeichnet.

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Talaa kebira mit Blick auf die Karaouiyine Moschee

An beiden Seiten gelangt man in die sogenannte Fondouks, Hinterhöfe, die je nach Viertel einem bestimmte Handwerk gewidmet sind. Da gibt es Ledergerber,  Kupferschmiede, Silberschmiede, Keramikwerkstätten, Teppichknüpfer, Schneider, Schlosser, Schuster…im Fondouk für Butter lagern Butter und Honig in riesigen Bottichen, aus denen sie auf uralten Waagen für den Kunden abgefüllt werden; in einem anderen werden Schaffelle geschoren und zum Trocknen aufgehängt, während ein alter Mann aus Bergen von Wolle die besten Stücke auswählt und es sich Katzen in den aussortierten gemütlich machen; auf dem Platz Seffarine werden Kupferkessel gehämmert; In winzigen Läden sitzen die Handwerker, nähen Djeballas oder andere traditionelle Kleidungsstücke auf uralten Maschinen, stellen Schuhe her oder reparieren sie, besticken Hochzeitskleider mit Perlen und glitzernden Steinen, fertigen Taschen und Pantoffeln an; wieder andere meißeln Koran Suren in Steinplatten. Im nächsten Geschäft wird das berühmte Arganöl angeboten, sowohl als Speiseöl als auch zu kosmetischen Zwecken. Man demonstriert die Herstellung für Interessierte. Arganbäume wachsen ausschließlich in Marokko, wird zumindest von allen behauptet. Dazwischen werben Betreiber für Hammans und Restaurants um einen Besuch. Natürlich werde ich ständig angesprochen, näher zu treten, angeblich nur um zu schauen, aber selbstverständlich nicht ohne Hintergedanken. Die Verkäufer sind hier etwas weniger aggressiv als in Marrakech. Meistens genügt ein einmaliges „Non merci“ und man wird in Ruhe gelassen. 

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Auch der Gaumen kommt nicht zu kurz. Hier dampft das berühmte Tajine in den typischen Tongefäßen, dort brät man Brochette und Kefta, es gibt Brot, Salate, Nüsse, Datteln, Feigen, diverse Obstsorten wie Kaktusfrüchte, Maulbeeren oder Mandarinen ( unglaublich süß und schmackhaft), Nougat und andere Süßigkeiten. Mannigfaltige Düfte liegen in der Luft. Der strenge Geruch der Gerbereien mischt sich mit wesentlich angenehmeren  Gerüchen wie mit denen nach Leder, Gewürzen, Essen und Rosenwasser. Kein Autolärm ist zu hören, für sie sind diese verwinkelten Gassen glücklicherweise ungeeignet. Manchmal schieben sich knatternde Motorräder durch die Menge, doch öfters sind es Lastenträger, wie Esel und Mulis, denen lautstark von ihren Besitzern ein Weg durch den nicht abreißenden Menschenstrom gebahnt wird. Ihre ungeduldigen Rufe, die Stimmen der Verkäufer, die ihre Waren anpreisen, der Ruf des Muezzin. Man kommt aus dem Staunen, Riechen, Hören und Tasten nicht heraus. Alles in Allem: ein Fest der Sinne. So habe ich mir den Orient vorgestellt.

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Plötzlich öffnet sich ein Tor zu einer Moschee, beim Blick in den Innenhof sehe ich Männer, die sich an einem Brunnen vor dem Gebet die Füße waschen, das Betreten ist Nichtmuslimen selbstverständlich nicht gestattet.   Doch beim Besuch der Medersa de Inanina, einer Art Studentenwohnheim, bekommt man ein Musterbeispiel arabischer Architektur geboten. 

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Beim Spazieren durch die Gassen entdeckt man an vielen Ecken mit Mosaiken geschmückte Brunnen, es lohnt sich auch immer wieder ein Blick nach oben auf die geschnitzten Holzsimse und kunstvollen Fenstergitter. Hin und wieder entdeckt man einen schön renovierten Palast, in dem kostbare Teppiche bis unter das Dach hängen oder eines der prachtvollen Riads mit ihren Brunnen und üppigen Pflanzen im Innenhof ( die größtenteils Ausländern gehören). Doch im übrigen sollte man sich nicht täuschen. Was für uns Besucher romantisch aussehen mag, ist früher oder später dem Verfall geweiht. Die Medina ist hoffnungslos übervölkert. Das alte Handwerk wird immer mehr zurückgehen, die Renovierung der alten Häuser ist trotz einer Initiative der UNESCO unbezahlbar. Wer halbwegs komfortabel wohnen will, lebt nicht in der Medina, sondern in der neuen Stadt. Die allerdings ist leider so hässlich wie überall auf der Welt. 

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Fes

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Acht Stunden dauert die Reise mit dem Zug von Marrakech über Rabat und Meknes nach Fes. Selbst die erste Klasse ist heute am Sonntag, der auch in diesem Land, in dem die meisten Muslime sind, ein Feiertag ist, nahezu ausgebucht. Außerdem sind zur Zeit Schulferien. Bald verlassen wir bebautes Gebiet und fahren durch die Wüste. Nach einigen Stunden ist in der Ferne das Meer zu sehen, bevor es wieder ins  Landesinnere geht. Langsam leert sich das Abteil. Zwei Schaffner leisten mir manchmal zwischen  den  Stationen Gesellschaft. Kurz vor Meknes kommt ein junger Mann in mein Abteil. Sofort redet er laut auf mich ein. Woher ich komme? Austria! Nice! Er habe Freunde in Österreich! Very nice! Er liebe die Österreicher. Er springt auf und streckt mir begeistert die Hand zum Gruß entgegen. Willkommen! Wohin ich fahre? Nach Fes! Nice! Ein Freund könne mich am Bahnhof abholen, in meinen Riad bringen und mir morgen die Stadt zeigen. Das alles für nur 20 Euro. Der Mann ist irgendwie rührend mit seinen treuherzigen schwarzen Augen und seinem schlechten Englisch, außerdem hölzelt er fürcherlich. Ich überlege. Es beginnt dunkel zu werden, in Fes kann man nicht mit dem Auto in die Medina fahren, ich habe keine Ahnung, wie ich dort meinen Riad finden soll, außerdem habe ich keine Lust auf eine neuerliche Diskussion mit einem Taxifahrer. Also sage ich zu. Whats your name? Fragt er mich noch, schon halb in der Tür, denn der Zug hält und er muss aussteigen. Das ganze dauerte keine drei Minuten, so schnell ist er verschwunden wie er aufgetaucht ist. Vielleicht ist er ein bisschen verrückt, denke ich, und: ich kann immer noch an dem Freund vorbeigehen, wenn er mir nicht gefällt.

Eine halbe Stunde später bin ich in Fes. Am Ausgang steht, man glaubt es kaum, ein Mann mit einem riesigen Schild, auf dem SYLVJA steht. Ich bin ihm direkt in die Arme gelaufen und offenbar hat mich der Mann aus dem Zug gut beschrieben ( ich bin auch weit und breit die einzige Rothaarige). Er geht sofort strahlend auf mich zu. Er sei Berber, kein Araber, er habe ein großes Herz, er sei sehr ehrlich usw. In seinem Auto sitzen zwei Touristen, ein Paar aus Belgien. Er fordert sie auf, mir zu sagen, dass er ein guter Mann sei. Tatsächlich haben sie eine Tagestour mit ihm gemacht und sie scheinen zufrieden zu sein. Also steige ich ein.

Nachdem wir das belgische Paar in ihrem Hotel abgeliefert haben, steigen wir bei einem der Tore zur Medina aus. Sofort ist ein Mann zur Stelle mit einem Handwagen, mein Koffer wird verladen und schon geht es ins Gewühl der Medina. Ich habe Mühe, den beiden zu folgen. Tausende Menschen sind in diesen engen Gassen unterwegs. Zweimal landen wir vor einem falschen Riad, schließlich gibt es 9000 Straßen und Hunderte von Riads in der Medina. Erst beim dritten Versuch stehen wir am Ende einer finsteren Sackgasse vor dem richtigen. Abdul verabschiedet sich, noch will er kein Geld, er wird mich morgen um 10h abholen und mir die Stadt zeigen. He is a good man. Berber. Big Heart. Ehrlich gesagt, weiß ich wirklich nicht, wie ich ohne ihn hierher gefunden hätte.

Wie auch in Marrakech ist die Überraschung groß, als ich von dem engen schmutzigen Hinterhof durch die unscheinbare Tür des Riads schreite und plötzlich in einem vergleichsweise Palast stehe.

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Am nächsten Tag regnet es. Und es ist kalt. Abdul steht Punkt zehn Uhr vor der Tür des Riad. Es stellt sich bald heraus, dass er kein Guide ist. Sein Englisch beschränkt sich mehr oder weniger auf Good man, Berber, Big Heart, nice. Also versuche ich es mit französisch. Auch das spricht er kaum. Offenbar hat er nie eine Schule besucht, denn dort ist französisch ein Pflichtfach. Freimütig gibt er zu, dass er zwar einen Führerschein hat ( wenigstens das!), aber kein Guide ist. Er sei Kameltreiber, sagt er nicht ohne Stolz und zeigt mir Fotos von sich in der Wüste im hellblauen Berbergewand, das ihm wesentlich besser steht als die Lederjacke, die ihm viel zu klein ist. Nunja, ehrlich ist er, das muss man ihm lassen. Und er bemüht sich. Später stelle ich fest, dass er auch nicht lesen kann. Jetzt wird mir klar, warum wir gestern zweimal vor dem falschen Riad gelandet sind. Er konnte die Adresse in meinem Handy nicht lesen. Leider hat er auch von den Sehenswürdigkeiten der Medina entweder keine Ahnung, oder er kann sie mir nicht mitteilen. Ich vermute ersteres. Glücklicherweise habe ich einiges über die Stadt gelesen und versuche ihm klar zu machen, was ich sehen möchte. Der Königspalast gibt nicht viel her. Vor der Fassade posieren Japaner und Chinesen. Und betreten kann man ihn ohnehin nicht.

Ehemalige Synagoge in der Mellah
Ehemalige Synagoge in der Mellah

Da ist die Mellah, das einstige jüdische Viertel, schon interessanter. Sie liegt außerhalb der Medina und ist mit dem Auto zu erreichen. Wenigstens weiß mein Begleiter, wo sie liegt. „ Mellah bedeutet Salz auf arabisch“ – ich zitiere meinen Reiseführer, „weil es die Aufgabe der Juden war, die Köpfe enthaupteter Rebellen in Salz einzulegen und zu trocknen, bevor diese über den Stadttoren aufgespießt wurden“. Ich erzähle es Abdul, er lächelt verlegen, wahrscheinlich hat er mich nicht verstanden. Das Viertel ist eine traurige Ansammlung von verfallenen Häusern. Juden wohnen keine mehr hier. Die meisten sind nach Israel oder Frankreich ausgewandert, die wenigen, die geblieben sind, leben jetzt in der Neustadt von Fes. Einige Araber leben in den Ruinen, die Ärmsten der Armen. In den Gassen ist kaum jemand zu sehen, einige wenige Geschäfte gibt es, die den Namen kaum verdienen, in finsteren Löchern sitzen Menschen auf dem Boden, während sich über den verfallenen Dächern und den bodenlosen Balkons das Unkraut und der Schimmel breit machen. Ich will den jüdischen Friedhof sehen. Abdul fragt eine alte Frau, ob wir von ihrem oberen Stock hinunterschauen dürfen. Sie ist für ein paar Dirhams einverstanden. Im Gegensatz zu den Ruinen wirken die Gräber geradezu freundlich.

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Der Regen wird stärker. Zurück in der Medina geht es wieder zu Fuß weiter. Die meisten Gassen sind nicht gepflastert und verwandeln sich allmählich in Schlamm. Wir springen von Pfütze zu Pfütze, suchen Schutz in den Souks oder unter den Vordächern, doch es ist immer weniger ein Vergnügen, bei diesem Wetter durch die Stadt zu gehen. Immer wieder versuche ich, mich an die Namen der interessanten Sehenswürdigkeiten zu erinnern, um Abdul zu bewegen, mich dorthin zu bringen. Mit wenig Erfolg. Wenigstens kauft er einen Schirm. Meine Füße sind inzwischen nass und ich friere erbärmlich. Ich beneide die Einheimischen um ihre Djellabas und beschließe, mir einen zu kaufen. Natürlich weiß Abdul wo. Das weiß er. Ich erstehe einen alten – er hat die Farbe der Dünen – weil der mir besser gefällt als die neuen. Ich sehe darin aus wie ein unförmiger Mönch, aber er hält warm und mit der Kapuze macht es gleich mehr Spaß, im Regen rumzuspazieren.

Endlich sind wir im Färberviertel gelandet. Abdul übergibt mich einem Führer, der mich an den vielen wartenden Touristen vorbeischleust, mir einen Strauß Minze in die Hand drückt und mich über mehrere Treppen auf eine Terrasse bringt, von der man in einen riesigen Hof auf die Bottiche hinunterschauen kann, in denen das Leder zuerst gegerbt, dann gefärbt wird. Ohne Chemie, wie der Mann betont. Der Hof ist nach oben hin offen, was den Gestank von Rinderurin und Schafskot für die Arbeiter erträglicher macht, aber den Zuschauern leichte Überkeit beschert. Daher die Minze. Das ganze nennt sich Kooperation, was aber den Arbeitern kaum Vorteile bringt, nur den Besitzern, die sich den Gewinn angeblich teilen.

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Denn natürlich hat mich der Mann nicht aus purer Freundlichkeit hierher gebracht, er geleitet mich höflich in den Verkaufsraum, sein Englisch ist ausgezeichnet, er spricht sogar etwas deutsch. Inzwischen ist auch Abdul wieder da. Ich will nichts kaufen, raune ich ihm zu. Der Mann hört es und beschwichtigt mich. Ich muss nichts kaufen. Nur schauen. Mit sicherem Blick bringt er mich zu den teuersten Modellen, präsentiert mir eine Velourlederjacke aus Ziegenleder, hennagefärbt, wie mein Haar, ich muss zugeben, die Jacke ist wunderschön, sie passt mir ausgezeichnet, aber natürlich hat sie auch hier ihren Preis. Ich will nichts kaufen. Der Mann ist von ausgesuchter Höflichkeit und Zurückhaltung, er bedrängt mich nicht im Geringsten, wir plaudern über Filmstars, die in Fes gedreht und ebenfalls hier eingekauft haben, wie er sagt, von Michel Douglas und Kathleen Turner, von Fußballern wie Hans Krankl, von anderen Prominenten und Modehäusern, die hier ihre Waren bestellen, über Filme usw. Was soll ich sagen, ist es der Frust über das schlechte Wetter oder hat es mir wirklich die Jacke angetan, ich will nichts kaufen und ich kaufe sie. Der Mann versteht sein Geschäft. Abdul ist unschuldig. Ich war es, die partout hierher wollte. Er hat Hunger, er will nach Hause zu seiner Mutter und ich soll unbedingt mitkommen. Auch ich habe Hunger und nasse Füße. Und ich bin neugierig. Wir fahren in die Neue Stadt, wo seine Großfamilie lebt. Abdul ist Ende vierzig, geschieden und er lebt mit zwei seiner Schwestern und einer neunzigjährigen Mutter zusammen.

Ich bin offenbar nicht der erste Gast, den Abdul anschleppt. Die Mutter kocht, eine Schwester rührt Teig, die andere leistet mir Gesellschaft mit ihrem dreijährigen Neffen. Sie scheint wesentlich intelligenter als ihr Bruder zu sein, sie unterrichtet arabisch in der Grundschule. Man serviert mir Tee mit köstlichen Plätzchen. Der Neffe ist ein lebhaftes Kind. Da wir keine gemeinsame Sprache haben, unterhalten wir uns mit Tierlauten. Wir bellen, miauen, krähen und mähähen einander an, was dem Kleinen großen Spaß macht und mir auch. Schließlich kommt eine große Schüssel mit Couscous und Huhn auf den Tisch, zwei Löffel und Abdul und ich essen aus einer Schüssel, während die Schwestern meine nassen Socken trocknen, die Mutter uns aus respektvoller Entfernung zusieht und der Kleine mich mehrmals mit einem Kleiderhaken erschießt.

Ramon, Abduls Neffe, im Hinrerfrund Abdul
Abduls Neffe Ramon, im Hintergrund Abdul

Abdul ist kein Guide. Er hat kaum eine Schule besucht. Er kann nicht lesen. Aber er hat einen Führerschein und als er mich in die Medina zurückbringt,  spielt er mir seine Lieblingsmusik vor und tanzt und singt dazu. Und das alles für 20 Euro inclusive Lunch. Good man. Berber. Big Heart.

 

 

Hoher Atlas

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Berberdorf

Mit Ismail und fünf weiteren Touristen  fahre ich Richtung Süden ins Gebirge. Auf den Gipfeln liegt bereits Schnee. In den letzten Tagen hat es in der Ebene geregnet und hier geschneit. Es ist immer noch ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, obwohl heute ein strahlender Tag ist. Doch der Wanderweg im Ourika-Tal zum Wasserfall – eigentlich ist es mehr ein Klettersteig mit mehreren Wildbachüberquerungen – liegt am Morgen noch im Schatten und ich friere. Wer hat bloß behauptet, dass es in Marokko warm ist und immer die Sonne scheint?

Der Fluß im Tal führt mehr Wasser als sonst. An seinem Ufer liegen zahlreiche Restaurants, die bunten Stühle und Tische stehen unmittelbar am Wasser. Jetzt sind sie leer. Wenn es im Sommer selbst hier oben mehr als 40 Grad im Schatten hat, flüchten die Menschen aus der Stadt hierher und hängen ihre Füße in den eiskalten Fluß, der das Schmelzwasser von den Gipfeln sammelt.

Weiter schrauben wir uns die Berghänge hinauf, um in das nächste Tal zu kommen. Immer näher rücken die schneebedeckten Gipfel, irgendwann sehen wir ihn: den zweithöchsten Berg Afrikas nach dem Kilimanjaro, den Toubkal. In den Hängen liegen Berberdörfer wie Bienennester. Die meisten sind aus Lehm – auch hier nennt man sie Adobe – einzelne schon aus Beton. Von weitem sehen sie malerisch aus, wie aus einer längst vergangenen Zeit. Die kleinen Fenster heißen „musch arab“, was soviel heißt wie „nicht arabisch“, obwohl sie aus der Türkei kommen. Kaum Straßen führen hinauf. Doch die wenigsten Bewohner besitzen ein Auto. Sie sind mit Esel und Muli unterwegs. Einmal in der Woche fahren sie mit Sammeltaxis in die nächste größere Stadt zum Markt, um das Nötigste einzukaufen. Obst, Gemüse, Getreide und Kräuter bauen sie selber an. Schafe, Ziegen und Hühner liefern Fleisch. Die Arbeit ist hart, doch sie leben gesund (wenn man von den Unmengen Zucker im Tee absieht), die Luft ist frisch, nicht wenige werden 100 Jahre alt. Selbstverständlich haben sie Fernseher und Handys, doch sonst hat sich ihr Leben in den letzten 100 Jahren nicht groß verändert. Es sind hauptsächlich Berber, die hier wohnen. Ismail hat Spielzeug und Süßigkeiten mitgenommen, die Kinder warten schon auf ihn. Kaum sehen sie unser Auto kommen, laufen Sie uns erwartungsvoll entgegen. Ärmlich sind sie angezogen, ihre Gesichter wirken alt. Ein Mädchen fällt mir auf, sie hat wunderschöne grüne Augen, keine Seltenheit bei den Berbern. Die jüngeren, die noch nicht in die Schule gehen, sprechen kein Französisch. Doch die meisten können neben ihrem Berberdialekt auch arabisch. Unterwegs in den Tälern sehen wir manchmal bunt angestrichene Gebäude, es sind Schulen. So versucht man die Kinder in die Schulen zu locken – eine Idee des Königs, erzählt Ismail anerkennend –  denn eine allgemeine Schulpflicht ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Manchmal müssen die Kinder weite Wege zurücklegen, um in die nächste Schule zu kommen, was vor allem im Winter sehr beschwerlich sein dürfte.

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Eine junge Berberschönheit

Am Nachmittag werden wir in einem Dorf in fast 2000m Höhe zum Mittagessen erwartet. Einige Familien kochen für Touristen, eine willkommene zusätzliche Einnahmequelle. Wir nehmen auf der Terrasse am Dach des Hauses Platz. Die Aussicht ist phantastisch. Im Hof haben wir die Tontöpfe gesehen, in denen seit Stunden das Tajine schmort. Die Hausfrau bringt eine Messingschüssel mit Seife und gießt heißes Wasser aus einer Kanne über unsere Hände, bevor das Essen serviert wird. Es gibt eine Suppe, zum Tajine Couscous mit Gemüse und Salat, danach der unvermeidliche Tee und Aniskekse, zum Schluss Obst. Irgendwo habe ich gelesen, dass man in den Familien besser kocht als in den meisten Restaurants. Ich kann es nur bestätigen. Es ist bereits das dritte Tajine, das ich esse, diesmal mit Huhn, und es ist bisher das beste.

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Wochenmarkt in Asni

In Asni besuchen wir den Wochenmarkt. Es ist ein Berbermarkt, Touristen sieht man hier kaum. Wir sind die einzigen. Hier wird alles verkauft, was der Mensch zum Leben braucht und vieles mehr. Als ich plötzlich vor abgeschnittenen Schaf- und Ziegenköpfen stehe, erschrecke ich. An der nächsten Ecke hängt ein Kuhschädel. Doch was auf den ersten Blick grausam wirkt, ist im Grunde ehrlicher als bei uns, wo wir mit der Tatsache verschont werden, dass Tiere geschlachtet werden müssen, damit wir unser Steak genießen können. Ich bin überzeugt, dass sie hier einen wesentlich würdigeren Tod sterben. Außerdem wird das ganze Tier verwertet. Nichts wird weggeworfen. Auch ihre Schädel werden gekauft, gekocht und gegessen. Ihre Haut wird gegerbt in Kalkbottichen, in denen Schafkot für den nötigen Ammoniak sorgt, gefärbt wird sie in Pflanzenfarben wie Safran, Klatschmohn, Kobalt und Henna, die mit Rinderurin angerührt werden und schließlich wird sie zu Jacken, Taschen und Schuhen verarbeitet. Aus Wolle werden Teppiche und warme Kleidung gemacht. Selbst ihre Knochen finden in Ziergegenständen und Schmuckstücken Verwendung.

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Poesie des Todes

Ismail ist ein guter, wenn auch anstrengender Guide und Fahrer. Er redet fast ununterbrochen in sehr gutem Englisch, erzählt aus seinem Leben, beantwortet jede Frage und zeigt lebhaftes Interesse an den Ländern, aus denen wir kommen. Er sei schon überall auf der Welt gewesen, sagt er…mit Google Maps fügt er lachend hinzu. Man merkt, dass ihm sein Beruf Spaß macht. Er ist intelligent und hat viel Humor. Als wir schon müde in den Sitzen versunken sind, versucht er uns mit Rätseln wach zu halten. Hier eine kleine Kostprobe:

“ Ich bin ein Meer ohne Wasser, ein Wald ohne Bäume, eine Stadt ohne Häuser, eine Wüste ohne Sand. Wer oder was bin ich?“

Haben wir dieses Rätsel noch einigermaßen schnell gelöst, so beschäftigte uns dieses hier bis Marrakech.

“ Ein Mann verkauft sein Haus an drei Brüder für sagen wir 30 Euro. Jeder der Brüder zahlt also 10 €. Doch der Preis des Hauses ist inzwischen auf 25€ gesunken. Da sich 5 Euro schlecht durch 3 teilen lassen, gibt er jedem 1€ zurück und behält selbst 2€. Die Brüder haben also 27 € bezahlt. Rechnet man die 2 Euro des Mannes dazu, die er für sich behalten hat, ergibt sich eine Summe von 29 Euro. Wo ist 1 Euro auf die 30 geblieben?“

Möglicherweise waren wir bereits zu müde, um auf die Lösung zu kommen. Mir fiel sie jedenfalls erst in der Nacht ein. Wer will mitraten?

Im Stau von Marrakech bemerke ich erst, wie still und friedlich es die letzten Stunden gewesen ist. Morgen werde ich den Zug nach Fes nehmen.