Arsenale 2022

Belkis Ayon

Unmöglich, all die Künstler und ihre Werke aufzunehmen, geschweige denn zu erinnern, die im gefühlt 10km langen Gebäudekomplex des ehemaligen Arsenale auf die Besucher einstürmen. Aber dazu gibt es ja Handys, um wenigstens die Eindrucksvollsten festzuhalten. 213 KünstlerInnen aus 58 Ländern, 90% davon sind Frauen bzw. gehören dem dritten Geschlecht an. Milk of dreams, der Titel wurde einem Kinderbuch entnommen. Es geht um den Körper, die Erde, um Spiritualität, Philosophie, KlimaPolitik, Esoterik wie Astrologie und Voodoo. Die Kunst macht sich Sorgen um unsere Welt, sie stellt Fragen wie: woher kommen wir? Wohin gehen wir? Woraus sind wir gemacht? Was unterscheidet uns von Tieren und Pflanzen? Was ist Natur, wie sehr sind wir von ihr abhängig, wie weit haben wir sie bereits zerstört. Träume, Mischwesen, Surreales, Cyborgs, Kafka läßt grüßen. Minderheiten, die noch nie vertreten waren, wie z.B. die Roma und Sami. Viele afrikanische KünstlerInnen, den Pavillon der USA hat zum ersten Mal eine schwarze Künstlerin gestaltet. Auch die Kuratorin ist eine Frau, was erst zweimal der Fall war, wenn ich mich recht erinnere. Frau hat sich viel vorgenommen. Zuviel für mein bescheidenes Aufnahmevermögen. Nach fünf Stunden bin ich noch erschlagener als gestern. Vielleicht sollte ich das nächste Mal vier Tage einplanen.

Marko Jakse, Slovenia

Und als ob die Natur Venedigs das Motto der Biennale kennen würde, macht sie sich in einer Form bemerkbar, wie ich es hier noch nie erlebt habe. Es ist heiß, gut, das ist normal im August in Venedig. Das war schon so, als noch keiner über die Klimaerwärmung gesprochen hat. Aber die Tiere spielen verrückt. Überall wird bereits vor gierigen Seemöwen gewarnt, die sich schamlos bedienen. Hätte ich den Hinweis nur früher gelesen! Sie stürzen auf ahnungslose Touristen nieder, die gerade in ihre Panini beißen wollen oder Gelati schlecken. Im Klostergarten, in dem ich in aller Ruhe frühstücken wollte, lauern Scharen von Tauben, die sich ohne Zögern zu mir auf den Tisch setzen und mitessen wollen. Ein Klatschen oder Wedeln mit der Serviette beeindruckt sie wenig, man muss sie fast berühren, damit sie verschwinden, zumindest für ein paar Sekunden. Kaum verlässt man den Tisch, um sich am Buffet weiter zu bedienen, versammelt sich eine Horde auf dem Tisch, um nach Resten zu suchen. Das Zudecken mit einer Serviette durchschauen die schlauen Viecher sofort. Die Bedienung seufzt, ja die seien eine Plage, aber manche Gäste würden sie sogar füttern, obwohl sie sie bittet, es nicht zu tun. Nicht zu fassen! Reicht es nicht, dass sie den Markusplatz versauen? Was ist das? Tierliebe? Oder Dummheit? Ich muss gestehen, Taubenvergifter haben meine ganze Sympathie. Zwei Damen am Nachbartisch bekamen in einem Restaurant eine kleine Spritzpistole geschenkt, die sie jetzt anwenden. Das hilft tatsächlich. Wasser vertragen die Biester nicht. Ich muss mir unbedingt auch eine besorgen. Sollten aber Möwen hier aufkreuzen, dann wird auch das nichts nützen. Zwei Wespen haben es auf meine lackierten Fingernägel abgesehen. Sie halten sie wohl für Blüten. Nicht einmal das Honiggläschen, das ich außer Reichweite positioniere, lockt sie mehr. Was ist nur mit all diesen Viechern los? Irgendwann werden Venedigs Tauben und Möwen die Macht ergreifen. Die depressiven Hunde werden eine Revolution anzetteln, die Fische auf den Tellern wieder zum Leben erwachen und in die Lagune zurückspringen. Die Delfine werden sich an die Coronazeit erinnern, in den Canal Grande zurückkehren und die Vaporetti zum Kentern bringen. Und die geflügelten Löwen, die die Stadt bevölkern, werden sich von ihren Säulen und Sockeln erheben und über die Lagune segeln. Ein Venedig der Tiere. Ohne Menschen. Davon ein Animationsfilm und ich hätte locker bei dieser Biennale mitmachen können.

Da fällt mir ein, dass es tatsächlich ein ähnliches Video gibt. Mehrere Hunde, Schäfer, Doggen und Dalmatiner, treiben sich in einem verfallenen Schloß herum. Sie streunen durch ehemalige Prunkräume, zerfetzen Sofas, schnüffeln an Tafeln, auf denen echte, barocke Stilleben arrangiert sind, mit Obst, toten Fasanen und Gänsen, deren lange Hälse über die Tischkante fallen; zerlegen rohe Fleischbrocken, riechen und lecken an einem leblosen Menschen, der offenbar als Einziger die Flucht aus dem Schloß nicht mehr geschafft hat….ein Alptraum.


Sant‘Elena, im äußersten Osten der Stadt, ist so ruhig, dass ich den kurzen Ausflug zum Markusplatz sofort bereue. Auch das nächste Mal werde ich mich fern ab vom Touristenstrom einquartieren. Die Biennale ist anstrengend genug, da brauche ich dazwischen etwas Erholung. Obwohl man auch auf der Accademiaseite, wo ich schon öfter ein Apartment gemietet habe, fast nur Venezianern begegnet. Doch grün ist es dort nicht. Und das Meer sieht man auch nicht.

Serbien liegt am Meer

Arrividerci Venezia! In zwei Jahren sehen wir uns wieder. ( Falls keine neuerliche Katastrophe dazwischenkommt)

Impressionen Biennale

Zentaurin

Ein deutscher Besucher, der unweit von mir einen Imbiss nimmt, kritisiert die Ausstellung in Grund und Boden. In zehn Jahren, meint er, höre man nichts mehr von diesen sogenannten Künstlern. Der Anspruch, eine Momentaufnahme der Weltkunst zu bieten, sei eine Anmaßung. Es sei lediglich ein Blick aus der Perspektive der Kuratorin. Groß und bunt müsse alles sein, schrecklich. Keine Kunst sei das. Er könne sich an nichts erinnern, was er in den letzten Jahren bei der Biennale oder auch der Documenta in Kassel gesehen habe. Er sehne sich immer mehr nach alten Stichen. Und so redet und redet er, laut genug, um seine Meinung rundherum kund zu tun, und seine weibliche Begleitung nickt und sagt kein Wort.

Warum nur haben manche Menschen so feste Meinungen? Warum wissen sie genau, was Sache ist und sein wird? Und warum binden sie es jedem auf die Nase? Und warum, so frage ich mich, kommt er immer wieder hierher, wenn er es so schrecklich findet? Soll er sich doch mit alten Stichen zurückziehen und den Mund halten.

Was ich an der Biennale so liebe und warum ich immer wieder komme — vom Zauber Venedigs mal abgesehen — ist, einzutauchen in eine Welt der Phantasie, der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt, mal spielerisch, mal ernsthaft, mal eitel, mal größenwahnsinnig, mal absurd, mal gut gemeint, mal politisch korrekt, mal respektlos etc. Ich schaue mir prinzipiell alles an, jeder Künstler hat das Recht, gesehen, eventuell auch verstanden zu werden. Ich muss nichts beurteilen, weder gut noch schlecht finden, es ist, was es ist und ich versuche, offen zu sein und mich treiben zu lassen. Manches beflügelt meine Phantasie, manches berührt mich tief, manches bleibt mir verschlossen, wieder anderes bringt mich zum Lachen oder Staunen, einiges überrascht mich. Es gibt für mich nur eine Grenze und das sind nach Stunden meine schmerzenden Beine. Auch die Konzentration läßt allmählich nach. Dabei verteile ich Giardini und Arsenale ohnehin auf zwei Tage. Es ist mir schleierhaft, wie es manche an einem Tag schaffen.
Einiges möchte ich doch hervorheben. Im belgischen Pavillon sind Videos zu sehen, in denen Kinder aus aller Welt beim Spielen zu sehen sind. Ein afrikanischer Junge hat mich besonders beeindruckt. Er schiebt einen Autoreifen einen riesigen Berg einer Halde hoch — giftigen Abfall aus einem Kobaltabbau — um sich dann in den Reifen zu legen und darin hinunterrollen zu lassen. Ein freiwilliger Sisyphus.


We Walked the Earth im dänischen Pavillon; die Malerin und Bildhauerin Paula Rego; der Pavillon der USA mit Bronzeskulpturen, die sich mit der Identitätsfindung der schwarzen Sklavinnen auseinandersetzt; der rumänische Pavillon, in dem eine 45-minütige Videoperformance die Auseinandersetzung schwer Behinderter — nein, man nennt sie korrekt „different able People“ — mit ihrem Körper, Sex eingeschlossen, zeigt; der ebenfalls filmische Bericht einer Geschäftsfrau, die liebevoll gestaltete Sexpuppen an den Mann vermietet; der Pavillon der Roma, der astrologische Wandteppiche ausstellt; und zuletzt der venezianische Pavillon, weil er so typisch für Venedig ist. Schimmernde Spiegel und bunte Glasfenster, eine einsame Frau auf einem Bett, die im nächsten Raum verschwunden ist, doch es brodelt unter der Oberfläche und siehe da! Im darauffolgenden Raum wächst eine Pflanze aus dem Bett. Das Motto des Pavillons könnte Venedig nicht besser beschreiben:

Everything changes, nothing dies. Everything flows, and every image is formed in movement.

Auf den griechischen Pavillon muss ich leider verzichten. Eine lange Schlange vor dem Eingang bewegt sich äußerst zäh vorwärts. Ich befrage eine Frau, die herauskommt, wie es war. Sie lächelt vielsagend, aber Näheres kann ich nicht erfahren.
Ob das alles Kunst ist? Ob diese Biennale besonders weibliche Kunst zeigt? Keine Ahnung. Wurscht. Es hat mich bereichert und keine Sekunde gelangweilt.
Jetzt bin ich müde und kann nicht mehr. Ich kaufe mir eine Focaccia mit Mozzarella und Tomaten und suche nach einem freien Platz an einem der weißen Tische im hinteren Teil der Giardini. Da passiert das Unglaubliche: ein Möwe landet kurz auf meinem Kopf und in der nächsten Sekunde ist sie mit meiner Focaccia verschwunden. Um den Rest streiten sich die Tauben. Das ist Kunst!

Paula Rego

Venedig 2022

Alle zwei Jahre wieder muss es sein. Venedig. Biennale. Genauer gesagt, diesmal ist es, coronabedingt, sogar drei Jahre her, dass ich da war.
Ich wohne in Sant‘ Elena. Hier muss man die Hotels und Restaurants mit der Lupe suchen. Gut so. Kaum ein Tourist verirrt sich hierher. Von hier sind es nur ein paar Schritte zu den Giardini und auch Arsenale ist nicht weit. Ich habe ohnehin kein Verlangen, mich ins Gewühl zwischen San Marco und Rialto zu stürzen oder öfter als notwendig in überfüllten Vaporetti unerwünschtem Körperkontakt mit schwitzenden Mitmenschen ausgesetzt zu sein. Stattdessen genieße ich die Ruhe in meinem Hotel, einem ehemaligen Kloster. Tatsächlich entspricht mein Zimmer bei allem Komfort der Größe einer Mönchszelle, die von einem Queensize Bett voll ausgefüllt ist. Etwas mehr Bewegungsfreiheit bietet das anschließende Badezimmer. Die beiden Fenster befinden sich über meinem Kopf. Die Mönche sollten wohl durch keinen Blick aus dem Fenster von ihrem Gebet abgelenkt werden. Dafür kann man heute im ehemaligen Klostergarten auf Liegebetten chillen.
Ein paar Schritte, und ich bin in einem Park am Meer. Auf meinem Spaziergang begegne ich, man glaubt es kaum, nur echten Venezianern. Vorwiegend alten Männern. Dove sono le donne? Wahrscheinlich sind sie mit der Vorbereitung des Abendessens beschäftigt. In einer kleinen Bar nehme ich einen Aperitiv. Bambini, die lauthals nach Gelato verlangen, eine gestresste Mama brüllt mit heiserer Stimme: „Un attimo! Madonna benedetta!“ Drei alte Männer, jeder von ihnen an einem eigenen Tisch, was sie nicht daran hindert, sich zu unterhalten. Trotz meines passablen Italienisch verstehe ich nur jedes dritte Wort. Thomas Bernhard hat einmal gesagt, wenn man eine Sprache nicht versteht, hat man den Eindruck, dass die Leute sich über hochphilosophische Themen unterhalten. Diese hier reden definitiv nicht über Philosophie, soviel verstehe ich.
Gegen Sonnenuntergang erscheinen dann doch auch Frauen in den Gassen. Durchschnittsalter 70 plus. Manche sind mit ihrem Rollator unterwegs. Gibt es hier vielleicht ein Altersheim? Oder ist Venedig überaltert? Die Jungen ziehen weg, niemand kann sich mehr die Miete leisten. – Viele führen einen Hund spazieren. Die Hunde wirken ausnahmslos depressiv. Je größer, umso depressiver. Dabei haben sie in diesem Teil der Stadt so viel Natur — nämlich Erde, Gras und Bäume — wie sonst nirgends in Venedig, das, von ein paar Privatgärtchen abgesehen, ausschließlich aus Stein besteht.
Man kennt einander. An jeder Ecke stehen Grüppchen zusammen und plaudern. Auch ich sehe immer wieder die gleichen Leute. Einen der Männer aus der Bar treffe ich an drei verschiedenen Orten. Eine alte Frau mit einem Ringelkleid grüßt mich lächelnd, als wir uns zum zweiten Mal begegnen. Sant‘Elena ist ein Dorf. Ein Dorf ohne Autos. Herrlich ruhig. Es riecht nach Meer. Im Park tanzen junge Männer mit nacktem Oberkörper. Pasolini hätte seine Freude an ihnen. Ich sitze auf einer Bank. Rechts von mir hebt sich die dunkle Silhouette des Campanile gegen den roten Abendhimmel ab, links tuckern die letzten Vaporetti gen Lido. Es ist beinahe dunkel, als ich mich in meine Mönchszelle begebe.

LETZTE TAGE

Das Wetterglück hat uns nun endgültig verlassen. Island zeigt, dass es auch anders kann, obwohl diese stürmischen Unwetter, die hier im Südwesten seit zwei Wochen toben, für Anfang September keineswegs typisch sein sollen, wie uns die Gastgeber unserer letzten Unterkünfte versichern. 

In unserem „Nest“ kommen wir zum ersten Mal längere Zeit ins Gespräch mit den Besitzern. Meistens kommen wir an, finden das Guesthouse offen und der Schlüssel unseres Zimmers liegt in einer Plastiktüte. Manchmal sieht man die Gastgeber erst am nächsten Morgen, meist überhaupt nicht. Unsere heutigen sind eine seltene Ausnahme. Die Frau erzählt uns von den umliegenden Vulkanen, wie der Hekla oder Katla, und wie man sich vor Ascheregen schützt. Man schließt alle Fenster und Türen und dreht die Heizung voll auf, damit die Asche nicht in das Haus eindringt. Sie weist uns sogar auf einen privaten Wasserfall hin, den wir auf keinen Fall anderen Leuten verraten sollen, in dem die Lachse springen. Während ihr Mann frische Waffeln zubereitet und uns einiges über die Höhlen erzählt, bügelt der behinderte Sohn mit Begeisterung die Bettwäsche. Eine sympathische Familie, die offenbar gerne Gäste empfängt.

Elfenhaus

Doch man trifft auch auf andere. Im nächsten Quartier fühlen wir uns ständig reglementiert. Ich versuche zum ersten Mal in meinem Leben, eine Waffel selbst zu backen und kleckere natürlich daneben, was die Hausfrau, die mich auch äußerlich an eine BDM-Maid erinnert, offenbar in Panik versetzt. Sie beobachtet mich misstrauisch und gibt mir ungeduldige Anweisungen, während ihr mürrischer Ehemann mir zusieht, wie ich tröpfchenweise heißes Wasser aus einer Thermoskanne in meine Teetasse gieße, bevor er mir erklärt, auf welchen Knopf ich drücken muss. Warum sie uns keinen Wasserkocher wie überall sonst zur Verfügung stellen, bleibt ihr Geheimnis. Hier muss man die Schuhe schon am Eingang ausziehen, worauf die vorhergehenden nicht bestanden haben.  Während im letzten Quartier eine fröhliche Atmosphäre im Frühstücksraum herrschte, sind wir hier alle schweigsam oder unterhalten uns mit verhaltener Stimme. Überall an den Fensterbänken stehen kitschige Trolle und Elfen und an den Wänden hängen schrecklich dilettantische Bilder. Der angekündigte HotPot im Freien ist nicht nur angesichts des grauslichen Wetters ungenießbar, sondern an seinem Grund bilden sich bereits Algen. Die Sauna probieren wir gar nicht erst aus. 

Was also unternehmen bei diesem Wetter, das einen in Sekundenschnelle bis auf die Knochen durchnässt? 

In der Nähe von Selfoss gibt es unterirdische Höhlen, die offensichtlich menschengemacht sind. Doch weder weiß man mit Sicherheit, von wem sie stammen, noch wann sie entstanden sind. Waren es Kelten oder irische Mönche? Oder die Wikinger? Noch vor Jahrzehnten hat man ihnen keine große Bedeutung beigemessen. Die Bauern trieben im Winter ihre Schafe hinein, Kinder benutzten sie als abenteuerliche Spielplätze. Auch heute noch verwendet der Bauer, auf dessen Grundstück vier begehbare Höhlen liegen, die ein oder andere als Lagerraum für Lebensmittel und ähnliches. Wir sind neben zwei Amerikanern die einzigen Nichtisländer unter den Besuchern, sodass der Guide seine Führung hauptsächlich in seiner Sprache abhält und uns auf englisch leider viel weniger Informationen zukommen lässt. Zum ersten Mal höre ich diese Sprache über längere Zeit. Sie klingt ein bisschen kantig, die Sprachmelodie ist monoton. Der schlaksige junge Mann in modisch zerrissenen Hosen und typischem Islandpullover mit kurzgeschorenen Haar und blauen Augen ist sympathisch, freundlich und selbstbewusst. Er selbst hat als Kind in den Höhlen gespielt, jetzt führt er Touristen und unterhält sie mit teils gesicherten, teils spekulativen Informationen, was ihm offensichtlich Spaß macht.

Die Fahrt nach Reykjavík führt über einen Pass und die Landschaft ist mit Sicherheit schön, wenn wir sie denn sehen könnten. Es regnet, regnet, regnet.

Auch in der Hauptstadt hört es nicht auf, zu schütten. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Museen, in die man flüchten kann. An isländischer Kunst haben sie zwar nicht allzu viel  Außergewöhnliches zu bieten, allein das Saga-Museum ist doch etwas besonderes. Die Figuren, die tatsächliche oder erfundene isländische Persönlichkeiten und historische Szenen nachstellen,  sind zwar kitschig, passen aber zum Thema. Auch der teils dramatische Ausdruck der Dargestellten ist gut getroffen.

Die Ermordung des Bischofs Arason

Eine weitere Sensation ist das Phallusmuseum. Ich wusste bisher nicht, dass die Phallologie eine anerkannte Wissenschaft ist. Hier kann man Penisse von allen möglichen Tieren in Formalin bewundern. Auch ein junger Mann, dessen Glied mehr als stolze 37 cm misst, ist abgebildet. Er will sein gutes Stück nach seinem Tod dem Museum vermachen. Ob die Penisse der Nationalmannschaft den Tatsachen entsprechen, weiß ich nicht. Nach einer halben Stunde habe ich trotz des schlechten Wetters, das uns draußen erwartet, genug Penisse gesehen.

Penisse der isländischen Handballmannschaft

Zum Abschluss unserer Reise gehen wir einmal richtig gut essen. Die Fish-Company enttäuscht uns nicht. Das 3-Gänge Menü, Fish-Festival genannt, ist exzellent. 

Inzwischen hat es zu regnen aufgehört und am nächsten Vormittag haben wir noch ein wenig Gelegenheit, die Stadt zu besichtigen. Reykjavík ist bunt, entspannt und verspielt.

Skolavördustigur

Island zeigt uns zum Abschied noch einmal Mal die Sonne zwischen eindrucksvollen Wolkengebilden.  Mit ein paar Umwegen über eine interessante Küstenstraße, und einem letzten Blick auf den kürzlich ausgebrochenen Vulkan, der im Moment leider kein Feuer speit, genießen wir die letzten Eindrücke unseres dreiwöchigen Aufenthalts. 

Wir haben offenbar, ohne es zu wissen, unser Kilometerlimit weit überschritten und müssen über 200 € draufzahlen. Aber Island ist es allemal wert.

Noch ein letzter Blick auf unseren Jimny, dann geht es zum Flughafen.

DIE VIER ELEMENTE

Das warme sonnige Wetter ist zu Ende. In unserem jetziges Luxuszimmer, das man uns freundlicherweise statt des schäbigen Bungalows angeboten hat, lässt es sich wenigstens schön entspannen und die Erlebnisse der letzten Tage verarbeiten. Ein Spaziergang zum See und weiter zum Flussdelta, ist die einzige Aktivität dieses Tages. Der Hund des Hauses begleitet uns ein Stück. Ein merkwürdiges Fels-Grasgebilde erregt unsere Phantasie.

Troll, Froschkönig, Punk? Im Hintergrund der Vatnajökull.

Auch der anschließende Tag ist grau. Es nieselt. Trotzdem machen die bemoosten Lavafelder von Eldhraun, die sich über mehrere Quadratkilometer erstrecken und die tiefe Schlucht von Fjathrargljufur großen Eindruck auf uns. Auch das natürliche Pflaster aus Basaltsäulen in der Nähe von Kirkjubaejarklaustur ist eine kleine Sehenswürdigkeit. Verwöhnt von den zahlreichen Natursensationen neigt man ein wenig dazu, weniger Spektakuläres nicht mehr gebührend zu würdigen.

Fjathrargljufur

Am nächsten Tag sehen die bemoosten Lavafelder plötzlich nicht mehr silbrig-grün, sondern sattgrün aus. Offenbar hat es nachts ordentlich geregnet. So weit das Auge reicht, isländisches Moos auf schroffen Lavahügeln. Der Wind bläst mir bis in die Knochen und die Moospolster sehen so gemütlich aus, dass ich mich am liebsten hineinlegen würde, um nie mehr aufzustehen. 

Isländisches Moos

Unser Vorsatz, den nächsten Wasserfall links liegen zu lassen, schmilzt dahin, angesichts der Gischtwolke des Skogarfoss, die schon von weitem zu sehen ist. Und nicht nur das. Wie steigen sogar steile 436 Stufen —die Cousine behauptet allerdings, es seien nur 429 — nach oben, um die Fallstufe zu sehen. Und es bleibt auch heute nicht bei nur einem Wasserfall. Der Weg am Rande der Schlucht führt noch lange an weiteren Fällen entlang, die alle ihre eigene Charakteristik haben. An manchen Stellen an grünen Abhängen blutet es aus orangeroten Narben. Der Wind wird allmählich unerträglich, sodass wir nach dem fünften Wasserfall in Folge umkehren.

Nirgends kommt man den vier Elementen so nahe wie in diesem Land. Luft, Wasser, Feuer, Erde. Wind und Stürme, Wasserfälle und Gletscher, Vulkane, die glühende Lava ausspucken, schroffe Berge und fruchtbares Grünland.  

Laufskalavarda war einst ein Gehöft, dass im 9.Jhrdt. vom Ausbruch des Vulkans Katla vernichtet worden ist. Heute errichten hier Durchreisende kleine Türmchen aus Lavasteinen, um Glück auf der Reise zu haben. Natürlich bauen auch wir eines.

Es hat uns auch im Nachhinein Reiseglück gebracht

Und dann der Höhepunkt des Tages: der Diamantstrand von Reynisfjara, Europas schönster und größter Lavastrand. Er hat den Namen zu Recht. Wie müssen die kleinen, glatten Steinchen erst funkeln, wenn die Sonne scheint! Doch auch bei bedecktem Himmel ist der schwarze Strand unwirklich schön. Im Kontrast dazu die weißen Wellenkronen des Atlantik, die im Laufe der Zeit die angrenzenden Felsen in wahre Kunstwerke verwandelt haben. Warnschilder weisen darauf hin, dass die Wellen sehr gefährlich sind und man ihnen auf keinen Fall den Rücken zukehren sollte. So mancher Tourist wurde von ihnen schon überrollt und musste von der nationalen Rettungsmacht geborgen werden.

Jetzt scheint die Flut erst allmählich zurückzukommen, sodass die riesigen Höhlen noch zugänglich sind. Je weiter man sich am Strand zu den im Meer stehenden drei Basaltsäulen, den Reynisdrangar — die eigentlich versteinerte Trolle sind — vorwagt, umso gewaltiger die Wellen, die gegen die Felsklippen prallen. Und umso weniger Menschen, die sich hier tummeln.

Aus der Höhle

Obwohl ich erhöht auf einem Felsbrocken stehe, habe ich das mulmige Gefühl, dass mit der herannahenden Flut nicht zu spaßen ist. Die ersten Wellen überschwemmen bereits den natürlichen Wall, der sie vom flachen Strand trennt. Ich beeile mich, diesen Strandabschnitt zu verlassen.

Versteinerte Trolle
Ohne Titel I
Ohne Titel II

Der Wind hat sich zu einem regelrechten Sturm gemausert und kaum haben wir unser „Nest“ erreicht, bricht es aus allen Wolken auf das Gebäude nieder, das tatsächlich „Loa‘s Nest“ heißt. Die ganze Nacht schüttet und stürmt es, als wäre der Weltuntergang nahe. Die nahe Hekla, das Tor zur Hölle, wie es von alters her genannt wird, werden wir wohl nicht mehr besuchen, geschweige denn besteigen. Vielleicht auch besser so. Man rechnet jederzeit mit einem Ausbruch dieses heimtückischen Vulkans, der sich nur Minuten vorher ankündigt.

IN ARKTISCHEN GEWÄSSERN

Wieder ein strahlend schöner Tag. Ich hätte nie gedacht, dass ich in Island immer wieder ins Schwitzen geraten würde. Auf dem Weg nach dem Ort mit dem unaussprechlichen Namen Kirkjubæjarklaustur passieren wir den großen, bis zu 180 m tiefen Gletschersee Jökulsarlon. Mit einem der Amphibienboote, die das amerikanische Militär hinterlassen hat, schwimmen wir zwischen teils gigantischen Eisblöcken, die das Sonnenlicht mit transparentem oder milchigem Weiß und Blautönen aller Schattierungen reflektieren und sich im glasklaren Wasser widerspiegeln. Das ist eine meiner Traumlandschaften. Ihretwegen wollte ich unbedingt einmal in die Arktis. Jetzt muss ich das nicht mehr. Schöner kann es dort nicht sein, und ob das Wetter am Nordpol so strahlend ist, ist auch höchst fraglich. Obwohl… Eisblöcke in der Mitternachtssonne oder im Winter bei Nordlicht wären schon ein Erlebnis. Naja, ein paar Träume müssen auch Träume bleiben. 

Ich kann mich nicht sattsehen, ich will gar nicht mehr weg von hier. Mein Handy droht zu kollabieren, weil ich alles einfangen will. Besser wäre es, gar nicht zu fotografieren, nur zu schauen. Im Hintergrund ein Teil des Vatnajökull, der uns auch weiterhin mit immer anderen Perspektiven begleiten wird.

In Skaftafell wandern wir wieder nahe an einen seiner Ausläufer heran. Läuft man noch 300 m vorher im T-Shirt durch liebliches Grasland, begrüßt einen der Gletscher, kaum ist er in Sichtweite, mit eisigem Wind. Es folgt immer die gleiche Prozedur: eine Jacke oder auch zwei anziehen, eine oder zwei wieder ausziehen, Mütze aufsetzen, Kapuze hochklappen, Kapuze wieder zurückschlagen, Mütze in den Rucksack stecken. Und das alle halbe Stunden. 

Vom Wanderrundweg, der hoch hinauf zu den Wasserfällen führt, entlang tiefer Schluchten mit vertikal stufenförmigen Basaltwänden, bekommt man immer mehr einen Eindruck vom größten Gletscher Europas, unter dem aktive Vulkane lauern, die jederzeit ausbrechen können. So geschehen zuletzt 2011, als der Grimsvötn 13 km hohe Aschesäulen in die Luft jagte. 

Ein Naturwunder reiht sich an das nächste. Die letzten 60 km überqueren wir ein weites Schwemmgebiet, in dem sich kilometerbreit mehrere Flüsse dem Meer entgegen schlängeln. Die endlosen Brücken, über die wir fahren, vermitteln eine Ahnung, wie reißend die Ströme hier im Frühling werden können. Eigentlich müsste man dieses Land zu allen Jahreszeiten bereisen.

Kurze Zeit später eine Reihe von Buchten — in saftigem Grün mit schwarzen Felskronen — , die sich in Halbkreisen wie Amphitheater zur Meerseite öffnen. Drinnen sucht jeweils ein Bauernhof mit seinem Vieh Schutz vor dem Wind, der über das flache Schwemmland bläst. Die Abendsonne wirft warme Schatten auf die samtigen Matten und die hier gänzlich anders geformten Felsen, die durch herab rieselndes Wasser, mitunter auch durch gewaltige Sturzfälle wie geschliffene Edelsteine glänzen. Ach, ich wollte, ich wäre ein Adalbert Stifter, um diese Schönheit annähernd beschreiben zu können.

Die sanften Hügel um unser nächstes Quartier mit einem dunkelblauen See vor dem fernen Vatnajökull, reißt uns erneut zu begeisterten Ausrufen hin. Für die nächsten Tage ist Regen angesagt, also müssen wir noch alles in diesem Licht in uns aufnehmen. Natürlich hat auch graues Wetter seinen Reiz, aber Licht und Schatten machen nun mal die Schönheit vollkommen. In jeder Hinsicht.

Apropos Licht- und Schattenseiten des Lebens. Ziemlich ernüchternd nach den erlebten Wundern dann unsere wellblechverkleidete Hütte. Im winzigen Badezimmer Schimmelspuren und ein rostiger Boiler, den eine Kette daran hindert, herunterzufallen. Überall freiliegende Rohre und Leitungen. Alles wirkt schmuddelig und schäbig und bedarf dringender Renovierung. Auch das Zimmer ist äußerst bescheiden eingerichtet. Darüber können auch die Spitzenvorhänge vor dem schmutzigen Fenster mit dem Rahmen, an dem die Farbe größtenteils abgeblättert ist, nicht hinwegtäuschen. Diese Herrlichkeit kostet übrigens 150.- Euro pro Nacht. Und wir haben drei gebucht.

Am nächsten Morgen beschweren wir uns in aller Form. Offenbar sind wir nicht die ersten, die aus dieser Hütte geflohen sind, denn wir bekommen anstandslos ein Upgrade im Mutterhotel.

IM REICH DER GLETSCHER

Brunnholl, unser nächster Aufenthalt, liegt vollkommen einsam in einer Ebene zwischen Meer und den ersten Gletscherzungen des mächtigen Vatnajökull. Schon am  nächsten Tag brechen wir zu einer Wanderung dorthin auf. Anfangs geht ein markierter Weg — eine Seltenheit in Island — durch hügelige Wiesen und moosbedecktes Gestein. Schafe in kleinen Gruppen oder Paaren verteilen  sich im Gelände, wo immer sie genügend Grün finden. Eigentlich sind es allesamt Widder mit imposanten Hörnern, die sogar das Fressen unterbrechen und uns bewegungslos anstarren, als hätten sie noch nie menschliche Wesen erblickt.  

Widder oder Hammel, das ist die Frage

Man könnte sich auf einer österreichischen Alm wähnen, würden sich nicht ringsherum schroffe Basaltfelsen erheben, die im Laufe von Jahrtausenden steile Geröllfelder hinterlassen haben, deren Steine unterschiedlichster Größe noch immer sehr lose wirken, als würden sie im nächsten Moment auf uns herabstürzen. Irgendwann verliert sich die Markierung und wir klettern mehr als wir wandern über schwarzbraune Brocken und durch Schluchten. Schließlich wollen wir unbedingt an die Gletscherzunge herankommen. Links tut sich zuletzt ein Gletschersee auf, in dem einige Eisbrocken treiben. Um uns vollkommene Stille. Wir sind die einzigen Wanderer. 

Und dann sind wir da und können ihn sogar anfassen. Am unteren Rand ist das Eis fast schwarz. Aus Höhlen tropft Wasser, wird zum Gerinnsel und sammelt sich in einem kleinen Bach, um in den See zu fließen. Nach oben hin wird das Eis immer heller, weiß und blau leuchten die Spitzen. 

Einsam am Gletscher

Das Unternehmen am nächsten Tag — er ist wolkenlos blau und heiß — ist nicht weniger abenteuerlich. Diesmal darf uns Jimny nicht im Stich lassen. Denn wo immer man von der Ringstraße 1 abzweigt, kann man in den seltensten Fällen mit asphaltierten Wegen rechnen.

Ich muss vorausschicken, dass wir mit unserem Jimny II  — treuen Lesern ist er bereits ein alter Bekannter mit Vorgeschichte — zwar einen 4-Rad-Antrieb gemietet haben, dass wir aber feststellen mussten, dass er gar nicht funktioniert. Trotzdem hat er im 2-Rad-Antrieb die Strecke durchs Hochland problemlos geschafft. Doch was wir hier im Lonsöraefi -Tal vorfinden, hat nichts mit der Rumpelpiste des Hochlands zu tun. Hier  erwartet uns tiefer unbefestigter Schotter mit eiergroßen Steinen, mal schwindelerregend bergab, oft unübersichtlich kurvig, zeitweise schmal zwischen Berg und Abgrund, mal steil bergauf, wo es gilt, mit Schwung hochzufahren und zu hoffen, dass uns auf dem Höhepunkt der berüchtigten  Blind Heads kein Auto oder keine Schafe erwarten. Denn ein Schaf zu überfahren kann nicht nur teuer werden, sondern außerdem viel Zeit kosten. Man muss den Besitzer ausfindig machen, der möglicherweise im 400 km entfernten Reykjavik zuhause ist und hier ein bis zwei Schafe sein Eigen nennt, und ihm das Schaf bezahlen. Von den Qualen des Tieres und den Schaden am Jimny ganz zu schweigen. Daher steige ich meistens vor jeder unübersichtlichen Steigung aus, um oben das Terrain zu sichten, während die Cousine Gas gibt, aber wiederum nicht zuviel, denn Jimny gibt bereits einen unangenehmen Brandgeruch von sich.  Das ist noch die leichtere Übung. Schwerer wird es, wenn es nichts mehr gibt, was nur im Entferntesten an eine Straße erinnert. Dann stecken wir mitten im Schotter fest. Selbst Jimny ist verwirrt und dreht durch. Wir streicheln ihn wie ein störrisches Pferd und reden ihm gut zu. Das wirkt. So ein Begleiter wächst einem schließlich im Laufe der Zeit ans Herz, auch wenn er nur ein Auto ist. Doch schließlich müssen wir ihn alleine lassen und machen uns zu Fuß auf den Weiterweg. 

Bergsee im Lonsöraefi

Die bunten Berge aus Rhyolithgestein, für die Landmannalaugar berühmt ist, gibt es nämlich auch hier. Je später der Tag, je tiefer die Sonne, umso leuchtender die Berge. Wir steigen erst die steile Straße hoch, um uns dann in unmarkiertes Terrain zu begeben. Der Ausblick in die weite Schwemmebene bis zum Meer ist grandios. Wir stapfen auf weichem isländischen Moos, blicken in tiefe Schluchten und entdecken durch Zufall einen pittoresken See, der mit seinem Blau das Orange und Rot der Felsen wunderbar kontrastiert. Am sumpfigen Ufer wiegt das Wollgras seine flaumigen Fäden in Wind und Sonnenlicht. Absolute Stille. Wir sind wieder einmal alleine auf der Welt. Wir umrunden nun den See und folgen einem schmalen Pfad, der nach einem Wanderweg aussieht. Der sich aber ebenfalls wieder einmal verliert.

Unser treuer Jimny

Und dann verirren wir uns. Immer wenn wir den Weg suchen, den wir hochgestiegen sind, landen wir an einer Felsklippe. Während die Cousine auf Google Maps uns vergeblich zu orten versucht, stolpere ich über weiches Moos von einem Abgrund zum anderen. Ich verfalle in leichte Panik und laufe immer weiter und verliere schließlich auch die Cousine aus den Augen. Endlich bin ich wieder am See und finde erleichtert den Weg zurück. Meine Rufe erreichen niemanden, doch wunderbarerweise gibt es hier Empfang. Handy sei Dank. Die Cousine ist nicht mehr weit.  

Jimny hatte inzwischen Zeit, sich zu erholen und bringt uns und sich selber heil auf die Ringstraße zurück.

Selbst in Schwarz-Weiß beeindruckend.

OSTKÜSTE

Die 280 km lange Fahrt bis zum nächsten Quartier entlang der gesamten Ostküste dauert fast den ganzen Tag, ist jedoch landschaftlich wunderschön und abwechslungsreich. Da wir auf unserer Reise die Westküste mit Ausnahme des Südwestens links liegen ließen, erleben wir hier eine ähnlich wilde Küstenlandschaft mit tiefen Fjorden und kleinen Fischerdörfern, jedoch ohne die rauen klimatischen Bedingungen. Es ist noch immer mild und nahezu windstill. Die Gebirgsketten, bizarre Formationen aus Basaltgestein, von denen nur einer mit einem Tunnel durchbrochen ist, reichen von tief im Landesinneren bis ans Meer, sodass man oft mehr als 20 km in einen Fjord hinein-  und auf der gegenüberliegenden Seite wieder zurückfährt. Erst weiter im Süden trennt grünes Marschland, an dessen Ende schwarze Lavastrände liegen, die Felsen vom Atlantik. An einem dieser einsamen, nur von Möwen und Eiderenten bewohnten Strände picknicken wir. Eine Möwe umfliegt uns in immer tieferen Kreisen, neugierig unseren Proviant beäugend, um dann ihren Artgenossen, die auf den umliegenden Felsen lauern, von Lachs- und Käsebrötchen, Bananen und Keksen zu berichten. 

Alte Hafenstadt Djupivogur

Wer den isländischen Film „Gegen den Strom“ kennt, wird sich an die umweltbewusste Hauptfigur erinnern, die aus Protest gegen eine Aluminiumfabrik Stromleitungen im Hochland kappt und sogar einen Strommasten zu Fall bringt. Offenbar gibt es in diesem Land noch andere streitbare Frauen. Einer von ihnen, einer gewissen Andrea …..dottir, haben wir es zu verdanken, dass wir mehrmals eine Fristverlängerung für unsere versäumte Tunnelgebühr erhalten, die sie uns jedesmal in einer freundlichen E-Mail gewährt. Eine so menschliche Reaktion in einem sonst durch und durch digitalisiertem System haben wir nicht erwartet und gerührt zur Kenntnis genommen. Neugierig geworden, haben wir ihren Namen gegoogelt und festgestellt, dass sie eine Bürgerinitiative gegen diverse Bauprojekte in Akureyri gegründet hat. Was auch immer sie von dem Tunnelbau hält, ob sie für oder gegen ihn war, jedenfalls hat sie Verständnis für ahnungslose Touristen, die in die Tunnelfalle tappen. Takk kaerlega, Andrea

GEN OSTEN

Wir verlassen das Vulkangebiet um Myvatn und fahren gen Osten. Die Straße zur Ostküste führt erst lange durch eine steinige Wüste, die auf dem Mond sein könnte, so bar jeder Zivilisation ist sie. Dann wechselt die Landschaft abrupt. Nackte Berge tauchen auf, die wie Leiber von Riesenrobben oder Walen aussehen. Danach wird es allmählich freundlicher. Glitzernde Bäche schlängeln sich durch die Landschaft. Links und rechts der Straße grasen vereinzelt Schafe, die so viel Wolle mit sich rumtragen, dass ihre Köpfe winzig wirken. 

Im Abendlicht

Von grünen Hängen, die dem Faltenwurf des Gewandes einer Riesin gleichen, stürzen schmale Wasserfälle. In der Ferne grüßen die Basaltberge der Ostküste mit Schneefeldern. Die Straße ist meist schnurgerade und leer. Statt Kurven ein ständiges Auf und Ab, wie auf einer Hochscharbahn mit sogenannten Blind Heads, an denen erst auf dem Scheitelpunkt entgegenkommende Autos auftauchen, was aber selten vorkommt. 

Auch Egilsstathir, unser Tagesziel, ist nicht das, was man unter einer Stadt versteht. Kaum begrüßt einen das Ortsschild mit „velkommin“ , wünscht einem schon das nächste eine schöne Weiterfahrt. Wir fragen uns jedes Mal, wo ist eigentlich die Stadt? Die paar Häuser können es doch nicht gewesen sein. Eine lange Brücke mit Holzbelag führt über den Lögurinn, der eigentlich ein Fluss, aber groß wie ein See ist. An seinem Ostufer eine Seltenheit in Island: ein Wald! Früher, bevor die Wikinger kamen, war ein Viertel von Island bewaldet. Danach holzten die Siedler fast alles ab, um Häuser und Schiffe zu bauen und Platz für Weiden zu schaffen. Jetzt wird an manchen Stellen wieder aufgeforstet. Wir machen eine kleine Wanderung durch diese Seltenheit, die für uns natürlich nichts besonderes hat. Einzig die verkrüppelten Zwergbirken sind ungewohnt.

Cousine im Birkenwald

Zum Glück gibt es aber Heidelbeeren in rauen Mengen, um unseren ärgsten Hunger zu stillen, denn ein uns mittlerweile bekanntes Problem sind Restaurants. Erstens gibt es wenige, zweitens haben sie meistens geschlossen und drittens sind sie sehr teuer. Wir versuchen es in einem Wellnesshotel, dessen Küche gelobt wird und treffen keine Menschenseele. Rezeption unbesetzt, Türen zu Bar und Bistro geschlossen. Erst um 18h30 gibt es angeblich ein Buffet, doch es ist jetzt 14h und wir haben Hunger. Dieselbe Geschichte mit den beiden Restaurants in der Stadt. Das eine bietet erst am Abend italienische Küche an, das andere hat bereits seine Türen für dieses Jahr geschlossen. Im dritten, wenn es denn eines gäbe, würde der Ofen kaputt sein, wie in Husavik geschehen. Ich frage mich: gehen die Leute, Touristen eingeschlossen, nicht essen, weil es so teuer ist, oder ist es so teuer, weil keine Leute kommen und der Wirt irgendwie überleben muss. Einzig eine amerikanische Diner Bude neben einer Tankstelle bietet Burger an. Also wieder in den Supermarkt und einkaufen, obwohl wir eigentlich zu müde sind, um zu kochen. Immerhin gibt es in unserem Quartier eine gut ausgestattete Küche. Unser Speiseplan wechselt zwischen Lamm, geräuchertem Lachs und Spaghetti. Vor den Kühlregalen starrt man ratlos auf die Etiketten der abgepackten Ware, die, meistens in BBQ-Sauce mariniert, schwer zu identifizieren ist. Lamb hat man bald verstanden, aber welcher Teil des Tieres? Glücklicherweise sind die meisten Isländer freundlich und geduldig, selbst wenn ihre Englischkenntnisse zu wünschen übrig lassen. So erfahre ich von einer Einheimischen anschaulich, ob es sich um Keule, Filet, Schnitzel oder Koteletts handelt, indem sie mir die entsprechenden Körperteile an ihrem Leib demonstriert. Auch der Mann an der Kasse hat die Ruhe weg. Ich leere den ganzen  Schotter, der sich seit Tagen in meiner Brieftasche angesammelt hat, vor ihm aus, weil mir schlicht und einfach die Geduld fehlt, den Wert der einzelnen Münzen auseinanderzuhalten. Daher bezahle ich meistens mit Scheinen, was zu neuen Münzen führt usw. Der Kassierer sortiert sie sorgfältig und zählt sie in aller Ruhe, obwohl die Schlange hinter mir immer länger wird. Erstaunlicherweise beschwert sich niemand. In Wien hätten man mich sicher bereits wüst beschimpft. 

Wettermäßig sind wir immer noch mit nahezu 20 Grad verwöhnt. Mit gewisser Genugtuung hören wir, dass über Österreich ein Islandtief hereingebrochen ist. Wir sind aber nicht schuld.

WARMER, WINDIGER NORDEN

Unser nächstes Ziel ist Myvatn, der Mückensee. Nicht umsonst heißt er so. Mein gelbes T-Shirt ist in Windeseile schwarz übersät von winzigen, angeblich harmlosen, nichtsdestoweniger lästigen Mücken, die in jede zugängliche Körperöffnung eindringen. Unsere Übernachtungshütte ist 9×9 m groß, folglich findet außer den zwei Betten, die aber erstaunlich bequem sind, nichts anderes mehr Platz. Dafür haben wir eine phantastische Aussicht auf den Mückensee. Direkt vor unserer Terrasse  — ja, wir haben eine Terrasse! und sogar zwei Stühle darauf! —liegt ein breites Lavafeld. Das Wetter ist noch immer schön und sonnig, doch gegen Abend kommt ein starker Wind auf, vor dem glücklicherweise auch die Mücken reißaus  nehmen, sodass wir zumindest kurz das Fenster öffnen können. Nachts pfeift ein Sturm um die Hütte. Wer jetzt kein Haus hat, findet keines mehr (frei nach Rilke).

Myvatn Nature Bath

Auch hier am Myvatn gibt es eine blaue Lagune. Diesmal gönnen wir uns einen entspannten Nachmittag. Das Wasser ist hellblau bis türkis und zwischen 30 und 35 Grad warm. Da kommt Karibikfeeling auf. Es gibt eine Bar, an der man vom Wasser aus bestellen kann. Da über der Wasseroberfläche eine kräftiger Wind weht, strecken die Badegäste kaum ihre Köpfe aus dem Wasser, halten aber ihre gefüllten Gläser hoch, sodass es aussieht, als wanderten Wein, Sekt und Bier durch die Lagune. 

Vom Bad aus fällt der Blick auf einen nahen Tuffkrater, dem Hverfjall, der aussieht wie ein überdimensionaler schwarzer Schotterhaufen. Beim Aufstieg zum Kraterrand spüre ich, wie meine Knie durch den langen Aufenthalt im warmen mineralhaltigem Wasser weich geworden sind, sodass ich von einer Umrundung desselben absehen muss.

Hverfjall Krater

Halldor Laxness, der isländische Nobelpreisträger, war ein Dichter im Geiste Shakespeares. In seinem Buch „Die Islandglocke“ beschreibt er die katastrophalen Zustände in Island, das im 17. und 18. Jhrdt. unter dänischer Herrschaft litt, dermaßen drastisch und gleichzeitig komisch, dass ich fast bei jeder Seite hellauf lachen muss. Wem dieser Dichter unbekannt ist, dem kann ich ihn unbedingt ans Herz legen.

„Mein Herr hat in berühmten Büchern gelesen, Primo, dass es in Island mehr Gespenster, Ungeheuer und Teufel gibt als Mensche; Secundo, dass die Isländer den Hai in Misthaufen eingraben und dann essen; Tertia, dass die Isländer, wenn sie hungrig sind, die Schuhe ausziehen und diese aus der Hand verzehren wie Pfannkuchen; Quarto, dass die Isländer in Erdhaufen leben; Quinto, dass die Isländer sich auf keine Arbeit verstehen; Sexto, dass die Isländer ihre Töchter an ausländische Männer verleihen, damit diese mit Ihnen schlafen können; Septimo, dass ein isländisches Mädchen als Jungfrau angesehen wird, bis sie ihr siebtes uneheliches Kind bekommen hat. Ist das wahr?“ fragt der Adjutant des Obristen aus Pommern den Helden des Buches Jon Hreggvidsson.

Von diesen Vorurteilen kann ich folgende bestätigen:

Isländer glauben tatsächlich an alle möglichen merkwürdigen Wesen, wie Trolle, Elfen uä., Dimmuborgir ist ein Beweis dafür. Isländer essen immer noch vergammelten Hai. Der Geschmack soll mehr als gewöhnungsbedürftig sein. Isländer leben heutzutage nicht mehr in Erdhaufen, stattdessen in Wellblechcontainern. Isländer scheinen einerseits kaum zu arbeiten, denn so gut wie alles ist digitalisiert. In den meisten Unterkünften haben wir niemanden zu Gesicht bekommen, Zimmernummer und Code werden per Internet zugesandt. Fährt man durch einen Tunnel, wird man fotografiert und wenn man die Gebühr nicht innerhalb von drei Stunden bezahlt, kostet sie das Vierfache. Dass das so ist, muss man allerdings wissen, wenn man durch diesen Tunnel fährt. Auf Kontrollstellen, wo eine freundliche Person sitzt und einem die Gebühr abnimmt wie im übrigen Europa, wartet man vergeblich. Anderseits haben Isländer oft mehrere Jobs, weil sie sonst nicht überleben können. Womit das Essen von Schuhsohlen zumindest symbolisch noch eine Bedeutung hat. Was Sexto und Septimo betrifft, fehlen mir Mittel und Interesse, sie auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Schlucht des Dettifoss

Der Gletscherfluss Jökulsa stürzt in mehreren Wasserfällen dem Atlantik entgegen. Der mächtigste und höchste von ihnen ist der Dettifoss. Seine schlammigen Wassermassen fallen 44m in die Tiefe, womit er der höchste Europas ist. Die Gischt steigt in gigantischen Nebelwolken aus dem Canyon nach oben, wo die Sonne mit den Wassertröpfchen einen Regenbogen zaubert. Der Sellfoss teilt sich zwischen bizarren Felsformationen in mehrere Fälle auf. Eine Wanderung zum dritten mit einem unaussprechlichen Namen müssen wir abbrechen, denn der Weg stellt sich als Kletterpartie in unsicherem Terrain heraus.

Krafla

Der Krater des Vulkans Krafla ist zwar leicht zu besteigen, allerdings nehmen ihm ein riesiges Dampf-Kraftwerk und Leitungsrohre etwas von seiner natürlichen Schönheit.. Oben nimmt der Sturm dermaßen zu, dass ich Angst habe, in den tiefblauen Kratersee geweht zu werden. Ich halte mich ängstlich an der Schnur fest, die zwischen Holzpflöcken den Weg begrenzen, doch mehrere dieser Pflöcke hat der Sturm bereits entwurzelt, sodass ich mich schleunigst wieder auf den Weg nach unten mache. 

Weihnachtstrolle

Diese freundlichen Herren sind keine Nikoläuse, sondern Weihnachtstrolle. 13 von ihnen stehen übers Jahr versteinert in Dimmuborgir. Und das seit 2500 Jahren. Zu Weihnachten werden sie lebendig und treiben ihr Unwesen. Solange man sie nicht verärgert, können sie aber auch lieb und hilfreich sein.

Links zwei sich küssende Trolle. Oder ist einer von ihnen eine Trollin?