SAMARKAND

Hinweis

Aus mir unerfindlichem Grund erscheint dieser Beitrag aus dem Jahr 2023 an erster Stelle, sodass einige meiner Leser glaubten, ich hätte danach nichts mehr veröffentlicht. Dem ist nicht so. Bitte die drei Querstriche rechts oben anklicken, dann erscheint eine Übersicht über alle, auch die letzten Beiträge.

Viel Spaß beim Lesen!

Sherdor Medrese am Registan

Aus der ruhigen Idylle der Nuratauberge geht es zurück in die Großstadt Samarkand mit ihrer wechselhaften Geschichte. Schon vor der Eroberung durch Alexander dem Großen gab es hier eine Stadt mit 400 000 Einwohnern. Afrosiyob bzw. Maraqanda, damals Hauptstadt der persischen Provinz Sogdien, die dem Glauben der Zoroastrier angehörten, einer monotheistischen Religion. Im 4.Jhdt. v.Chr. verbrachte Alexander hier drei Jahre. Er war nicht nur von dieser blühenden Stadt begeistert, sondern er verliebte sich in eine Frau namens Roxane. Auch der Wein, der hier kultiviert wurde, hatte es ihm angetan. Vielleicht war er der Grund für das allmähliche Ende seines kometenhaften Aufstiegs. Im Suff erschlug er seinen besten Freund und als er sich im nüchternen Zustand seiner Tat bewusst wurde, verging ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Lachen für den Rest seines Lebens, das nicht mehr lange dauern sollte. Trotzdem er ein charismatischer Führer und Redner war, gelang es ihm immer weniger, seine Truppen zu motivieren, zumal er auch Anzeichen von Hybris zeigte. Er verlangte, dass sich seine Leute vor ihm auf die Knie warfen, ein Brauch, der in dieser Gegend zwar üblich war, aber den stolzen Griechen gegen den Strich ging.

Was von Marqanda übrigblieb

Marqanda hat eine 2800 Jahre alte Geschichte. Würde man von den heute sichtbaren Ruinen tief hinuntergraben— an einigen Stellen wurde das auch gemacht —, fände man Spuren bis zum persischen Zoriasterreich. Es folgten die Araber mit einer hochentwickelten Kultur und dem Islam, die Samaniden, bis schließlich die Mongolen die Stadt dem Erdboden gleich machten. Von den 400 000 Einwohnern haben nur 100 000 überlebt. Unter Timur wurde die Stadt wieder zur Hauptstadt seines Riesenreiches aufgebaut. Ein Eldorado für Archäologen. Doch die Usbeken, Jahrzehnte lang unter sowjetischer Herrschaft, wollen nicht gerne Fremde an ihre Kulturstätten heranlassen. Ihnen selbst fehlt allerdings noch das nötige Know How und wahrscheinlich auch das Geld, um hier umfangreiche Grabungen zu unternehmen, sodass es im anschließenden Museum nur wenige Exponate gibt. Darunter ein Wandgemälde aus einem Herrscherpalast, das jedoch ohne Schutz dem allmählichen Verfall ausgeliefert ist.


Im Gegensatz zu Xiva und Buchara, wo es eine relativ geschlossene Altstadt gibt, vermischen sich in Samarkand Altes und Neues. Gigantische Moscheen, Grabmäler und Medresen wechseln sich ab mit breiten Boulevards, ausgedehnten Parks und modernen Hochhäusern. Timur und sein Enkel Ulugbek haben die meisten Baudenkmäler hinterlassen. Während Timur ein größenwahnsinniges Zeichen seiner Macht nach dem anderen errichten ließ, widmete sich sein Enkel mehr der Wissenschaft, vor allem der Astronomie. Er ließ eine Sternwarte erbauen, in der sich unterirdisch ein Sextant befand, mithilfe dessen er ziemlich genau die Planetenbahnen und Sterne bestimmen konnte. Es heißt, wenn man sich tief genug unter der Erde befindet, kann man auch bei Tageslicht durch eine kleine Öffnung in der Decke die Himmelskörper beobachten. Seine Erkenntnisse waren den frommen Muselmännern aber ein Dorn im Auge und sie beschlossen, ihn zu töten. Im Schlaf sollte es sein. Durch ein Geräusch wurde Ulugbek aber wach und als er seinen Mörder erblickte, soll er aufgestanden sein und seinen Kopf geneigt haben, um ihm die Arbeit zu erleichtern.

Modell der Sternwarte
Original Sextant

Das Zentrum der Stadt ist der Registan mit dem dreiteiligen Ensemble von Medresen. Die älteste auf der linken Seite wurde von Ulugbek im 15.Jhrdt. in nur vier Jahren errichtet. Etwa 200 Jahre später entstand vis-a-vis die Sherdor Medrese und schließlich die Tillakori-Medrese in der Mitte. Diese drei umschließen einen riesigen Platz. Wenn man sich vorstellt, wie die damalige Stadt ausgesehen hat — niedrige Häuser zwischen engen Straßen —, dann kann man den Eindruck nachvollziehen, den die Weite und Pracht eines solchen Platzes auf die Bewohner gemacht haben mag.

Ulugbek Medrese mit Mond und Venus

Es ist Abend. Über Ulugbeks Medrese stehen Mond und Venus, die der Szenerie einen zusätzlichen Reiz verleihen. Vor zwei Tagen war der Ramadan zuende. Darauf folgen immer vier Ferientage, in denen die Gläubigen nachholen, worauf sie 28 Tage lang verzichten mussten. Die ganze Stadt, aber vor allem der Registan ist voll, voll, voll. Nur mit Mühe bahnen wir uns einen Weg durch die ausgelassene Menge aus Usbeken, Tadschiken, Tartaren, Kasachen, Kirgisen, Russen, Karakalpaken und was es sonst noch an Ethnien in Usbekistan gibt. Es wird enthusiastisch gefeiert, getanzt, Leuchtraketen steigen in den nächtlichen Himmel und — es wird ununterbrochen fotografiert. Die Einheimischen fotografieren einander, mal ist es eine Gruppe von ausschließlich Männern, die für ein Foto posieren, junge und alte, mal zeigen sich Frauen von ihrer besten Seite, ob in traditioneller oder moderner Kleidung, mal Paare, einige fotografieren sich hingebungsvoll selbst, und mit Vorliebe fotografieren sie alle ausländische Touristen. Wir wiederum fotografieren die Einheimischen und natürlich die Prachtbauten, die für eine Viertelstunde lang in einer Lasershow in wechselndes buntes Licht getaucht werden. Und überall sind Kinder in allen Altersstufen gegenwärtig. Babys auf dem Arm ihrer Eltern oder im Kinderwagen, Schulgruppen, Studenten. Die Bevölkerung Usbekistan ist jung. 80% sind unter 45. Jede Familie hat mindestens drei Kinder, nicht selten fünf, sechs, sieben. In den Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich die Bevölkerungszahl verdoppelt. Von 15 auf 30 Millionen. Und die neue Generation ist ehrgeizig. Das Bildungsniveau ist relativ hoch. Analphabetismus nahezu abgeschafft. Jeder, auch die Alten sprechen zumindest zwei Sprachen, ihre Muttersprache und Russisch. Die neue Generation eher englisch und deutsch. Das könnte der Grund dafür sein, dass es den meisten relativ leicht fällt, noch zusätzliche Sprachen zu lernen. Noch nie auf meinen Reisen bin ich so oft gebeten worden, fotografiert zu werden. Es wird benutzt, um ins Gespräch zu kommen. Die Menschen sind neugierig und vor allem die Jungen wollen ihre Sprachkenntnisse demonstrieren. Doch auch wenn man einander nicht versteht, gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich auszutauschen.

Drei Schwestern
Großfamilien
Selbst ist die Frau
Über 63

Wenn eine Frau das Alter Mohameds erreicht hat, er war 63, als er starb, bekommt sie ein weißes Festtagskleid geschenkt.

Der nächste Tag ist der Erkundung der Medresen und einiger Grabmäler gewidmet. Das Grabmal Timurs ist gleich um die Ecke unseres Hotels. Eigentlich wollte er in seiner Geburtsstadt Shahrisabz begraben werden, doch seine Nachfolger nahmen keine Rücksicht mehr auf die Wünsche des einst so mächtigen Mannes, dessen Reich von der Türkei bis nach China, von Russland bis zum arabischen Meer reichte. Den Feldzug gegen China begann er zur falschen Jahreszeit und das war sein Ende. Kurz vor der Grenze blieb das Heer in Schneestürmen stecken, Timur erkrankte an Lungenentzündung und das war’s. Bemerkenswert ist eine steinerne Wanne im Vorhof. Sie wurde mit einer bestimmten Menge von Granatapfelsaft gefüllt und jeder Soldat musste einen Becher daraus nehmen. So konnte man anhand des entnommenen Saftes auf die Zahl der Kämpfer schließen. Nach der Schlacht musste jeder einen Stein hineinwerfen, und aus der Differenz schloss man, wie groß die Verluste waren.

Gur Emir, Grabmal Timurs
Steinbecken

In der mittleren Medrese befindet sich auch eine ehemalige Moschee, die Goldgeschmückte, die mit der goldenen Innenausstattung ihren Namen zu Recht verdient. Die Bibixonim Moschee, benannt nach der Lieblingsfrau Timurs, läßt ahnen, welche Dimensionen der größenwahnsinnige Tyrann anstrebte. Zu groß, wie sich bald herausstellen sollte, der Bau fiel bald nach der Fertigstellung in sich zusammen. Bei all diesen phantastischen Bauten gibt es einen Wermutstropfen. Sie waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch Ruinen und wurden zum größten Teil wieder aufgebaut bzw. renoviert. Zwar hat man alte Fragmente verwendet und auch originale Majolika und Mosaike aus dem Schutt gerettet und angebracht, doch das meiste wurde rekonstruiert.

Die Goldgeschmückte Moschee

Nach Mallorca zur Sonnenfinsternis

Morgen um die Zeit siehst Du ganz schön düster aus

Natürlich ist es unverantwortlich, für zweieinhalb Tage nach Mallorca zu fliegen, um mit Glück 90 Sekunden Sonnenfinsternis zu sehen. Doch in meinem Alter ist es höchstwahrscheinlich eine der letzten Gelegenheiten, sie in Europa zu erleben. Genau genommen die vorletzte, denn 2027 gibt es eine, die auch in Südspanien sichtbar ist. Ich kann nur hoffen, dass der Himmel im Westen nicht verhangen oder noch schlimmer, bewölkt ist. Wie immer bin ich nicht die Einzige, die sich deswegen auf den Weg zur Insel macht(e). Der Flieger ist bis auf den letzten Platz besetzt. Doch ich habe mir ein Kloster auf dem Puig de Randa ausgesucht, weit weg von Touristenströmen und Ballermann, und verzichte sogar aufs Meer, um die Eclipse nur ja nicht zu verpassen. Das Hotel wird morgen die Zufahrtsstraße sperren, nur Gäste und Personal bekommen die Erlaubnis, hinaufzufahren. Doch schon heute passiere ich im Taxi mehrere Radfahrer, die sich bei 37 Grad die steilen Serpentinen hinauf quälen. Die werden wahrscheinlich auch morgen durchgelassen werden.
Es dauerte eine Weile, bis am Flughafen das bestellte Taxi auftauchte. Eine Lina schrieb mir, wo ich sie finde, aber ich fand sie erstmal nicht. Sie schickte mir ein Foto von sich. Das half auch nicht viel, denn alle Mallorquinerinnen sehen gleich aus: Klein, stämmig, ein derbes Gesicht mit mürrischem Ausdruck. Wahrscheinlich mögen sie keine Touristen.
Das ehemalige Franziskaner-Kloster, bzw. Heiligtum (Santiaro) ist schön und alt, die Zellen mehr oder weniger authentisch. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Tisch. Ein Ventilator, der die Hitze im Raum kaum mildert. Einziger profaner Luxus: ein Fernseher — brauche ich nicht, eine Klimaanlage wäre mir lieber. Im kleinen Bad gefühlte 50 Grad. Es stinkt penetrant nach Chlor. Die schlichte Geistlichkeit kostet 200 Euro die Nacht. Das ist franziskanische Christlichkeit, wenn man bedenkt, dass andere Hotels ein Vielfaches ihres Normalpreises verlangen. Die Sonnenfinsternis ist ein Geschäft wie alles auf der Welt. Mein Zimmer schaut gen Westen, doch akkurat vor der untergehenden Sonne steht ein Baum. Ich werde mich morgen also auf eine der diversen Terrassen begeben müssen und mir rechtzeitig einen Platz an der Sonne sichern.

Blick auf Palma vom Puig de Randa (543m)


Erste beunruhigende Feststellung: die Sonne wird nicht über dem Meer untergehen, sondern hinter den vorgelagerten Bergen. Google meldet: um 19:38 schiebt sich der Mond langsam vor die Sonne und wird sie um 20:31 für 90 Sekunden total verdecken. Bange Frage, wird sie dann überhaupt noch zu sehen sein? Ja, schon, aber… Heute verschwindet sie exakt zu dieser Zeit hinter den Schleierwolken am Horizont. Ätsch! Das habe ich befürchtet. Wolkenloser Himmel den ganzen Tag, aber just vorm Untergang Wolken. Das kann uns natürlich auch morgen blühen. Fünf Minuten später erscheint sie wieder unter den Wolken, bevor sie hinterm Berg verschwindet. Also die Endphase werde ich auf keinen Fall sehen. Das mit den Bergen hat das Hotel natürlich wohlweislich verschwiegen.

Der Ventilator gibt sein bestes, aber die chlorgeschwängerte, 30 Grad heiße Luft will einfach nicht entweichen, obwohl ich die beiden Fenster weit geöffnet habe. Die eingeladenen Gelsen freuen sich schon auf mein Blut. Was nimmt man nicht alles in Kauf für 90 Sekunden Sonnenfinsternis, so Gott will und die Wolken sich verziehen. Vielleicht hilft ja der Klostergeist.

Kloster Santuari de Cura

Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht, in der auch das Verschieben des Bettes unter den Ventilator nicht viel änderte, endlich ein nebeliger Morgen bei angenehmen 23 Grad. Den Schnorchelausflug muss ich stornieren, weil Viator mich trotz Ankündigung nicht vom Hotel abholt. Eine Sonnenbrille für die Eklipse hab ich auch nicht dabei, nur eine Folie. Ich dachte, bei SonnenUntergang schau ich ja auch immer in die Sonne, da wird die verdeckte auch nicht schlimmer sein. Doch im Internet wird gewarnt. Da die Pupillen sich weiten, weil die Sonne verdeckt ist, aber trotzdem genug Strahlkraft an den Rändern hat, kann das die Augen unwiderruflich schädigen. Also entweder die ganze Zeit durch die Folie schauen oder eine Brille muss her. Auf gut Glück frag ich einen Engländer, der gerade mit seiner Familie in sein Auto steigt, ob er mir einen Favour erweisen und eine Brille mitbringen würde von dort, wo immer er hinfährt. Ich weiß nicht, manchmal habe ich den richtigen Riecher oder einfach Glück. Der Engländer hat noch eine Extrabrille dabei, die er mir leihen wird. Also dann sollte nichts mehr schiefgehen, zumindest was die Vorbereitung betrifft. Ich habe das Eklipse Menü auf Mittag vorverlegt, damit den Abend frei bin.

Schlaf- und Medidationshöhle von Ramon Llull, Philosoph und Gelehrter

Um sechs Uhr sind schon mehrere Kameras auf den Mauern gen Westen aufgebaut. Hotelgäste, Radfahrer, Wanderer und sonstige Privilegierte mit Bono di Acceso suchen den besten Platz. Die Anzahl hält sich glücklicherweise in Grenzen. Sicherheitsbeamte in orangenfarbenen Uniformen sollen wohl etwaige Exzesse in Schranken halten. Auch ich streune umher und entscheide mich schließlich für die höchstgelegene Terrasse. Auf leeren Obstkissen mit einem Kissen für Gartenstühle halte ich mich mit Brille, Folie, IPad und Handy bereit. Neben mir eine Deutsche, die schon seit ihrer Kindheit auf Mallorca lebt. Noch brennt die Sonne mit unverminderter Kraft, nicht ahnend, was ihr unmittelbar bevorsteht. Um 19:38 ist es endlich soweit. Von unten rechts schiebt sich allmählich, unendlich langsam, ein Schatten über den Feuerball. Man erahnt die dunkle Mondkugel. Erste Kameras klicken. Auch ich mache mehrere Fotos, doch meine HandyKamera erfasst nur grelles Sonnenlicht. Ein anwesender Augenarzt warnt vor Netzhautverätzungen, ein Hund streicht unruhig winselnd umher, Vögel höre ich keine, weder vorher, noch während, noch nachher. Die Stunde bis zur totalen Verfinsterung zieht sich. Die Sonnensicheln gleichen immer mehr einem Mond im Abnehmen. Alle fiebern DEN 90 SEKUNDEN entgegen. Werden die Wolkenschlieren am Horizont die Eklipse verdecken oder nicht? Kurz vor 20:30 schalte ich auf gut Glück mein Handy auf Videoaufnahme. Der Countdown läuft. Es wird jetzt rasch dunkler, die allgemeine Erregung steigt. Eine letzte Sekunde, ein allgemeiner Aufschrei, alle reißen sich die Brille vom Gesicht. Auch ich, obwohl ein lodernde Strahlenkranz der totalen Verdeckung trotzt. Die 90 Sekunden sind wie ein Orgasmus. Wunderschön, atemberaubend, aber viel zu kurz. Schon taucht glühend ein roter Fleck an der Stelle auf, wo die Verdunkelung begann. Dann trüben ein paar Wolken für einen Moment das klare Bild, bevor der immer größer werdende Feuerfleck wieder sichtbar wird und schließlich hinter den Bergen verschwindet.

Schon leicht deformiert
Eklipse
Bald danach

Die nächste Sonnenfinsternis findet am 2. August 2027 in Südspanien und Nordafrika statt.

Ich habe schon Hotels gegoogelt. In Südspanien, Marokko und Ägypten sind schon beinahe alle Hotels ausverkauft. Zu unverschämten Wucherpreisen.

BIENNALE VENEDIG 2026

Daniel Pesta

Alle zwei Jahre wieder Venedig. Biennale und überhaupt. Ich wohne privat fern von Touristenströmen ( ich bin ja keine Touristin), wenige Schritte entfernt von Giardini und ebenfalls fußnah zu Arsenale. Viel wurde bereits berichtet von den heurigen Ausstellungen und Sensationen. Besonders der österreichische Beitrag hat viel Aufsehen erregt und ist daher (wen wunderts?) sehr erfolgreich. Eine nackte Frau als Glockenklöppel. Warum nicht, wenn auch nicht neu. Schon vor dreißig Jahren ließ sich Wolfgang Flatz zwischen zwei Stahlplatten bis zur Bewusstlosigkeit hin und her schleudern. So weit geht die österreichische Künstlerin nun doch nicht. Daneben gab es Demonstrationen gegen die israelische und russische Teilnahme. Das kennen wir ja schon vom ESC in Wien. Die Frage ist, wie weit sich der Staat in die Auswahl der jeweiligen Künstler einmischen muss. Warum entscheidet nicht in kritischen Fällen ein Kurator der Biennale? Warum lädt man nicht KünstlerInnen, die im Exil leben?

Laura Mega hat mit trauriger Ironie die grausamen Kriegsspiele der Welt auf den Punkt gebracht. In einer Ausstellung, die nicht Teil der Biennale ist.

Laura Mega

Montags ist die Biennale geschlossen. Es ist drückend heiß. Doch auf dem Vaporetto nach Murano weht ein angenehmer Wind. Auf der Insel reiht sich eine Glasgeschäft an das andere. Die meisten bieten grauenhaften Kitsch, doch in einigen findet man auch edle Designerstücke und zauberhafte Kreationen.

ARSENALE

KünstlerInnen aus Indien haben großartige Werke geschaffen, die sich mit dem Thema Heimat beschäftigen. Was und wo ist Heimat? Ein Land? Ein Haus, eine Wohnung? Erinnerungen? Träume? Menschen? Was geschieht mit der Vergangenheit, Zugehörigkeit, Geborgenheit, wenn die Dinge in der Welt sich ständig ändern? Berechtigte Fragen aus einem Land, das wie kein anderes in den letzten Jahrzehnten eine beispiellose Entwicklung erlebt. Sumakshi Singh erschuf ein phantastisches Gewebe aus feinen Baumwollfäden, einen schwerelosen Palast der Erinnerung an das zerstörte Haus, in dem sie einst lebte. Ranjani Shettar kreierte Pflanzen und Blumen aus Naturmaterialien, die leuchtend vor dem schwarzen Hintergrund des Pavillons schweben. Im Gegensatz schuf Asim Waqif eine gewaltige Konstruktion aus Bambusstämmen, die die Frage aufwirft, ob heutige Gebäude aus Beton ebenso widerstandsfähig und langlebig sein würden.


Im krassen Gegensatz zu den phantasievollen Erinnerungen der indischen KünstlerInnen wird man von den Skulpturen des kubanischen Künstlers Roberto Diago aus Metall, Holz und Abfallprodukten, geradezu erschlagen. Seine Männer der Installation hombre libre sind brutale Gegenwart aus einem Land, das keine nostalgischen Gefühle mehr kennt. Zu groß sind Not und Desillusionierung. Wie trotzige, wild entschlossene Demonstranten drängen sich die Figuren im viel zu engen Raum, wie um zu zeigen, dass sie bereit und fähig sind, ihr einengendes Gefängnis zu sprengen.

Im italienischen Pavillon stellt Chiara Camoni überlebensgroße weibliche Terracotta Figuren aus. Sie scheinen direkt aus der Erde entstiegene Göttinnen zu sein, die uns Geschenke darbieten. Würdevoll stehen, sitzen und liegen sie, aufgeklappt wie filetierte Fische.

GIARDINI

Als erstes, überlege ich, zum österreichischen Pavillon, der ganz am Ende des Geländes liegt. Später würde man sonst Stunden anstehen müssen. Dachte ich. Sowie viele, denn als wir ankommen, reicht die Schlange schon fast bis zur Brücke zurück. Zu jeder vollen Stunde wird die Glocke mit einer nackten Frau geschlagen. Glücklicherweise hängt sie vor dem Pavillon, sodass man während der Wartezeit schon in den Genuss dieses Spektakels kommt. Wie schon erwähnt, ist die Idee nicht neu, die Nackte aber schon. Und die Frau ist attraktiver als Flatz. Eine Gürtelvorrichtung an den Hüften schützt sie vor dem Aufprall. Sie wird also auch nicht ohnmächtig. Endlich in den Pavillon eingelassen, steht man gedrängt in einer Menschenmenge, um einen Blick auf die nächste Nackte zu erhaschen, die auf einem Jetboot in einem Wasserbecken im Kreis fährt. Es stinkt gehörig nach Benzin. Schon klar, die Spaßgesellschaft verpestet Wasser und Luft. Mal sitzt, mal steht sie auf dem Gefährt, mal streckt sie sich gemütlich aus und schaukelt auf den Wellen. Fotografieren ist verboten. Auf der anderen Seite ein Schiffsmast mit goldenen Figuren, zu denen sich dann echte Frauen gesellen und im Hochklettern verschiedene akrobatische Positionen einnehmen. Zirkusreif ist das zwar nicht, dafür aber nackt. Weiter geht es zu einem Aquarium, in dem ein nackter Mann/Frau? mit einem Sauerstoffgerät liegt, bzw. steht. Daneben zwei mobile Toiletten, die man möglichst benutzen soll — aber nur pipi! bittet eine Aufpasserin. Offenbar gab es schon schlechte Erfahrungen mit übereifrigen Benutzern. Eine riesige Filteranlage, die aus einem Land kommt, wo Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist, filtert das Pipi der Besucher und leitet es anscheinend ins Aquarium. Hinter einer Glaswand gegenüber sollten eigentlich Roboterhunde als Cerberusse agieren, aber leider sind sie defekt. Als Ersatz bodenturnt eine — erraten!— nackte Frau. Sie verbiegt sich zu allen möglichen Positionen und zeigt jedes Detail ihres Körpers bis zu den Schamlippen und darüber hinein. Ihr Gesichtsausdruck, mit dem sie die sie beobachtende Menge mustert, ist voller Verachtung, als würde sie denken: ihr Arschlöcher schaut mir doch nur zu, weil ich nackt bin. Na, warum denn sonst? Sie ist zwar einigermaßen beweglich, aber für eine Meisterschaft in Bodenturnen reicht es bei weitem nicht. So wird das ganze zu einer Peepshow. Warum müssen die Frauen nackt sein? Die politische Relevanz — Umweltverschmutzung, Religion, Überflutung durch den Klimawandel, Verschwendung von Ressourcen usw. — wird erst richtig klar, wenn man die Beschreibung liest. Denn die Botschaft wird leider überlagert durch Nacktheit. Man kommt erstmal nicht auf die Idee, dass die Person im Aquarium für Menschen steht, die durch Überflutung bald ihren Lebensraum verlieren, sondern man betrachtet interessiert ihre Geschlechtsorgane. Ist es ein Mann, der zu einer Frau operiert wurde oder umgekehrt? Bei der Nackten auf dem Jetski stellte ich mir die Frage, ob es ihr mit bloßer Vulva auf dem Sitz nicht zu unbequem wird. Unwillkürlich taxiert man als Frau die nackten Körper, vergleicht sich und fragt sich, würde ich das auch tun? Was in den Männern neben mir vorgeht, will ich gar nicht wissen. Warum machen die Frauen sich freiwillig zu Objekten? Ist das feministisch? Was würde die Künstlerin dem entgegnen? Vielleicht würde sie wie Pasolini einst argumentieren, als man sich über die pornografischen Sado-Maso-Szenen im Film Die letzten Tage von Salo empörte: darüber seit Ihr schockiert und nicht über den Faschismus? Nur dass Nacktheit niemanden mehr empört, sondern nur vom Eigentlichen ablenkt.

Im Pavillon VENEZIA hebt sich ein von Geisterhand gespielter Flügel in die Luft und verschwindet zusehends. Im Ägyptischen sollen große Metallskulpturen zur Kontemplation anregen. Der griechische Beitrag ist eine Katastrophe. Mehr eine Rumpelkammer, die an ein Horrorkabinett oder eine Geisterbahn erinnert. Die dazugehörige Beschreibung liefert auch keine Erhellung. Dafür erleichtert eine Aufschrift: ESCAPE. Gerne.

Leider muss ich mich meistens durch die kleingeschriebenen und tiefhängenden Tafeln kämpfen, um eine Ahnung zu bekommen, was die KünstlerInnen mir sagen wollen. Manchmal nützt auch das nichts. Je hochtrabender und philosophischer die Erklärung, umso ratloser stehe ich vor manchen Werken. Selbsterklärendes gibt es kaum. Da stürze ich mich gerne auf die Babypuppen im Japanischen Pavillon. Sie sehen lustig aus, man kriegt eines in den Arm gedrückt und darf es sogar wickeln. Statt Scheiße in der Windel findet man einen QR-Code, der zu einem Gedicht führt. Es macht einfach Spaß, all die Männer und Frauen mit den Babys im Arm zu beobachten. Warum sie alle Sonnenbrillen tragen, will ich gar nicht hinterfragen.

Im Deutschen Pavillon setzten sich eine Westdeutsche und eine Künstlerin aus einer Vietnamesischen Gastarbeiterfamilie der ehemaligen DDR mit der deutschen Teilung auseinander. Halbierte Stühle, ein nachgebautes Wohnzimmer und die Verwandlung der Fassade des faschistischen Baus durch Mosaiksteine eines Plattenbaus. Ein großformatiges Gemälde, eigentlich ein Relief zeigt DDR Alltag. Im Dänischen geht es um Samenspenden und den dazugehörigen Pornovorlagen. Echte Pornostars demonstrieren nicht ohne Humor ihre gigantischen Brüste.

In Erinnerung blieb mir noch der spanische Beitrag. Die Wände des gesamten Pavillons sind mit 50.000 Ansichtskarten ausgeschmückt, die der Künstler in 20-jähriger Sammlerarbeit aus 200 000 ausgewählt hat. Neben dem ästhetischen Genuss muss man eine enorme Arbeitsleistung würdigen.

Sowie auch in der großen Ausstellungshalle Tausende kleiner Keramikfiguren, die einen Flüchtlingszug darstellen. Alle Arbeiten hier sind der südlichen Halbkugel gewidmet, hauptsächlich KünstlerInnen aus Afrika. Ich bin nach sechs Stunden fix und fertig und kann eigentlich nichts mehr genügend würdigen. Hier noch einige Fotos, zu denen die Kraft noch reichte.

Fazit: Durchwachsen. Einiges großartig, manches amüsant oder aufregend, vieles unverständlich und einfallslos. Im Arsenale stehen und hängen die Werke oft so dicht gedrängt, dass man vor lauter Kunst keine Kunst mehr sieht. Das ermüdet. Venedig wie immer das schönste Kunstwerk von allen, besonders auf Sant‘Elena und Canaletto. Obwohl eine schweißtreibende Hitze herrscht.
In zwei Jahren sehen wir uns wieder!

VON MENSCHEN und TIEREN

Zurück im kalten Wien. In einer kalten Wohnung. Hustend, übermüdet und desorientiert zwischen halb geleertem Koffer, schmutziger Wäsche, Reiseeinkäufen. Nicht mehr dort, noch nicht hier. Voller Eindrücke und Bilder. Indien ist alles, was ich befürchtet habe: laut, schmutzig, arm, chaotisch. Oder sagen wir besser: bunt, lebendig, lebensfroh, herzlich. Überwältigende Kulturdenkmäler, explodierende Städte, faszinierende Traditionen neben hochqualifizierter Technik. Unvorstellbarer Reichtum neben bitterer Armut. Aber der Mittelstand wächst. Bewundernswerte Lebenskünstler, Vegetarier ( größtenteils), gefährliche (weil immer erfolgreiche) Händler, charmante Wahrsager und Lügner, waghalsige Fahrkünstler, erfindungsreiche Überlebenskünstler. Freundliche offene Menschen, die gerne feiern, Tiere verehren und nicht töten. Als Europäer ist man überfordert, als Inder in all dem Trubel tiefentspannt. Während wir den Stau verfluchen, scheinen ihn die Inder zu lieben und hupen fröhlich um die Wette. Ich habe von einem indischen Reiseleiter gehört, der seit kurzem ein Auto hat, auf das er sehr stolz ist. In die Arbeit fährt er mit der Metro, feierabends lädt er sein Familie ins Auto und fährt zur Rushhour durch die Gegend. Auf die erstaunte Frage, da sei doch überall Stau und kein Durchkommen, meint er, das würde ihn entspannen. Vieles ist nicht nur besser, sondern auch effizienter als bei uns. Die Gesundheitseinrichtungen und Medikamente sind spottbillig, die Bildungseinrichtungen kostenlos. WLAN im ganzen Land verfügbar. Mit über 1,4 Milliarden Einwohnern inzwischen das bevölkerungsreichste Land der Welt. Mehr als China. Und das als Demokratie! Chinas Argument, ein großes Volk könne man nur autokratisch regieren, erwies sich als falsch. Die Annahme, das Kastensystem würde einen Aufschwung unmöglich machen, ebenso. Auch dass so viele verschiedene Religionen friedlich zusammenleben, sich sogar gegenseitig respektieren, ist etwas, woran sich die Welt ein Beispiel nehmen sollte.

Fazit: I am deeply impressed!

Muslim
Jain Pilger
Hauptsache mobil…
…lieber ohne mich
Kamelhirten
Bad Hair Day
Red Hair Day
Gemeinsam sind wir stark
Genau
Vaterliebe
Mutterliebe
Platz ist in der kleinsten Rikscha
Würde ist alles
Find ich auch
Verspielt
Was glotzt Du? Noch nie ne Kuh gesehen?
Touristen…einfach ignorieren
Liebe hat viele Gesichter
Träumen sie von einem Leben als Schoßhunde? Wohl kaum
Frauenpower

Alberne Bemalung, täglich auf und ab, scheiß Touristen
मेरी गांड चाटो

AGRA

Das Rote Fort, das Akbar erbauen ließ, die Intarsienwerkstatt und das Grabmal Itimat-ud-Daula habe ich versäumt. Meine Bronchitis war schlimmer geworden, ich hatte Fieber und ich fühlte mich nicht in der Lage, bei schlechter Luft, Menschenmassen und Lärm stundenlange Besichtigungen mitzumachen. Nicht dass es mir am nächsten Tag viel besser geht, aber das TAJ MAHAL kann ich mir nicht entgehen lassen, und sei es mit dem Kopf unterm Arm. Ich habe auch schlecht eine andere Wahl, denn von dort geht es direkt zurück nach Delhi.

Das berühmteste Grabmal der Welt, ein architektonisches Wunder aus weißem Marmor, verdanken wir derselben Familie der Mogulkaiser, die ich bereits vorgestellt habe. Shah Jahan, der Enkelsohn Akbars, ließ es für seine verstorbene Lieblingsfrau bauen und wesentliche Elemente und Ideen stammen von ihm selbst. 20 Jahre dauerte die Bauzeit. Tonnen von Marmor wurden von Elefanten aus Rajasthan herangeschafft. Es dürfte enorme Kosten verschlungen haben, denn als der Kaiser auf der anderen Seite des Yamuna sein eigenes Grabmal aus schwarzem Onyx bauen wollte, ließ sein Sohn ihn kurzerhand im Roten Fort einsperren. Auch sonst war der Urenkel Akbars, Aurangzeb, nicht zimperlich. Er hat so ziemlich alles zerstört, was sein Urgroßvater erreicht hatte. Von Toleranz unter den Religionen hielt er nichts. Er führte fanatisch Krieg gegen hinduistische Tempel und ließ rücksichtslos die dort Schutzsuchenden massakrieren. Nach seinem Tod ging es mit dem Mogulreich bergab. Führerlos geworden war Indien ein willkommenes Land für die englische Kolonialmacht, die von da an bis zur Unabhängigkeit 1947 bleiben sollte. 

Was soll ich zum Taj Mahal sagen, was nicht schon Millionen vorher gesagt haben? Trotz des schweren harten Marmors wirkt es wie ein schwebendes Baisergebäck. Das ist keineswegs Zufall, sondern ausgeklügelte Technik. So ist der Mittelteil von vier äußeren Säulen umgeben, die sich fast unmerklich nach außen neigen und dadurch das Hauptstück optisch heben.  Die Chattris — Verbrennungsstätten, die eigentlich hinduistisch sind — und weitere kleine Säulen, die die Kuppel umstehen, verstärken diesen Eindruck. Die Kuppel selbst ist nicht halbkugelförmig, sondern verjüngt sich etwas zur Spitze hin. Alle diese architektonisches „Tricks“ lassen das Taj so leicht und harmonisch wirken. Die Blumenreliefs und Intarsien mit Halbedelsteinen sind von delikater Eleganz. Jedes Detail ist ein Kunstwerk für sich. Nichts ist zuviel, nichts wirkt überladen.

Das Innere spiegelt das Äußere wieder. Kunstvoll geschnitzte Jalis umgeben die beiden Särge. Die tatsächlichen Gräber befinden sich unterhalb. Auf der anderen Seite liegt der Fluß Yamuna. Von welcher Seite auch man den Bau betrachtet, alle vier sind identisch. Man sollte meinen, dass diese Symmetrie und perfekte Harmonie das Gebäude langweilig erscheinen lassen. Keineswegs. 

Die Vorschriften für einen Besuch sind beachtlich. So darf nichts mitgenommen werden, was den Argwohn der Sicherheitskontrollen erwecken könnte, kein Wasser (versiegeltes Wasser wird extra ausgeteilt), kein Lippenstift (warum auch immer). Überschuhe sind ab dem 10m hohen Plateau, auf dem das Taj ruht, Pflicht. Trotz dieser Maßnahmen ist es erstaunlich, dass alles noch im Originalzustand ist. Millionen Besucher sind über die Marmorböden gegangen und nicht der geringste Abrieb hat diesem harten Stein etwas anhaben können. Mit den Jahren vergilbt der Marmor, dann wird er gereinigt und erstrahlt wieder in leuchtendem Weiß.

Wir sind am Morgen da, das leicht diesige Wetter verzieht sich rasch und der tiefblaue Himmel lässt das Grabmal noch mehr leuchten. Es ist bereits gut besucht, indische Touristen sind weit in der Überzahl, aber die großzügige Anlage mit Wasserbecken und Springbrunnen lässt genug Platz. Allerdings soll es ab Mittag, wenn die Tagestouristen aus Indien anreisen, dreimal so voll sein. 

Mit indischen Schönheiten

FATEHPUR SIKRI

Auf dem Steinpodest in der Mitte wurde Dame mit echten Damen gespielt

Babur—Humayun—Akbar. Eine interessante Familiengeschichte von Macht, Eroberung, Verlust, Schuld, Sucht. Babur kämpfte gegen die Rajputen, ein Herrschergeschlecht, von dem man nicht genau weiß, woher sie stammten, sie sollen über zwei Meter groß gewesen und dementsprechend massiv gewesen sein, was den wesentlich kleineren Völkern große Angst einjagte. Barbur gründete 1526 in Delhi und Agra das Mogulreich. Er war ein sehr trickreicher Feldherr. Eine entscheidende Schlacht gewann er, indem er Stroh auf den Rücken von Kühen entzündete, worauf diese vor Schmerz brüllend in die feindlichen Reihen rasten, wo sie die Elefanten der Gegner in Panik versetzten. In dem verursachten Chaos gelang es ihm, die Schlacht gegen die Überrumpelten zu gewinnen. Später widmete er sich seinen bedeutenden Memoiren und interessierte sich sehr für Naturgeschichte.

Barbur
Humayun
Akbar der Große

Als sein Sohn Humayun schwer erkrankte und niemand ihn heilen konnte, wandte er sich an einen Heiligen, der ihm auftrug, sich Allah zu opfern, dann würde sein Sohn gesund. So geschah es auch. Der arme Humayun fühlte sich deswegen sein Leben lang für den Tod seines Vaters schuldig. War er anfangs ein fähiger Herrscher, verfiel er immer mehr der Astrologie, verlor eine wichtige Schlacht und musste schließlich ins Exil. Es gelang ihm zwar, wieder zurückzukommen, aber wenig später fiel er im Opiumrausch eine Treppe hinunter und starb früh. Sein Sohn Akbar kam mit 12 bereits auf den Thron. Er sollte 40 Jahre herrschen. Er verfügte als erster über eine Artillerie und besiegte nach dreijähriger Belagerung die als uneinnehmbar geltende Festung Chittorgarh. Das verschaffte ihm bei den Rajputen so viel Respekt, dass sie es vorzogen, sich mit ihm zum verbünden und für ihn statt gegen ihn zu kämpfen. Akbar war schlau genug zu wissen, dass er auf Dauer seine Macht nicht würde halten können, wenn er Rajputen und Muslime nicht vereinte. Wie schon erwähnt, verlangte er vom Maharadscha von Amber, ihm seine Tochter Jodha Bai zur Frau zu geben. Eigentlich eine Liaison der Unmöglichkeit. Die Ehe war auch nicht glücklich und blieb lange Zeit kinderlos zum Verdruss Akbars. Jodha Bai war auch kaum amused, ihren Gatten mit 800 Konkubinen zu teilen. Schließlich entschloss sich Akbar, nach Sikri zu gehen, wo er einen weisen und wundertätigen Mann namens Shaikh Salim Chisti traf. Er weissagte ihm einen Sohn. Jodha Bai wurde schwanger und gebar tatsächlich einen Sohn.

Sheikh Salim Chistis Grab. Noch immer bringt man Opfergaben und hofft auf Nachwuchs.

Noch heute pilgern kinderlose Frauen an sein Grab und hoffen auf Nachwuchs. Aus Dankbarkeit baute Akbar eine Stadtanlage in Sikri für 20 000 Menschen, eine Moschee, einen Palast und später ein prunkvolles Grab für den Weisen. Zu spät merkte er, dass es dort nicht genug Wasser gab. Also verließ er die Festung nach 15 Jahren wieder.

Fruchtbarkeitsschnüre
Moschee

Die gesamte Anlage ist aus rotem Sandstein und wirkt heute trotz meisterlicher Verzierungen ziemlich eintönig. Ursprünglich war sie jedoch mit Stuck überzogen und bemalt. Es gibt einige Besonderheiten, so zum Beispiel einen Palast, der so verwinkelt ist, damit er mit seinen Frauen hier Verstecken spielen konnte. Auf einem Plateau vor seinem Palast spielte er ein Spiel namens Dame. Und es waren tatsächlich echte Damen, teils weiß, teils schwarz gekleidete, um die gespielt wurde. Der Sieger durfte sie behalten. Ein breites Hochbett in seinem Schlafzimmer erlaubte ihm, gleich mehrere Gespielinnen dort einzuladen. Darunter lagen die Wächter. Sollten sie zu viel mitgekriegt haben, was sich oben abspielte, konnte ihnen das zum Verhängnis werden. Rechts auf der Säule Kakaobohnen und Trauben, auf die die Frauen ganz wild waren. Leider wuchsen sie nicht in der Gegend und der Transport aus dem Norden tat ihnen selten gut.

breites Hochbett


Doch seine Lustbarkeiten spielten nur eine nebengeordnete Rolle, wenn er gerade nicht im Krieg war. An Grausamkeit den Rajputen in nichts nachstehend, ist seine größte Leistung aber, das Reich geeint zu haben. Obwohl Analphabet, war er äußerst gelehrt. Er ließ sich alles vorlesen, lernte alle Religionen kennen, diskutierte leidenschaftlich gern und stellte schließlich fest, dass jede Religion ihre Stärken und Schwächen hatte und daher jeder glauben sollte, was er wollte. Ein muslimischer Nathan der Weise sozusagen. Noch heute wird in indischen Schulen ein wertfreier Religionsunterricht geboten. So ist das Zusammenleben von Hindus, Moslems, Sikhs, Jains, Christen usw. kein Problem. Nur der regierende Ministerpräsident ist ein fanatischer Hindu und setzt den Moslems, vor allen in Kaschmir, extrem zu. Er sollte sich an Akbar orientieren. Schon Indira Ghandi ließ einen Unabhängigkeitsaufstand der Sikhs brutal niederschlagen, was sie selbst schließlich das Leben kostete.

Wir haben Rajasthan verlassen und sind nun im Bundesstaat Uttar Pradesh. War Rajasthan mit 8 Einwohnern pro Quadratkilometer sehr dünn besiedelt, kommt jetzt auf die gleiche Fläche das Hundertfache. Zwei große Flüsse, Ganges und Yamuna und weitere bringen für die Landwirtschaft genug Wasser, um die Bevölkerung zu ernähren. Schon am Fort werden wir von fliegenden Händlern bestürmt, die alles mögliche anbieten, was man auf keinen Fall braucht. Kein Wort sagen, nur eine abwehrende Handbewegung, das hält sie halbwegs in Schach. Manchmal tut es mir leid, wenn mir eine kleine Kinderhand entgegengestreckt wird und mich glutvolle Augen bittend ansehen. Doch wir sollten unter keinen Umständen bettelnden Kinder etwas geben. Sie sollen in die Schule gehen, die für alle kostenlos ist und nicht lernen zu betteln, auch wenn ihnen das im Moment lukrativer erscheint. Für jedes Foto wird Geld verlangt. Zahlreiche Männer verfolgen einen und wollen ungefragt irgendwas erklären. Und ehe man sich versieht, halten sie die Hand auf. Es ist mühsam. Und lästig. Über Headsets sind wir mit den Erklärungen unseres Reiseführers sehr gut bedient. In der Moschee bittet mich ein Muslim von sich aus um ein Foto mit seiner Frau. Das mache ich gerne und verlange auch kein Geld dafür.

zwei Welten

Es ist eine sehr weitläufige Anlage mit großen freien Plätzen und Gartenanlagen. Akbars eigener Palast ist verglichen mit denen der Maharadschas sehr bescheiden. Seine Ehefrau Jodha Bai hat wesentliche mehr Räume und sogar ein grünes Ziegeldach aus China, das damals ein Vermögen kostete. Dann die Häuser der Favoritinnen und 800 Konkubinen. Ein Diskutierpalast, wo er sich vorlesen und unterrichten ließ, ein Schlafzimmer mit einem extra breiten Bett, usw.
In der Mitte eines großen Platzes steht ein steinerner Hocker, auf dem Akbar ganze Nächte gesessen haben soll, um über eine Lösung für seine Probleme nachzudenken.

Der Denkhocker
Der Diskutierpalast

Ein riesiger Kupferkessel im Freien enthielt nicht etwa Wasser, Wein oder Salz, sondern Diamanten, Gold und andere Edelsteine. Raubzug aus seinen Feldzügen.

Schatzkessel

RANTHAMBORE-Nationalpark

Unsere Reise neigt sich langsam dem Ende zu. Ein letzter, nein vorletzter Höhepunkt — das Taj Mahal nicht zu vergessen — ist ER. Das Nationaltier von Rajasthan. Der Tiger. Viel Hoffnung wird uns nicht gemacht, dass wir ihn auf der Safari zu Gesicht bekommen; immerhin ist der Park 1300 Quadratkilometer groß und es gibt gerade mal 76 Tiger, von denen jeder einzelne ein großes Revier beansprucht. In der Nacht tobte ein heftiges Gewitter. Sollte es auch am Morgen regnen, können wir die Safari ohnehin vergessen.

Gummibaum
Bodhi- oder Banyanbaum

Es ist klar und noch dunkel, als wir um 6h früh aufbrechen. 15 Grad. Der Fahrtwind auf dem Jeep drückt die Temperatur noch um einige Grade. Ungewohnt nach den vielen heißen Tagen bisher. Schon ein kleiner Vorgeschmack auf Zuhause. Ich habe alles angezogen, was mein Koffer hergab. Meine Erkältung hat mich die Nacht schlecht schlafen lassen, aber die Safari will ich natürlich nicht versäumen. Es könnte ja sein…

Lemuren
Eisvogel

Da unsere Gruppe für einen Jeep zu groß ist, werden wir auf zwei aufgeteilt. Eine sehr füllige Frau — sie ist nicht aus unserer Gruppe — nimmt neben mir Platz. Es wird eng auf den Sitzen. Sie hat einen Fotoapparat mit einem mindestens meterlangem Objektiv. Es ist bereits ihr fünfter Ausflug in den Park und sie zeigt mir stolz einige Tigeraufnahmen. Die Route zwei, auf der wir unterwegs sind, sei die beste. Hier sieht man fast immer einen Tiger. Sagt sie. Und sie muss es wissen. Affen, jede Menge Vögel, wie Kormorane, Eisvögel, schwarze Störche, Eulen zeigen sich in der Morgensonne. Auch ganz nett. Aber…

Schwarzer Storch
Pfau

Der Park ist teils felsig, von Bäche durchzogen, die sich mit dem gestrigen Regen gefüllt haben. Mächtige Bodhibäume, die nur aus Wurzeln zu bestehen scheinen. Gummibäume mit schneeweißem Stamm. Viele Pfaue, Rehe, eine Eule, ein paar kleine Krokodile. Kein Tiger weit und breit.

Mehrmals begegnen wir anderen Jeeps, alle haben enttäuschte Gesichter. Die Sonne ist bereits aufgegangen, sehr langsam wird es wärmer. Wir bleiben stehen und lauschen. Wenn ein Tiger von den anderen Tieren gewittert wird, erhebt sich ein warnendes Geschrei und Gekrächze. Doch alles bleibt still. Die Rehe äsen friedlich im Gehölz.

Sind ja lieb, aber eben keine Tiger

Nur die Pfaue schreien, aber die schreien ja immer. Auch ohne Tiger. Noch so scharfe Augen können IHN nirgends erspähen. Wir sind bereits zwei Stunden unterwegs und bald müssen wir zurück. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Noch einmal begegnen wir den anderen aus der Gruppe. Auch sie haben nichts gesehen.
Um es kurz zu machen: der Jeep, in dem ich fahre, kehrt enttäuscht ins Hotel zurück. Die anderen, die kurz nach uns eintreffen, strahlen über beide Ohren. Sie haben IHN in letzter Minute noch getroffen. Ich bin enttäuscht und traurig. Warum saß ich nicht im anderen Jeep?
Zum Trost gönne ich mir im Hotel eine Ayurveda-Massage. Sie ist aber nur ein schwacher Trost.

Das wäre er gewesen….

Leider ist er nicht mir vor die Linse gelaufen, sondern einem glücklicheren Mitreisenden.

BUNDI

Fort und Palast von Bundi

Auf dem Weg nach Bundi kommen wir an vielen Opiumfeldern vorbei. Bei einem bleibt unser Fahrer stehen. Nicht nur, um uns eine Freude zu machen, sondern durchaus im eigenen Interesse. Er scheint die Männer zu kennen, die das Feld bewachen und wie wir später feststellen, hat er sich eine Portion Opiumpaste gekauft. Obwohl es streng verboten ist und die Felder staatlich überwacht werden. Unser Guide mutmaßt, dass jemand in seiner Familie starke Schmerzen hat. Nun ja, hoffen wir, dass er es nicht selber nimmt. Immerhin ist er ein auffällig guter Fahrer, der lange Strecken bewältigt, ohne müde zu werden…

Opium

Der Saft aus der Kapsel wird aufgefangen, mit Wasser vermischt, danach wird die Paste mit Milch und Zuckerrohr gekocht, getrocknet und in Scheiben geschnitten. Man kann es rauchen oder erneut mit Wasser vermischen und trinken. Früher bekamen es die Rajputenkrieger für eine Choha vom Herrscher in die Hand überreicht. Sie waren dann völlig angstfrei, auch im Nahkampf, wo sie dem Gegner die spezielle Schere in den Bauch rammten, um sie dann in seinem Körper zu öffnen. Eine besonders delikate Tötungsmethode. Auch die Bewohner einer Festung, die sie nicht mehr verteidigen konnten, nahmen Opium und verbrannten sich anschließend. Den Thronfolger hatten sie vorher bereits durch Geheimgänge in Sicherheit gebracht, damit er nach Abzug der Feinde die Stadt wieder aufbauen konnte. Auch die Witwen, die ihren Männern in den Tod folgten, wurden vorher mit Opium betäubt.

Opiumwächter
Opiumpaste

Wir fahren durch Dörfer, wo sich neben Kühen auch Wildschweine tummeln. Die haben bald gemerkt, das ihnen nichts passiert und es in den Dörfern viel zu holen gibt. Wir treffen auf Kamelherden, kommen an einem Festzug vorbei, wo zwei alte Männer tanzen. Inder feiern gerne. Wie schon erwähnt, feiern alle alle religiösen Feste. So die Hindus auch Weihnachten, die Christen das Diwali- und Holifest, die Moslem ebenso. Da es über drei Millionen Götter gibt, hat wahrscheinlich jeder von ihnen auch ein eigenes Fest. Bevor ein Fest ansteht, feiert man schon Tage vorher. Von Hochzeiten, die ausgiebig und tagelang gefeiert werden, ganz zu schweigen.

Kamelhirte
Wer weiß schon, was hier gefeiert wird. Es ist jedenfalls laut.

In Bundi angekommen, erwartet uns wieder eine andere Welt. Fast mittelalterlich, gäbe es nicht auch Handys und einige Mädchen mit Jeans, neben solchen in Saris oder tiefverschleierte. Wir begegnen echten Sadhus, die auf der Suche nach einem Nachtquartier sind. Man nimmt sie für eine Nacht auf und gibt ihnen zu essen. Das bringt gutes Karma. Die gesamte Altstadt ist ein einziger Markt, wo es nichts gibt, was es nicht gibt. Mit einer Ausnahme: man sieht weder einen Fisch- noch Fleischladen, obwohl es hier auch viele Moslems gibt. Wahrscheinlich haben sie aus Rücksicht auf ihre Hindu Mitbürger diese Geschäfte gut versteckt. Doch bevor wir uns ins Gewühl der quirligen Stadt begeben, besichtigen wir eine der Besonderheiten Bundis. Die Stufenbrunnen, von denen es hier 50 gibt.

Grundwasser, das sogar trinkbar ist.

War der Monsunregen nicht sehr freigiebig, ist der Brunnen leer, hat es ausgiebig geregnet, kann das Wasser bis zum Ende der weißen Wand reichen. Dies ist der schönste, ein architektonisches Meisterwerk, das dementsprechend gepflegt wird. Dann hinein in die Altstadt. Bundi ist kaum touristisch, dementsprechend werden wir angestarrt. Und wir starren zurück. Einige fotografieren uns, wir fotografieren zurück.

Töpferware
Friseur im Freien
Stolzer Turban- und Motorradbesitzer
Sadhu
Gemüsemarkt
Moslemfrau?

Zwiebel und Tomaten
Cashew
Sadhus
Hennaexperten

Doch eine Stadt ohne Fort bzw. Palast ist in Rajasthan keine richtige Stadt. Hier hängt es am Berghang wie ein riesiges Vogelnest. Bis in die 40-er Jahre war der Palast noch bewohnt, doch nun droht er allmählich zu verfallen. Einzig die Wandmalereien sind noch gut erhalten und werden auch sorgfältig restauriert. Sie zeigen Szenen aus dem Leben des Maharadschas. Auf einem sieht man badende Frauen und ihre Kleider hängen im Baum. Über diesen Streich, den die Männer den Frauen gespielt haben, hat man sich offenbar auch schon früher amüsiert.

Wo sind unsere Kleider?

Apropos Kleider. Bisher habe ich die Reise gut überstanden, aber plötzlich kündigt sich eine Erkältung an. Ich hätte nicht in den kalten Pool springen sollen. Aber jetzt ist es zu spät. Zu allem Überfluss ist es plötzlich kalt geworden und es kündigt sich Regen an. Meine warmen Sachen hängen leider in Dehli, wo ich sie im Hotelschrank vergessen habe.

Lingam

Ein Lingam ist ein Symbol Shivas für Fruchtbarkeit. Er hat die Form eines männlichen Penis. Man erbittet von ihm nicht nur Kindersegen, sondern auch eine gute Ernte. Der Lingam wird mit Ghee (geklärte Butter) übergossen (männlicher Same) und ergießt sich in die weibliche Scheide (Yoni)

Palastbewohner

UDAIPUR

Palast mit altem Boot des Maharadscha

Der Tempel von Ranakpur liegt am Fuße des Aravalli  Gebirges. Eine willkommene Abwechslung in der Landschaft nach der schier endlosen Ebene der Tharwüste. Unser Bus ist einigermaßen schwach auf der Brust und so geht es nur langsam, ächzend und stöhnend die schmale Serpentinenstraße bergauf. Jedes entgegenkommende Gefährt ist ein Abenteuer. Am Wegrand und in den Bäumen sitzen Lemuren. Als wir kurz halten, weil der Beifahrer den Affen Futter geben will, kann er gerade noch vermeiden, das sie in den Bus springen. Lemuren haben schwarze Gesichter und sind besonders aggressiv. 

Nach der mühsamen Bergfahrt kommt eine einigermaßen neue Autobahn, die in den Berg geschlagen wurde. 

Vor einem guten Jahrzehnt haben die Bewohner der Dörfer noch nie in ihrem Leben ein Auto gesehen. Dementsprechend neugierig haben sie die Bauarbeiten verfolgt. Als die Autobahn fertig war, dauerte es noch ein Weile, bis sie eingeweiht wurde. Da der Asphalt sauber und warm war, haben sich immer mehr Menschen darauf niedergelassen, Picknick gemacht und gechillt. Dann wurde die Autobahn eingeweiht die ersten Autos kamen und man musste den Leuten klar machen, dass sie sich hier nicht mehr aufhalten dürfen. Doch auch die Fahrer wußten nicht, was die zweimal zweispurige Straße zu bedeuten hatte. So fuhren sie auf beiden Seiten in beide Richtungen. Erst allmählich hat sich das Prinzip einer Autobahn durchgesetzt. Doch noch heute passiert es, dass einem Autos entgegenkommen oder dass mal ein Sattelschlepper umdreht, weil es ihm zu weit zur nächsten Ausfahrt ist oder er sich in der Richtung geirrt hat. Bei uns werden sie Geisterfahrer genannt, vor denen im Radio gewarnt wird, doch in Indien regt sich niemand darüber auf. Man weicht einfach aus. Schließlich hat man in den Städten genug geübt, wie man aneinander vorbeikommt. Auch manche Kühe verirren sich auf die Fahrbahn. Auch sie lernen langsam, dass sie sich besser auf dem Mittelstreifen bewegen. 

Aravalli Gebirge

Wir verlassen das Gebirge und nähern uns allmählich Udaipur. Diese Stadt ist in meinen Augen gänzlich anders als alle, die wir bisher gesehen haben. Zwar gibt es auch hier in den schmalen Gassen das übliche Verkehrschaos mit unerträglichem Lärm, doch auch viele große, moderne, weißgetünchte Bauten. Und! Man glaubt es kaum, sie ist sauber. Die Straßen sind peinlich gefegt, was nicht einmal in Wien überall der Fall ist. Und das liegt am Bürgermeister. Ihm ist es offenbar auch gelungen, die Kühe zumindest aus dem Zentrum zu vertreiben. Schade eigentlich, ich habe mich so an ihre mütterliche Präsenz gewöhnt. Doch das Besondere an Udaipur sind die zwei großen Seen. Am Picholasee liegt der Palast. Auch dieser See ist künstlich angelegt und wird vom Monsun gespeist. Der letzte hat dermaßen viel Wasser gebracht, sodass der See an die 5m tief ist und mit Booten befahren werden kann. Es kam auch schon vor, dass er ausgetrocknet war und sich dort die Kühe rumtrieben. Dieser See ist kein Geschenk eines Maharadschas, sondern ein reicher Kaufmann war es leid, mit seiner Karawane während des Monsun aufgehalten zu werden.

So muss man sich einen Zug zur Monsunzeit vorstellen

So ließ er kurzerhand einen Damm bauen, der ihm die Durchquerung ermöglichte. Dass dadurch auch ein Wasserreservoir entstand, war für die Bewohner ein glücklicher Nebeneffekt und hat zudem zum Reiz dieser Stadt beigetragen. Es kommen sogar indische Millionäre aus den USA, um hier Hochzeit zu feiern. Da werden schon mal 2000 Leute eingeladen, für die dann Flug und Hotel und mehrtägige Bewirtung inklusive ist. 
Der Palast ist weitläufig und besteht aus Teilen aus mehreren Jahrhunderten. Der letzte Palast ist neu und Wohnsitz des jetzigen Maharadschas. Dieser ist, obwohl schon um die 70, als Womanizer bekannt und beschenkt seine Damen äußerst großzügig. Sodass seine Söhne schon überlegen, wie sie dem Einhalt gebieten können. Außerdem ist er ein Sammler von Oldtimern. Ein Hobby, was vermutlich auch nicht ganz billig ist. Indira Ghandi hat ihnen zwar die Steuern entzogen, aber wie man sieht, müssen wir uns um die Maharadschas keine Sorgen machen.
es versteht sich von selbst, dass die Inneneinrichtung der zu besichtigenden Paläste — eigentlich sind es inzwischen Museen — mit allem Luxus ausgestattet ist wie alle anderen Paläste, die wir bisher besichtigt haben. Kostbares aus aller Welt sieht man hier versammelt. Es erübrigt sich also, alles aufzuzählen, was man in jedem Reiseführer ohnehin lesen kann. Ein paar Aufnahmen sollen genügen.

Luster aus Venedig
Kacheln aus Persien und den Niederlanden

Man fragt sich, ob es dermaßen viele Forts und Paläste in ganz Indien gibt? Tatsächlich nicht in dieser Dichte. Durch Rajasthan führten die Karawanenstraßen in den vorderen Orient. Und die Rajputenherrscher garantierten Sicherheit und wurden dadurch auch unsagbar reich. Im Unterscheid zu allen anderen Forts, haben sich die Herrscher aus Udaipur standhaft geweigert, sich dem mächtigen Mogulkaiser Akbar anzuschließen. Dieser hatte offenbar schon genug Verbündete und ließ die Stadt schließlich in Ruhe.

Tigerjagd

Obwohl den Hindus das Jagen und Töten der Tiere verboten ist, galt das nicht für die damaligen Herrscher. Die Treiber (oben rechts) trieben die Tiger in den Wald. Unten bildete der See eine natürliche Grenze, denn Tiger schwimmen nicht. In den Türmen saßen die Maharadschas und ihre Höflinge und sobald sich ein Tiger zeigte, schossen alle gleichzeitig. Selbstverständlich hatte der Maharadscha das Tier erlegt und kein anderer.

Das Pferd Chetak, der eigentliche Held

Eine Schlacht jedoch gab es, die der Maharadscha Pratap Singh unehrenhaft gegen Akbar verlor. Statt bis zum Schluss zu kämpfen, wie es sich für einen Helden gehört, ergriff er die Flucht. Sein Pferd rettete ihn aus dem Schlachtgemetzel, doch es bezahlte mit seinem Leben. Pratap Singh gilt trotzdem als Held. Schon damals verstand man es, die Wahrheit zu verdrehen.
Damit die Kriegselefanten die Pferde akzeptierten, wurde ihnen ein Rüssel angehängt.

Picholasee

Eine Bootsfahrt auf dem See führt vorbei an einem Luxushotel mitten im Wasser. In dem James Bond Film“Oktopussi“ wurde hier gedreht. Wahrscheinlich gab es eine Verfolgungsjagd mit Rikschas und dann mit Booten.
Natürlich fahren auch wir wieder kurze Strecken mit diesen so unvermeidlichen wie praktischen und billigen Gefährten. Inzwischen hat es seinen Schrecken verloren. Ich ergebe mich dem ständigen Gehupe und beobachte gespannt, wie geschickt der jeweilige Fahrer seine Rikscha durch das Gewühl manövriert. Einmal erwische ich einen christlichen Fahrer. Christen sind im Norden selten, mehr gibt es im Süden Keralas.

Christliche Rikscha

Die Maharadschas hatten selbstverständlich auch ihre Unterhaltungsprogramme. So wurden die Rüssel von zwei Elefanten ineinander verhakt, und sie mussten wie beim Bayrischen Fingerhakeln versuchen, den jeweils anderen an die Zwischenmauer zu ziehen, dabei wurden sie von ihren Mahuds rückwärts getrieben. Der Elefant, der als erster die Mauer berührte, hatte verloren. Dieser Spaß hat den Elefanten sicher weit weniger gefallen als ihre Herren.

Elefantisches Rüsselziehen
Udaipur bei Nacht, gesehen von meinem Hotelfenster

Die nächste Stadt Bundi sollte wieder das genaue Gegenteil werden.

Krishna und Radha

Eine Führung in einer Miniaturmalerei wird wie gewohnt zur Verführung. Mit Naturfarben und feinsten Pinseln aus den Schwanzhaaren des Streifenhörnchens werden Kopien alter Werke, aber auch neue Kreationen auf altem Papier oder auf transparentem Kamelbein gemalt. Diesmal wollte ich hart bleiben. Vergeblich. Immerhin ging der Verkäufer mit dem Preis deutlich runter und wollte mir die gerade mal 7x5cm kleine Miniatur auf Kamelbein, die Radha in Krishnas Armen zeigt, auch noch rahmen. Unter den Naturfarben aus Eisenoxid, Lapislazuli und verschiedenen Halbedelsteinen, sticht ein kräftiges Gelb besonders hervor. Kurkuma? Safran? Schwefel? Nein. Urin von der Kuh, die zu diesem Zweck wochenlang mit Mangos gefüttert wird. 

RANAKPUR

Die Jains sind eine eigene Religion, die viele Elemente vom Buddhismus übernommen hat. Sie machen ca. 1% der Bevölkerung aus. Es gibt bei ihnen keine Kasten, weil für sie jeder Mensch gleich ist. Auch haben sie keine Götter, zu denen sie beten.

Das Kastensystem der Hindus existiert bereits seit 2000 Jahren und obwohl offiziell abgeschafft, gibt es es noch immer. Die Hindus kennen vier Kasten, die sich wiederum in mehrere Berufsgruppen unterteilen. Brahmanen, Könige und Militär, Geschäftsleute, Musiker. Wer keiner Kaste angehört, gehört zu den Kastenlosen und Unberührbaren. Da aber inzwischen alle Inder Zugang zu Bildung haben, können sie theoretisch alles erreichen, auch wenn sie kastenlos sind. Vor allem in den großen Städten, wo sie keiner kennt, versuchen viele, ihre Namen zu ändern, die sie als Angehörige einer bestimmten Kaste bzw. als kastenlos ausweisen. Viele bringen es auch ohne Bildung zu viel Geld, das ihnen einen gewissen Status verleiht, obwohl diese Neureichen es oft an Geschmack und gutem Benehmen fehlen lassen. Diese Sorte kennt man aber auch anderswo, wo sie sogar an der Staatsspitze stehen.  Wenn wir Touristen als erstes nach unseren Namen gefragt werden, dann will man wissen, aus welcher „Kaste“ wir stammen. Da unsere Namen aber weder Kaste noch Beruf verraten, gelten wir den meisten als Kastenlose und damit als das Allerletzte überhaupt. Doch immerhin schützen uns zwei Vorzüge vor der totalen  Verachtung. Wir sind weiß und das ist eine begehrte Hautfarbe in Indien, wie in den meisten asiatischen Ländern. Und wir haben viel Geld, zumindest nehmen sie das an. Was zwar nicht falsch ist, aber so reich wie manche Inder oder Maharadschas ist keiner von uns.

Zurück zu den Jains. Da sie keine Götter anbeten, sind sie für ihr Leben selbst verantwortlich. Sie sind fanatische Vegetarier, ihr oberstes Gebot heißt: Du sollst nicht töten. Kein Beruf, der mit toten Tieren zu tun hat, wie Bauer, Metzger, Schuster, Gerber usw. kommt für sie in Frage. Das geht so weit, dass sie kein Gemüse essen, das unter der Erde wächst. Keine Karotten, keine Rüben, keine Kartoffel usw,, denn da könnten unsichtbare Lebewesen daran haften. Sie tun im wahrsten Sinn des Sprichwortes keiner Fliege etwas zuleide. Wahrscheinlich lassen sie sich auch von malariaverseuchten Moskitos widerstandslos stechen. Es wundert mich, dass sie überhaupt auf der Erde gehen und nicht schweben. Schließlich tötet jeder Schritt winzige Lebewesen. 

Der Besuch des weltberühmten Jaintempel von Ranakpur ist also dementsprechend mit Vorschriften gepflastert. Man muss alles aus Leder ablegen. Weder Kleider, noch Gürtel, Schuhe, Uhrband oder Handyhülle aus Leder sind erlaubt. Ordentliche Kleider, also keine kurzen Hosen oder Röcke, keine unbedeckten Schultern, keine Ausschnitte verstehen sich von selbst.

Pilgeressen

Vorher essen wir in der Pilgerstätte zu Mittag. Jeder bekommt einen Teller und eine Schale aus Blech, darauf werden die Speisen ausgegeben. Wehe man nimmt mehr als man essen kann, etwas übriglassen ist verboten. Ich hatte das Pech, dass mir eine Speise zu scharf war, und musste einen Mitreisenden finden, der es für mich aufaß. Alles ist streng organisiert. Frauen diese Seite, Männer jene, Fotografieren nur mit Genehmigung, die natürlich kostet, aber manche Statuen sind tabu. All diese Vorschriften werden peinlich genau und völlig humorfrei kontrolliert, was die Atmosphäre angespannt macht. Habe ich bisher die Hindus als sehr entspannt, fröhlich und offen erlebt, sind mir die Jains ziemlich unsympathisch. 

Der Tempel aus weißem Marmor ist allerdings ein Weltwunder. 

Meditierende

2000 Arbeiter haben dran 60 Jahre lang gearbeitet. In jede der unzähligen Säulen sind verschiedene Blumenmotive, Figuren von Göttern, Dämonen, Tänzerinnen und Tieren geschnitzt. Keine gleicht der anderen. Reich verzierte Kuppeln und hohe Fenster lassen viel Licht herein, sodass der Tempel im Gegensatz zu Hindutempeln, die mysteriös wirken sollen, sehr klar und hell ist. Die Farbe Weiß und Licht sind wesentlich. So sind auch die Pilger weiß gekleidet. Wären sie nicht so fanatisch, wäre ihre existenzialistische Philosophie ja sehr vernünftig. Obwohl sie auch an Wiedergeburt glauben. Reichtum ist offenbar erstrebenswert, denn viele Jains sind äußerst geschäftstüchtig und tatsächlich wohlhabend.

Bodibaum

JODHPUR und Luni

Die blaue Stadt. Anders als in Jaipur kam hier kein Kronprinz zu Besuch, sondern die Brahmanen strichen früher ihre Häuser blau, damit die Unberührbaren einen weiten Bogen um sie machten. Auch bot die Farbe Schutz gegen Insekten. Das kenne ich auch von Bauernhäusern in unseren Breiten. Die Begründung, die uns der Reiseführer lieferte, habe ich allerdings noch nie gehört: Moskitos und Termiten sehen die Farbe Blau und denken, sie fliegen gen Himmel, was sie offenbar nicht wollen, weil es auf der Erde mehr zu stechen und zu saugen gibt. Inzwischen ist es auch anderen erlaubt, ihre Häuser blau zu färben. Auch in den Palästen sieht man sehr oft blaue Wandbemalungen, um den Eindruck von Kühle zu erzeugen. Zur Zeit ist Februar, die Temperaturen sind angenehm, doch im Mai, kurz bevor der Monsun kommt, herrschen in den Städten Rajasthans 45 Grad im Schatten.

Opiumset

Natürlich gibt es auch hier Spezialgeschäfte. So hatte ein Gewürzhändler sieben Töchter. Nach seinem Tod haben die Spice Girls, wie sie sich nennen, den Laden übernommen und ihn international bekannt gemacht. In jedem Reiseführer wird mittlerweile auf das winzige Geschäft hingewiesen, weil sie besonders frische und vor allem echte Gewürze, Tees und verschiedene Mischungen anbieten. Da kann ich natürlich bei allen guten Vorsätzen nicht Nein sagen, zumal sogar Safran und Vanilleschoten zu erschwinglichen Preisen vorhanden ist.
In einer fast ebenso kleinen Bar bekommt man ausschließlich Lassi in allen Variationen, das köstlich schmeckt, aber mit Vorsicht zu genießen ist, weil es die Verdauung extrem beschleunigt.

Was aber in Jodhpur wirklich einen Besuch wert ist, ist das mächtige, „von Titanen erbaute“ Meherangarh Fort, das die Stadt überragt. Nachdem die Rajputenfürsten auf Dauer den muslimischen Invasoren nicht gewachsen waren, haben auch sie sich wie die Herrscher von Bikaner dem Mogulkaiser Akbar angeschlossen und für ihn gekämpft. Einige islamische Sitten haben ihnen ebenfalls zugesagt. Was den Muslimen der Harem, war den Rajputen das Zenana. So gewaltig die Festung von außen, so kunstvoll filigranes Steinmetzhandwerk an den Fassaden, Balkonen und Erker in den Innenhöfen und kostbar die Inneneinrichtung mit Möbeln, Kinderwiegen, Kostümen, Elefanten- und Kamelsattel, Teppiche, Sänften, Waffen und Schmuckgegenständen.

Thronsaal

Von der Großstadt Jodhpur, die laut und chaotisch ist wie bisher jede Stadt, die wir besucht haben, ist es nicht weit nach Luni. Dieses Dorf würde keine Erwähnung finden, gäbe es da nicht einen wunderschönen Maharadscha Palast, der inzwischen ein Hotel ist. Und unser heutiges Nachtquartier. Prachtvoller Garten, reich verzierte Innenhöfe, lauschige Nischen mit schweren Kissen und schummrigem Licht, bunte Glasfenster, kurz: so stellt man sich einen Maharadschapalast vor. Im Zimmer ein Himmelbett, eine schwere dunkle Kommode und ein Schrank im Kolonialstil, was nicht so richtig zur orientalischen Romantik passen will, aber die Engländer haben ihre Spuren hinterlassen. Einzig das Badezimmer ist etwas in die Jahre gekommen.

Hotelpalast Luni

Verlässt man durch das Eingangstor den Empfangspark, könnte der Kontrast nicht größer sein. Man sollte meinen, dass die Ärmsten der Armen neidisch auf diese Pracht sind, die zwar nicht mehr vom Maharadscha, aber von Touristen bewohnt wird. Zumindest die Maharadschas waren jedoch sehr beliebt, weil sie viel für das Volk getan und es aus jeder Notlage gerettet haben. Je beleibter, umso beliebter. Sie ließen sich nämlich mit Silber, Kichererbsen, Linsen oder anderen nötigen Dingen aufwiegen, um es an ihre Untertanen zu verteilen. Das war nur gerecht, schließlich waren sie berechtigt, Steuern einzuziehen und somit sagenhaft reich. Indira Ghandi schaffte diese Privilegien ab. Reich sind sie immer noch, aber die Steuern gehören dem Staat.

Gesehen in Jaipur

So amüsant dieses Schild, so erschreckend eine andere Entdeckung, die ich besser hier nicht veröffentliche. An einer Raststätte auf der Autobahn stand am Eingang ein kleines Regal mit Büchern in mehreren Sprachen. Unter anderem „Mein Kampf“, Hitlers Biografie im Untertitel. Ich hoffe, dass derjenige, der dieses Buch anbietet, nicht weiß, was er tut. Möglicherweise hat ihn das Hakenkreuz in die Irre geführt, das wie das Swastika aussieht, welches jedoch ein uraltes Sonnen-Symbol ist, das in Indien und auch in anderen Ländern Asiens für Gesundheit, Frieden, Glück und Reichtum steht.