Buenos Aires II

Buenos Aires sei weniger eine Stadt der Sehenswürdigkeiten, sondern ein Kaleidoskop unterschiedlichster Stimmungen, meint mein Reiseführer. Daher nehme ich mir jeden Tag ein anderes Viertel vor, streife dort durch die Straßen, esse irgendwo zu Mittag (bzw. eher nachmittags), und versuche, die verschiedenen Stimmungen einzufangen. Diesmal ist Recoleta dran mit dem Friedhof, auf dem berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe gefunden haben. Der Regen war gestern, die Sonne scheint wieder und es weht ein frischer Wind. Für eine Stadt dieser Größenordnung wird sie ihrem Namen durchaus gerecht. Ich habe schon Städte mit schlechterer Luft erlebt. Von der Avenida Santa Fe bis zum Cementerio sind die Straßen angenehm, gesäumt von schattigen Baumalleen und Häusern im Pariser Stil, wenn sie auch nicht so prächtig sind wie in der Avenida de Mayo. Doch nördlich des Friedhofs ragen hässliche Wohnsilos empor.

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Da wohnen doch die reichen Toten wesentlich komfortabler; riesige Mausoleen mit steinernen Engeln, bronzene Statuen und Büsten berühmter Generäle, Obelisken und Säulen. Die meisten der „Häuser“ würden locker Wohnraum für eine vielköpfige (lebende!) Familie bieten. Vergleichsweise bescheiden nimmt sich dagegen das Grabmal der Familie DUERTE aus. Im fünften Stock unter der Erde liegt, noch immer einbalsamiert, Evita Perón. Nur einige Grabplatten verweisen auf das Idol des Volkes, das selbst im Tode von den reichen Nachbarn nicht geliebt wird.

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Nächster Tag. Am anderen Ende der Stadt liegt der nach der Mündung des Rio de la Plata genannte Stadtteil La Boca. Von Palermo, wo ich ein Apartment gemietet habe, fahre ich mit dem Bus über eine Stunde quer durch die Stadt. Mit der Metro ginge es zwar schneller, aber ich will ja was sehen. Obwohl so eine Untergrundfahrt durchaus unterhaltsam sein kann. Davon später.

Das Arbeiterviertel La Boca hat nicht den besten Ruf, vor allem nachts ist es nicht ratsam, sich als Frau alleine hier rumzutreiben. Auch der Busfahrer erkundigt sich besorgt, wo ich eigentlich hin möchte, nachdem ich an der Endstation der letzte Fahrgast bin. Dort soll ich lang gehen, rät er mir, nicht da, sondern dort. Dermaßen gewarnt, tue ich die ersten vorsichtigen Schritte, die Tasche fest im Griff. Das Viertel wirkt desolat, die Häuser sind aus Wellblech und anderen Schrottmaterialien, dazwischen stehen alte Steinhäuser, die dringend eine Renovierung bräuchten. Aus ihren Fassaden und Dächern wächst Gras. Die Gehsteige sind aufgebrochen und voller Hundescheiße, doch das ist in Palermo nicht viel anders. Entgegenkommende starren mich an, oder bilde ich mir das nur ein? Natürlich bin ich auf den ersten Blick als Touristin entlarvt, da mag ich noch so forsch einherschreiten. Doch es ist heller Nachmittag. Aber wo sind die bunten Häuser aus meinem Reiseführer?  In einer Auslage sehe ich ein paar Kuchenstücke liegen, drinnen knetet eine dicke Frau eine riesige Menge Teig. Ich kaufe ein Stück mit Ricottafüllung und nehme auf einem schmutzigen Plastikstuhl Platz. Ein Café ist das nicht, es gibt auch nichts zu trinken, eher eine Kuchenwerkstatt. Einige Frauen sind hier, da kann mir nichts passieren. Als ich den Kuchen lobe, freuen sie sich. Weiter geht’s. An jeder Ecke eine Baustelle, es nützt nichts, ich muss den Stadtplan herausziehen, um mich zu orientieren. Warum nur habe ich mir nicht den Namen der Straße gemerkt, wo die bunten Häuser stehen? Endlich, nachdem ich einige Zeit im Viertel herumgeirrt bin, gelange ich dahin, wo alle Touristen hin wollen. El Caminito.

 

Ja hier sind sie, die bunt gestrichenen Wellblechhäuser. Vor fast hundert Jahren hatte ein Maler die Idee, die schäbigen, aus Schiffsschrott gebauten Behausungen der ehemaligen Dockarbeiter bunt anzumalen. Inzwischen ist der Teil des Viertels eine Mischung aus Prater und Reeperbahn. Auf Balkonen stehen, aus Fenstern lehnen in trauter Eintracht der Papst, Evita, Maradona, Messi, Gardel und die Peanuts, alle aus Pappmaché. Vor dem Eingang der Lokale tanzen Tangopaare. Aus finsteren Spelunken, vor denen tätowierte schwere Jungs lehnen, tönt schnulzige Musik, natürlich ebenfalls Tango, bebilderte Pappkartons mit Löchern, wo die Köpfe sein sollten, laden  Besucher ein, sich als Tangopaar oder berühmte Fußballer fotografieren zu lassen. Eine dicke blondgefärbte Frau preist die besten Chorizos der Stadt auf ihrem Grill an. Und obwohl ich gerade Süßes gegessen habe,  kaufe ich mir eine Chorizo mit Semmel, dazu trinke ich ein Bier aus der Flasche. Im Stehen, versteht sich. Ich finde, das passt besser hierher als ein mit weißem Tischtuch gedeckter Tisch.

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Tierparade

Zum Abschluss nochmal eine kleine Tierparade für die Tierfreunde unter meinen Lesern. Da ich keine Unterwasserkamera besitze, stammen die betreffenden Fotos von einem Tourteilnehmer. Auch ist es mir nicht gelungen, den balzenden Fregattvögel vor die Linse zu bekommen. Dieses Foto hat mir freundlicherweise eine Reisebekanntschaft gemailt.

AN DIESER STELLE MÖCHTE ICH MICH BEI ALL MEINEN LESERN BEDANKEN, DASS SIE MICH AUF MEINER REISE BEGLEITET HABEN. OBWOHL ES MIR FREUDE MACHT, MEINE ERLEBNISSE NIEDERZUSCHREIBEN, WÄRE ES NUR DAS HALBE VERGNÜGEN, WENN SIE NIEMAND LESEN WÜRDE.

Quito, den 12. Jänner 2018

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Schwimmen, Schlafen, Schlemmen…was für ein Seehundeleben! Sie wälzen sich schamlos im Sand, nehmen Bänke, Boote und Straßen in Beschlag und ihr Geschrei tönt wie ein überlautes Rülpsen.
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Wer wird denn den Kopf in den Stein stecken?
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Ok, ich bin vielleicht nicht besonders attraktiv, aber selten. Solche wie mich gibt es nur hier.
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Junge Iguanas
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Ein Prachtexemplar, das mir leider zu früh entwischt ist
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Erste Flugversuche eines jungen Blaufußtölpel
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Pelikan
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Fregattvögel
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Ein Fregattvögel in der Balz
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Und das ist das Ergebnis, um das sich übrigens beide Elternteile gleichermaßen kümmern.
bty
Einer von Darwins Finken oder doch nur ein ganz gewöhnlicher Spatz?
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Mantarochen
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Wasserschildkröte
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Auch eine Rochenart, ev. Stachelrochen

Quito II

 

Auch wenn die Altstadt auf Hochglanz herausgeputzt ist, das Leben auf den Straßen sieht teilweise anders aus. Hunderte von Frauen aus dem Umland von Quito, ihre Kinder auf dem Rücken gebunden, verkaufen Obst, Blumen, Gemüse, Süßigkeiten, Torten, Eis, Haushaltsgeräte, Kleider, Lose…Dabei preisen sie mit geschultem Organ in einem Leierton, der nicht zu überhören ist, ihre Ware an. Auch einige Männer sind darunter. Einer verkauft Damenhüte und trägt sie zur Werbung selber, ein anderer schwenkt Babykleidung wie das rote Tuch im Stierkampf, der nächste bietet Schraubenschlüssel, Luftballons, Besen, Schaufeln oder Glühbirnen an…eigentlich gibt es nichts, was man auf der Straße nicht kaufen kann. Uralte runzlige Mütterchen sitzen den ganzen lieben Tag auf den Gehsteigen vor ein paar verschrumpelten Kartoffeln oder Bohnen. Oder verdienen sich ein paar Cents als Schuhputzerinnen.

Diese Verkäufer sind noch besser dran, als so mancher Bettler, Obdachlose oder verwahrloste Trunkenbold. Manche versuchen, mit Musikdarbietungen das Mitleid der Passanten zu erwecken, auch wenn sie nur zwei Griffe oder Akkorde ihren dürftigen Instrumenten entlocken können. Die offensichtliche Armut steht im Kontrast zu den penibel renovierten Prachtbauten.

bty

 

Und überall präsent ist die Polizei. An jeder Ecke stehen zwei Beamte. So sicher, wie mein Reiseführer behauptet, dürfte die Hauptstadt also nicht sein. Oder vielleicht gerade wegen ihrer Präsenz. Überhaupt scheinen die Ecuadorianer die Uniform zu lieben. Vor jeder Kirche, jedem Museum, vor privaten Häusern, vor Banken, in Ämtern und Geschäften stehen Uniformierte. Gestern bin ich mit einem Lift aus dem 19. Jhrt. in ein Restaurant im fünften Stock gefahren worden. Der Liftboy trug ein Kostüm, um das ihn Tonio Kröger beneidet hätte.

bty

Eine Renommiergasse ist La Ronda. Die einstige Arbeitersiedlung wurde pittoresk saniert. Kleine Geschäfte mit Kunsthandwerk und Restaurants öffnen am späten Nachmittag. Abends ist die Atmosphäre besonders stimmungsvoll. Doch die gesamte Altstadt ist es wert, dass die UNESCO sie zum Kulturerbe erklärt hat.

Südamerika gilt ja als gefährlich. So mancher hat mich gewarnt und meinen Mut bewundert, alleine durch diesen Kontinent zu reisen. Vielleicht ist alles nicht so schlimm wie kolportiert, vielleicht aber habe ich einfach Glück gehabt. Außer, dass man meine beiden Kreditkarten missbraut hat ( die eine wurde heute blockiert), was mich vorübergehend in Schwierigkeiten brachte, bin ich nie in eine gefährliche Situation geraten. Bis auf heute… bei meinem letzten Spaziergang durch die Altstadt kam ich an einer Frau (!) vorbei. Sie stand auf einer Treppe in einem Hauseingang und cremte sich das Gesicht ein. Sie schien mir sehr ungepflegt und mir ging durch den Kopf, ob sie diese Creme nicht irgendwo geklaut hätte. Im selben Moment griff sie mir mit ihren mageren Fingern brutal ins Gesicht und wollte mir meine Sonnenbrille entreißen. Doch ich habe ebenso blitzschnell reagiert und es ist ihr nicht gelungen. Die Brille ist etwas extravagant, ich wurde schon mehrmals auf sie angesprochen. Trotzdem hätte sie nichts davon gehabt. Sie hat optische Gläser mit hoher Dioptriezahl. Dass dieser Angriff ausgerechnet von einer Frau kam, damit hätte ich am allerwenigstens gerechnet.

 

 

 

 

 

 

Quito

Am Ende meiner Reise fliege ich noch einmal zurück in das Hochland der Anden. Noch einmal auf 2800 m Höhe, bevor es nach Hause geht, auch wenn ich dafür noch einmal in die Cocakiste greifen muss. Es ist ein Anschluss an Peru und Bolivien und gleichzeitig ein Abschluss. Denn in diesen drei Andenstaaten kann man die Geschichte Südamerikas noch sinnlich begreifen, während sich in Argentinien und Chile kaum mehr Spuren der indigenen Vergangenheit finden. Die Stadt Quito ist riesig. Wie ein bunter Teppich breitet sie sich in den Hochtälern und über den Berghängen aus. Ich beschränke mich hauptsächlich auf die Altstadt, wo es genug zu sehen gibt.

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Blick vom Platz SanFrancicso auf die Kuppel der Kathedrale

87 Kirchen gibt es in Quito, jede prächtiger als die andere, sodass sie mehr Museen als Bettempel sind. Kein Wunder, dass sich die Gläubigen von dieser üppigen Pracht beeindrucken lassen und sie für den Beweis der Macht Gottes halten. Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten…sie haben ganze Arbeit geleistet, um die indigene Bevölkerung vom Teufel zu befreien. Notfalls mit Gewalt. Doch ihre Klöster und Kirchen sind Meisterwerke der Baukunst. Sie haben die besten Künstler ihrer Zeit aus Europa geholt, um sie mit Kunstschätzen zu füllen. Gemälde, Skulpturen,  Wandmalereien, Holzschnitzerei, Stuckaturen. Sie haben die Ureinwohner ausbilden lassen, aus ihnen ist die Schule Quito hervorgegangen. Vor allem die Jesuiten errichteten Schulen, um die Indios zu bilden, bis ihnen der spanische König einen Riegel vorschob. Er wusste nur zu gut, dass die Bildung der Untertanen gefährlich ist für die Herrschenden. Im Unterschied zu Cuzco sind in Quito keine Fundamente der Inkatempel erhalten. Ihr Herrscher Atahualpa, der später von Pizarro hingerichtet wurde, hatte die Stadt zerstört, bevor die Spanier sie erobern konnten.

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Altar der Kirche San Francisco

Dachte ich bei der Besichtigung der Kirche San Francisco, mehr geht nicht, wurde ich in der La Compañía de Jesús eines Besseren belehrt. So eine Ansammlung von Säulen, Spiegeln, Stuckarbeiten, Wandgemälden, Ölbildern, Skulpturen – keine einzige Fläche, die nicht mit Kunstwerken und Ornamenten bedeckt ist, selbstverständlich alle mit 24karätigem Blattgold überzogen, das sie aus den Inkatempeln geraubt haben – habe ich noch nirgends gesehen. Ob das noch schön ist, sei dahingestellt, beeindruckend ist es allemal. Die Statuen tragen kostbare Kleider, die mit Gold und Edelsteinen bestickt sind, die Haare von Jesus, Maria und den Heiligen sind echtes Haar, das man wahrscheinlich den Indiofrauen abgeschnitten hat.

 

Während die Franziskaner allerorten ihre Kirchen öffnen und der Eintritt kostenlos ist, verlangen die Jesuiten in der La Compañía 5 Dollar. Das Fotografieren ist verboten, daher sind die Bilder, aus der Hüfte geschossen, etwas unscharf. 7 Tonnen Gold wurden angeblich für das Innere der Kirche verwendet. Sie ist die prunkvollste Kirche Lateinamerikas. Ein merkwürdiger Anblick ist allerdings der nackte geschundene Jesus inmitten all dieser blendenden Pracht.

 

Das Kloster und die Kirche San Francisco sind der erste sakrale Bau, der unmittelbar nach der Eroberung durch die Spanier errichtet wurde. Eine herrliche Anlage mit Kreuzgängen und einem Museum, dessen Kunstwerke sich sehen lassen können. Dagegen ist die Kathedrale bescheiden ausgeschmückt, wenn sie auch eine bewundernswert geschnitzte Holzdecke bieten kann.

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Neben den zahlreichen Kirchen gibt es fast ebensoviele Museen und koloniale Paläste berühmter Menschen, die sie einst bewohnt haben, wie zum Beispiel die Casa Sucre. Hier wohnte der aristokratische General, der für die Unabhängigkeit Boloviens kämpfte und erster Präsident des Landes wurde.

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Seit einiger Zeit kann man auch den Präsidentenpalast besichtigen, wo die 160 Präsidenten, Diktatoren und Interimspräsidenten seit der Unabhängigkeit 1830 regiert haben, jeder also im Durchschnitt etwas mehr als ein Jahr. Manche allerdings zwei- mit dreimal, weil sie immer wieder vom Militär gestürzt wurden. Ob diese unstabile Situation vom Volk, das ihnen in gleicher Anzahl wahllos aus der Bevölkerung begriffener Porträts gegenüber hängt, geschätzt wird, ist kaum anzunehmen.

Immer wieder kam es zu Aufständen der Indianer, die von den Spaniern unterdrückt, als Sklaven gehalten und aller Rechte beraubt waren. Der letzte liegt  nicht allzuweit zurück. Vor allem eine Frau hat sich als Kämpferin für die Rechte der indigenen Bevölkerung und der Frauen hervorgetan: Dolores Cacuango.

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Santa Cruz

Nach Sonnenuntergang, hier bereits um 18h20, verwandelt sich eine ganze Straße in einen einzigen Esstisch. Die Lokale stellen den Fang des Tages zur Schau und werben um Gäste. Spätestens um 19h sind die Tische vollbesetzt. Hier muss niemand alleine essen. Ob Einheimische oder Touristen, man kommt schnell ins Gespräch. Inzwischen wird in den offenen Küchen gegrillt, gebrutzeltund gekocht. Wenn hier überhaupt etwas billig ist, dann sind es Langusten. Das muss ich ausnützen. Doch Brujo (Hexer) als auch Skorpionfisch, Tintenfische, Oktopuss und Scampi schmecken hervorragend. Alle Gerichte werden mit Reis und gebratenen Bananen serviert, wer es mag, auch in Kokosmilch. Dazu trinke ich Bier, denn acht bis zehn Dollar für ein Glas schlechten Wein sind mir wirklich zu teuer.

bty

Am letzten Tag auf den Galápagos gehe ich noch einmal die drei Kilometer zum Traumstrand Tortuga Bay. Wer den langen Weg durch den Kakteenwald auf sich nimmt, der schleppt keine unnötigen Sachen wie Plastikboote oder Liegestühle mit. Deshalb ist der Strand auch relativ leer. Keine Sonnenschirme verschandeln das Panorama, nur ein paar Mangrovensträucher vor den Dünen spenden etwas Schatten. Man findet absolut keinen Abfall oder angeschwemmten Müll. Nichts trübt die weiße Weite des Strandes. Naturschützer achten darauf, dass man keine Handtücher oder Kleider auf die Mangrovenbäume hängt. Dafür stehen extra Holzständer bereit.

Auf den schwarzen Lavafelsen liegen Iguanas, in der Farbe kaum vom Untergrund zu unterscheiden. Sie sind unglaublich hässlich. Zum Glück wissen sie es nicht. Manche laufen den Strand entlang, andere nehmen ein Bad in den Wellen. Es sind die einzigen Leguane, die im Meer schwimmen. Pelikane fliegen knapp über der Wasseroberfläche, schaukeln im seichten Ufer oder putzen ihr Gefieder. Fregattvögel ziehen ihre Kreise. Die farbigen Krebse heben sich gut sichtbar von den Felsen ab. Trotzdem ist es schwer, sie zu fotografieren. Sie sehen oder spüren sofort, wenn sich jemand nähert und verschwinden blitzschnell in den Felsspalten. Nur die Seelöwen, nach denen die Bucht benannt ist, lassen sich hier nicht blicken. Zu weit entfernt sind Sitzbänke, Boote und Molen, auf denen sie mit Vorliebe den Tag verdösen.

bty

Es gäbe noch vieles zu besichtigen, die meisten Inseln habe ich nicht besucht, auch keinen der Vulkane bestiegen. Zu kurz waren die neun Tage auf den Inseln. Trotzdem waren sie ein Erlebnis der besonderen Art. Wie alles auf der Welt ändert sich auch hier vieles, meistens nicht zum Besseren. Es ist zu hoffen, dass die Einwohner noch mehr Anstrengungen zum Schutz von Tier- und Pflanzenwelt unternehmen. Dass die Bautätigkeit auf den bewohnten Inseln mt Bedacht betrieben wird und nicht noch mehr billige und hässliche Betonbauten hochgezogen werden, wie es auf Isabela der Fall ist. Denn die Natur ist ihr einziges Kapital. Zuviele Zugeständnisse für den Tourismus würden sie mehr und mehr zurückdrängen und zerstören. Dann würde die wichtigste Einnahmequelle mehr und mehr ausbleiben. Es ist ein heikler Balanceakt, den sie zu meistern haben. Buena suerte!

Isabela

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Dieser dunkle Fleck im Wasser ist kein Felsen, sondern ein Riesenmanta. Ein paar mutige Burschen springen mitten im Pazifik von unserem Boot ins Wasser, um ihm von Angesicht zu Angesicht entgegenzuschwimmen. Man beachte das Größenverhältnis. Mantarochen können bis zu sechs Meter Durchmesser erreichen. Ihr breites Maul und zwei zusätzliche Kopfflossen haben ihnen auch den Namen Teufelsrochen eingebracht. Doch so grimmig sie auch aussehen, für den Menschen sind sie ungefährlich. Sie benutzen ihre Eckflossen wie Flügel, womit sie sich knapp unter der Wasseroberfläche fortbewegen. Als ob er uns ein Kunststück vorführen wollte, schlägt einer vor unseren Augen eine Volte und präsentiert uns dabei seine schneeweiße Unterseite.

Diesmal haben wir mit dem Wetter mehr Glück als beim letzten Mal. Die  Sonne verwandelt die Unterwasserwelt in einen funkelnden Zaubergarten. Unzählige Fische in allen Farben, gestreifte, gepunktete, fast durchsichtige, große, kleine, Einzelgänger und Schwärme legen ihre Köpfchen zur Seite und schielen nach den merkwürdigen Fischen hoch, für die sie uns Schnorchler wohl halten. Ein Hai liegt auf dem Rücken, seine verletzliche Bauchseite zeigt nach oben, er liegt offenbar im Sterben. Sein Raubtiermaul mit den spitzen Zähnen klappt auf und zu, als würde er nach Luft schnappen.  Ein anderes Exemplar von enormer Größe schläft mit offenen Augen. Wie ein Jumbojet sieht er aus. Ich entdecke verschiedene Rochenarten, Seepferdchen und natürlich Wasserschildkröten. Meerespflanzen streifen meinen Bauch und verfangen sich in meinen Haaren.

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Los Tûneles nennt man diese Küstenlandschaft, die einzigartig ist auf der Welt. Die Galápagos wurden sozusagen aus dem Meer gespuckt. Vulkane unter dem Meeresboden, die noch immer aktiv sind, haben die einzelnen Inseln gebildet und tun es noch. In Millionen von Jahren wuchsen sie aus dem Meer und wandern langsam nach Osten. Je älter eine Insel, umso flacher wird sie wieder. Isabela zählt zu den jüngsten Inseln mit aktiven Vulkanen. Bei den  Ausbrüchen des Sierra Negra hat sich die glühende Lava ins Meer ergossen, wo sie erkaltete. Meereswellen und Wind haben diese weiter bearbeitet und ein schwarzes Riff gebildet, auf dem nun Kakteen wachsen. Dazwischen wuchern Mangroven, deren Wurzeln tief unter Wasser liegen. Noch interessanter ist die Landschaft unter der Oberfläche; ein Gebirge aus Lavafelsen, Wurzeln, Farnen, Tunneln und Höhlen, die einen idealen Boden für eine Vielzahl von Meeresbewohnern bieten.
Beim Spaziergang auf dem Riff treffen wir auf junge Blaufußtölpel mit flauschigweichem Fell, die ihre ersten, noch erfolglosen Flugversuche proben. Erst nach circa einem Jahr färben sich ihre Füße blau.

bty

Es ist der Menschheit schon immer gelungen, ein Paradies in eine Hölle zu verwandeln. Im 19. Jhdt. wurden auf einigen Inseln Strafkolonien errichtet, deren Verwalter äußerste Grausamkeit nachgesagt wird. Jene auf Isabela bestand sogar bis ins Jahr 1959. Die Strafgefangenen mussten ihr eigene Gefängsnismauer errichten, El Muro de las Lacrimas. Ein Teil steht noch im Süden der Insel und erinnert an politische Gefangene und Delinquenten.

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El muro de las lacrimas – Die Tränenmauer

Auf dem Weg zur Mauer am Südostende der Insel begegnen mir einige in freier Natur lebende Schildkröten. So hart ihr Panzer auch ist, es sind äußerst sensible Tiere. Mit ihren Beinen, die wie die von kleinen Elefanten aussehen, kriechen sie so mühsam vorwärts, als würden sie das Gewicht der ganzen Welt auf ihrem Panzer mitschleppen. Fast möchte man ihnen einen Rollator zur Verfügung stellen. Kommt man ihnen näher, halten sie inne und schauen einen bewegungslos an. Mit einem Blick, den man intelligent und zugleich misstrauisch nennen könnte. Natürlich ist es unsinnig, zu glauben, dass sie sich große Gedanken machen. Trotzdem frage ich mich, was in ihren Köpfen vorgeht. Was sie sehen, wenn sie mich anschauen und sich dabei immer wieder langsam die Lider über ihre Augen schieben. Bestimmt  sind sie viel älter als ich und wahrscheinlich haben sie so manchen Strafgefangenen in Ketten vorbeiziehen sehen.

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Uralte Weisheit im Blick

Wo Süßwasser vom Inneren der Insel und Meerwasser sich vermischen, sind Mangrovenwälder entstanden, mit Exemplaren, deren Stämme dick wie Eichenstämme sind. Ein niedriger Tunnel durch verschlungene Äste führt zu einigen Tümpeln und einem Süßwasserbecken, in dem ich mich kurz erfrische, bevor ich meinen Weg zurück in den einzigen Ort der Insel antrete. Die Kirche von Puerto V. gleicht von außen einer Schildkröte. Auch die Kirchenfenster sind mit den Tieren der Insel bestückt anstatt mit den üblichen Heiligen. Über dem Altar, der auf einer riesigen Wurzel liegt, schwebt auf einem naiven Wandbild Christus segnend über den Inseln, während Pinguine, Seelöwen, Vögel und Schildkröten ehrfürchtig zu ihm aufschauen.

Fast wäre mein zweitägiger Ausflug auf diese Insel ins Wasser gefallen. Obwohl man bereits bei der Einreise 100.- Dollar Eintritt bezahlt, in Isabela werden noch einmal 10.- Dollar fällig. Mein gebuchtes Hotel ist zwar nagelneu, aber es ist nicht möglich, mit Kreditkarte zu bezahlen. Auch die Tourveranstalter wollen nur Cash sehen. Das wäre alles nicht weiter bemerkenswert, wenn es denn einen Geldautomaten auf der Insel geben würde. Doch der einzige, den es gibt, ist nur für Einheimische gedacht. Da ich nicht genügend Bargeld mitgenommen habe, ist guter Rat teuer. Im wahrsten Sinn des Wortes. Denn die pfiffigen Inselbewohner haben ihre Deals mit Hotels und Hostels, die eine dieser kleinen Kreditkartenapparate besitzen. Allerdings verlangen sie dafür einen Aufschlag von bis zu 25% des Preises. Sie wissen genau, dass man als Tourist keine andere Wahl hat, will man auf der Insel nicht verhungern, im Freien übernachten und zuletzt ins Meer geworfen werden, denn auch die Rückfahrkarte mit Boot will bar bezahlt werden oder eben mit dem entsprechenden Aufschlag. Bei den ohnehin stark überhöhten Preisen halte ich das für eine glatte Unverschämtheit. Auch das Einchecken zu den Speedbooten ist jedesmal eine nervtötende Prozedur. Da die Boote nicht anlegen, sondern etwas weiter draußen im Meer liegen, braucht man ein Wassertaxi, das einen zum Boot befördert, was selbstverständlich nicht im Fahrpreis von 30 Dollar enthalten ist. Dasselbe Spiel bei der Ankunft. Da ein Boot nur circa 25 Personen aufnimmt, verlassen bis zu 10 verschiedene  Lanchas zur gleichen Zeit zweimal am Tag einen Hafen, um den Ansturm der Touristen zu bewältigen. Doppelt soviele Wassertaxis werden benötigt, denn die wiederum fassen nur 12 Personen. Vorher werden sämtliche Gepäckstücke untersucht, damit nur ja kein Stein die Insel verlässt. Das Einchecken dauert also mindestens eine Dreiviertel Stunde, in der an die 200 Passagiere bei der größten Hitze wartend am Pier stehen und wie die Schafe abgezählt werden, bis man sie ins Taxi und schlussendlich ins Boot einsteigen lässt. Dann beginnt der eigentliche Kampf. Jeder will möglichst weit hinten sitzen, denn vorne erleidet man durch das Aufschlagen des Bugs auf den Wellen eine Gehirnerschütterung. Hinten allerdings wird man vom Lärm der Motoren taub, vom Wind blind und von der Sonne verbrannt. Ich liebe Schiffe, auch Boote, doch die Fahrten zwischen den Inseln, die jeweils zwei Stunden dauern, in denen man sich nicht von der Stelle rühren kann, ohne schwere Verletzungen zu erleiden, sind eine Qual.

Doch was lässt man sich nicht alles gefallen, wenn man dafür im Paradies sein darf.

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San Cristóbal

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Hafen von Puerto Ayora, Santa Cruz

Es kostet mich einige Überwindung, um acht Uhr morgens bei bewölktem Himmel und nicht gerade warmen Wassertemperaturen in den Ozean zu springen, in dem es von Haien und Riesenwasserschildkröten nur so wimmelt. Doch schließlich habe ich die  Bootstour 360Grad, die SanCristobal umrundet, gebucht, um zu schnorcheln. Es war ein Irrtum zu glauben, auf den Galapagos würde kein Wölkchen den Sonnenschein trüben und das Wasser habe Karibiktemperatur. Zwar kann es tagsüber sehr schwül werden – wir befinden uns am Äquator -, aber im Freien ist es abends trotzdem kühl. Schließlich liegen sie mitten im Ozean und der hat wie der Atlantik seine Hochs und Tiefs. Als wir um sieben Uhr früh aufbrechen, regnet es. Wir umrunden den schlafenden Löwen, einen Felsen im Meer, der mit etwas Phantasie als solcher durchgehen kann.

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El Leon dormiendo

Der nächste Vulkanfelsen trägt den Namen „Der Hexer“. Beeindruckende Felswände, in deren Nischen Blau- und Rotfußtölpel nisten. In den Tunneln und Schluchten liegen die Haie am Meeresboden. Angeblich sind sie ungefährlich und schlafen tagsüber. Hoffentlich. Zumindest ist mir noch nicht zu Ohren gekommen, dass diese Sorte Appetit auf Menschen hätte. Über uns kreisen Fregattvögel mit ihren scherenförmigen Schwanzfedern. Ihre Flügelspannweite beträgt über zwei Meter. Doch ihre Körper sind leicht und filigran. Diese Flugweltmeister – sie können tagelang in der Luft bleiben und schlafen sogar im Flug – gehören zu den Kleptoparasiten, weil sie anderen Tieren das Futter klauen. Das Männchen bläht zur Balz einen knallroten Halsbeutel auf. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, sie auf dem Boden zu sehen.

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Blaufußtölpel

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Ein bisschen ängstlich folge ich unserem Guide, der mich sicher durch die enge Schlucht führt. Die korallenbesetzten Wände haben scharfe Kanten und der Kontakt mit Seesternen, Seeigeln und Krebsen ist ebenfalls nicht empfehlenswert. Man verletzt sich leicht und wer weiß… Blut soll ja bekanntlich Haie anziehen. Doch die liegen bewegungslos als schwarze Schatten, die immerhin mindestens zwei Meter lang sind, unter uns. Das Licht im Tunnel ist knapp, was die Unterwasserwelt zusätzlich unheimlich erscheinen lässt. Ich bin erleichtert, als wir wieder ins freie Meer hinaus schwimmen. Leider tut uns die Sonne nicht den Gefallen, die bunte Welt unter uns zu beleuchten. Doch im Lauf des Tages ist ein weiterer Schnorchelgang geplant. Wir landen auf unberührten weißen Stränden, die einen herrlichen Kontrast zu den schwarzen Vulkanfelsen bilden. Zwischen den Felsen, im seichten Gewässer, tummeln sich junge Seelöwen.

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Sie beschnuppern spielerisch meine Beine und tauchen wieder ab. Am Grund liegt eine riesige Flunder. Langsam schält sich die Sonne aus dem Grau. Leider taucht im Paradies irgendwann der Teufel auf. Diesmal in Form großer Bremsen, die sich wild auf unsere nasse nackte Haut stürzen. Es ist das Salzwasser, das sie anlockt. Diese Viecher könnte man meinetwegen ausrotten.

Die Insel entpuppt sich als viel größer als ich angenommen habe. Unterwegs entdecken wir Ziegen auf dem Land. Sie gehören nicht zur ursprünglichen Fauna und können gejagt werden. Wir beobachten einen jungen Mann, der von einem Nachbarboot ins Wasser springt, eine beachtliche Strecke schwimmend zurücklegt, an Land klettert und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit das felsige Ufer  hochklettert und in Richtung der Ziegen läuft. Obwohl er ihnen an Geschwindigkeit kaum unterlegen ist, haben die Tiere längst die Gefahr gewittert und das Weite gesucht. Diese Ziegen haben sich soweit angepasst, dass sie sogar Salzwasser trinken.

Auf dem zweiten Schnorchelausflug in einer Lagune treffen wir ebenfalls auf jede Menge Haie, doch die Sensation sind Wasserschildkröten. Einige Minuten schwimme ich knapp über einem Riesenexemplar her. Es ist mindestens so groß wie ich. Was denkt sie wohl, wer ich bin? Ein Fisch? Jedenfalls lässt sich sie nicht beirren. Mit ruhigen Schwimmbewegungen gleitet sie durch das Wasser. Manchmal streckt sie den Kopf an die Luft. Der Guide gibt mir ein Zeichen, sie zu berühren. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus. Der Panzer fühlt sich an wie moosbewachsener Stein. Die Schildkröte zuckt leicht zusammen. Obwohl mich der Guide mehrere Male animiert, sie zu berühren, wenn nicht sogar mich auf sie draufzusetzen, weigere ich mich. Weniger aus Angst, sondern weil ich das sichere Gefühl habe, dass ihr das keinesfalls gefällt. Und als wir zurück aufs Boot klettern, gibt er mir zu verstehen, dass ich es nicht erwähnen soll. Es ist ganz offensichtlich verboten, die Tiere zu berühren. Und er hat sich nicht korrekt verhalten.

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Galápagos

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Tortuga Bay

Am ersten Tag des Jahres 2018 lande ich nach einer halben Stunde voller Angst auf Baltra, einer Santa Cruz vorgelagerten Insel. Solange kreist das Flugzeug  knapp über den Ozeanwellen, ohne landen zu können. Jedesmal, wenn die Landebahn auf der kleinen Insel in Sicht kommt, hoffe ich, diesmal wird er es schaffen, doch wieder drehen wir ab.  Langsam wird es still in den Reihen. Nur ein paar kleine Kinder quietschen und plärren, was die Atmosphäre nicht unbedingt entspannt.  Wer wie ich einen Fensterplatz hat, neigt sich abwechselnd je nach Flugmanöver der Meeresoberfläche zu oder blickt in den leeren Himmel über sich. Andere versuchen, sich mit einer Lektüre abzulenken oder recken ihre Hälse fragend nach dem Vorhang, hinter dem die Stewards  schon seit geraumer Zeit verschwunden sind. Und ich versuche mir vorzustellen, wie eine Notlandung auf dem Wasser wohl ausgehen könnte. Würden wir alle sterben? Oder würde die Maschine noch solange auf dem Wasser schwimmen, bis die Passagiere das Flugzeug verlassen haben? Ich schätze den Abstand zur Insel. Notfalls würde ich sie schwimmend erreichen. Oder ist der erste Tag des Jahres gleichzeitig der letzte meines Lebens? Endlich meldet sich der Kapitän. Er entschuldige sich für die Unannehmlichkeit, es gebe ein kleines Problem, aber in spätestens 10 Minuten würden wir landen. Und wieder drehen wir ab. Ein Problem? Was für ein Problem? Hat das Flugzeug einen Schaden? Ist der Co-Pilot betrunken? Immerhin war gestern Sylvester. Stimmt etwas nicht mit der Landebahn? So weit ich sehen kann, ist sie leer. Weit und breit keine anderes Flugzeug. Auch weist nichts auf starken Wind hin. Klemmt das Fahrgestell? Werden wir schließlich eine Bauchlandung hinlegen und am Rumpf entlang schlittern? Sind die Galápagos mein Schicksal? Nach einer weiteren Ansage, weiteren 10 Minuten und mehreren Schleifen, setzt die Maschine endlich zur Landung an. Was das kleine Problem war? Wir werden es nie erfahren.

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Nicht einmal am Abend lassen einen die Fotografen in Ruhe schlafen.

Die Galápagos-Inseln, eines der letzten Paradiese, wo Mensch und Tier in intakter Natur friedlich zusammen leben. Mas o menos, möchte man hinzufügen. Wenn man in das kristallklare, türkis bis dunkelblaue Wasser blickt, auf den Bänken im Hafen die Seelöwen schlafen, Iguanas, die wie kleine Drachen aussehen, zwischen den Badenden auf den Stränden herumspazieren, Schildkröten und Kühe friedlich nebeneinander auf den Weiden grasen und selbst Vögel und Fische nicht das Weite suchen, wenn man ihnen auf dem Weg oder unter Wasser begegnet, dann hat das tatsächlich etwas Paradiesisches. Aber da viele einmal das Paradies sehen wollen, landen täglich bis zu tausend Touristen auf den Inseln. Man bemüht sich zwar, die unvermeidlichen Folgen zu begrenzen, doch vieles wird wie überall auf der Welt dem Profit geopfert.

Die Tiere zeigen keinerlei Scheu, sie haben keine natürlichen Feinde. Allein die Eier der Schildkröten müssen vor den eingeschleppten Tieren wie Hunde, Katzen, Wild und Ratten geschützt werden. Dieser Aufgabe hat sich das Charles Darwin Center verschrieben. Die Eier werden eingesammelt und im Dunklen aufbewahrt, bis die Jungen schlüpfen. Danach bleiben sie weitere 5 bis 10 Jahre in der Obhut der Pfleger, bis ihr Panzer stark genug ist, um in der Wildnis zu überleben.

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Schon wieder Touristen. Naja, die werden wir auch überleben.

Schildkröten können bis zu 500 Jahre alt werden. Vielleicht, wenn wir uns ebenfalls so langsam bewegen und nur von Grünfutter ernähren würden…Charles Darwin ist auf den Galapagos Inseln zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Arten den Umweltbedingungen anpassen. So gibt es, oder vielmehr gab es eine Schildkrötenart, die besonders lange Hälse hatte und den vorderen Teil ihres Panzers anheben konnte. Somit war es ihr möglich, an die grünen Blätter höherer Pflanzen heranzukommen. 1971 fand man den letzten Vertreter diese Art, den „einsamen George“. Man brachte ihn ins Zentrum, verhätschelte ihn und versuchte vergeblich, ihn mit einer Schildkrötendame zu verkuppeln. Doch George war ein sturer Junggeselle und zeigte kein Interesse. Also probierte man es mit künstlicher Befruchtung. Auch diese Versuche schlugen fehl. George, der letzte seiner Art, verstarb kinderlos im Jahre 2004. Er wurde präpariert und kann für ein paar Minuten in einem Kühlraum bei spärlichem Licht und hinter Glas besichtigt werden. Es gibt Überlegungen, ihn zu klonen.

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Der Schlaf gebiert Ungeheuer

Es ist ein beliebter Zeitvertreib in Puerto Ayora, am Abend im beleuchteten Hafengewässer Haie, Rochen und anderes merkwürdiges Meeresgetier zu beobachten, die durch das Licht offenbar angezogen werden. Auf den Bänken schlafen die Seelöwen und die Geländer werden von Pelikanen besetzt, die genau wie wir ins Wasser starren, um dann im Sturzflug einen Fisch zu fangen. Meistens entwischt ihnen die Beute und gelingt es einem hin und wieder, wird sie ihm von Kollegen oft streitig gemacht. Die Schlauen unter ihnen lassen sich im Wasser treiben, wo sie den Fischen näher sind. Dann bläht sich der untere Teil ihres Schnabels auf und man kann den Weg des Fischleins richtig verfolgen.

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Zu den Traumstränden mit pudrig weißem Sand, rosafarbigen Salzlugunen und schwarzen Lavaschluchten gelangt man auf schön angelegten Wegen, die durch undurchdringlichen Urwald führen; uralte Kakteen mit Ohren – Feigenkakteen -Mangroven und scheinbar dürres Gestrüpp. Begleitet von zahlreichen Vögeln, viele davon wahrscheinlich die verschiedenen Finkenarten, die Charles Darwin zu seiner Evolutionstheorie inspirierten. Je nach Nahrungsangebt variiert die Form ihrer Schnabel.

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Besuchern der Inseln werden vor der Einreise 100.-€ abgenommen, sozusagen als Eintrittsgeld ins Paradies. Plus 20.- € Bearbeitungskosten. Das Geld kommt dem Arten- und Umweltschutz zugute. Auch sonst sind die Preise deutlich über dem Niveau des Festlandes. Das Gepäck wird streng kontrolliert, nichts Organisches darf eingeführt werden. Selbstverständlich darf auch nichts von den Inseln mitgenommen werden. Keine Korallen, keine Steine, keine Pflanzen, keine Tiere. Uns Touristen wird eingeschärft, die Inseln ohne Spuren zu hinterlassen. Nachdem sich schon der Flughafen als ökologisch bezeichnet, habe ich eigentlich erwartet, von  Elektrobussen abgeholt zu werden. Umso mehr staune ich, als aus dem Auspuff eine schwarze Wolke aufsteigt. Auch haben die Einwohner keine Hemmungen, den Motor ihrer Autos laufen zu lassen, wenn sie mal kurz für einen Kaffee aussteigen. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Inseln laufen ausschließlich über Santa Cruz. Wer erwartet, dass es eine Fähre gibt, die sämtliche Tagesbesucher aufnimmt und die Inseln reihum verbindet, irrt. An die 100 Speedboote mit maximal 25 Passagieren pflügen durch den Ozean. Wer zur Seekrankheit neigt oder Probleme mit den Bandscheiben hat, sollte sich auf eine Insel beschränken. Im offenen Ozean schlagen die Boote hart auf den Wellen auf. Umweltschutz sieht anders aus. Doch jeder will am Tourismus verdienen.