Meine (bisher gefährlichste) Reise in den Supermarkt

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Ab und zu muss es sein. Ein Einkauf ist fällig. Wirklich dringend brauche ich zwar nur Salz, aber wenn ich schon mal losgehe, findet sich bestimmt noch mehr. Das erfordert genaue Planung. Welcher Zeitpunkt ist der günstigste? Früh am Morgen? Das denkt wahrscheinlich jeder, also besser nicht. Um die Mittagszeit? Dann holen alle Jugendlichen, die noch arbeiten, ihre Leberkässemmeln. Sie treten meistens in Scharen auf und denken nicht daran, genug Abstand zu halten. Nicht, weil sie mich für ihresgleichen und ebenso unverwundbar halten, sondern weil sie denken, dass ich ohnehin schon … ach, ich will gar nicht wissen, was sie denken, wahrscheinlich überhaupt nichts. Also auf keinen Fall mittags. Nachmittags gehen vermutlich die Kurzzeitarbeiter einkaufen, gegen Abend dann die Home-Office-Worker. Keine leichte Entscheidung. Eigentlich ist es egal. Voll ist es immer, während die Regale meistens schon leer sind, wenn ich komme. Seit Tagen suche ich Vollkornreis. Ich wusste nicht, dass er so gefragt ist. Bei Spaghetti habe ich das erwartet. Meinetwegen auch bei Basmati- oder Risottoreis. Aber doch nicht Vollkornreis! Den mag ja nicht einmal ich, obwohl ich mich durchwegs gesund ernähre. Auch tiefgekühlte Erbsen und Spinat sind seit langem Mangelware. Wir Menschen sind einander doch ähnlicher als ich dachte.

Ich gehe also einkaufen, wenn mir danach ist und lass mich überraschen.

Wie verlasse ich meine Wohnung? Auch das will überlegt sein. Handschuhe oder nicht Handschuhe? Ist es besser, das Virus mit den Handschuhen heim zu schleppen, wo es wahrscheinlich mehrere Tage virulent bleibt (ist ein Virus nicht immer virulent, und wenn es nicht mehr virulent ist, ist es dann noch ein Virus?), oder auf der nackten Haut? Die man immerhin waschen kann. Ich entscheide mich gegen Handschuhe. Mit oder ohne Maske? Zwar soll sie ohnehin nicht helfen, aber ich habe zumindest ein besseres Gefühl. Sie signalisiert: ich schau auf mich, besonders aber auf dich. Die Maske ist eine dieser hellgrünen OP-Masken, die man mittels Gummi hinter den Ohren befestigt. Es ist ein Onesize- und Unisex-Modell und will sich partout nicht an meine Wangen anschmiegen. Außerdem drückt sie am Nasenrücken. Mit jedem Atemzug laufen meine Brillengläser an. Vielleicht sollte ich jetzt besser Linsen tragen? Ich entscheide mich gegen die Maske. Zur Vorsicht ziehe ich einen anderen Mantel an wie letztes Mal. Falls ich in die Armbeuge gehustet oder mit dem Ellbogen die Haustür geöffnet habe sollte. War nicht mein Nachbar gerade noch in der Flachau beim Skifahren? Ich schärfe mir noch einmal ein, mir ja nicht mit den Händen ins Gesicht zu fassen, solange ich im Feindesland unterwegs bin. 

Kaum gehe ich aus der Haustür, will just im selben Moment jemand rein. Ich pralle zurück. Zu spät. Die Tür ist bereits hinter mir ins Schloss gefallen und die Person ist mir gefährlich nahe gekommen. Näher als einen Meter. So muss sich ein Tormann fühlen, wenn der Ball  neben ihm ins Netz geht. 

Jetzt bin ich auf der Straße. Von weitem sehe ich meine Nachbarin kommen. Wir sind eigentlich befreundet, aber als sie mich sieht, nimmt sie ihren Zwergpudel auf den Arm und wechselt die Straßenseite. Ich rufe ihr noch einen Gruß nach, sie wirft mir ein knappes Hallo über die Schulter zurück und eilt weiter. Ihr persönlich wäre es egal, wenn sie krank würde, hat sie mir verraten, als wir noch miteinander sprachen, aber sie müsse schließlich an den Hund denken. Wer solle ihn denn Gassi führen, wenn sie daniederliege oder, noch schlimmer, sterbe? Damals, in Prä-Corona-Zeiten, pflegte der Hund an mir hochzuspringen und meine Hand zu lecken, wenn ich ihn streichelte. Daran ist jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Zwar habe ich noch keinerlei Symptome, aber wer weiß?  Ich streichle den Hund, das böse Virus bleibt in seinen Locken kleben, springt auf sein Frauchen über, die wird krank, stirbt, der Hund wird Vollweise … nicht auszudenken. So muss ich die flüchtige Begrüßung meiner Nachbarfreundin tapfer hinnehmen.

Es fahren weniger Autos als normal. Zur Not kann ich auf die Straße ausweichen, wenn mir auf dem Trottoir mehr als zwei Personen entgegen kommen. Schwieriger wird es beim „Um-die-Ecke-Gehen“. Wer viel mit Krimis zu tun hatte wie ich, weiß, dass man erst vorsichtig um die Ecke lugt, ehe man sich in die Schusslinie begibt. Ich kann nur hoffen, dass nicht zur gleichen Zeit eine andere Person das gleiche tut. Im Film handelt es sich dann um eine Komödie. In der momentanen Realität nicht. 

Glücklicherweise gibt es nur eine Ecke zwischen mir und dem Supermarkt. Davor wartet ein Hund. Der Glückliche hat keine Ahnung, wie bald er vielleicht ohne Herrchen oder Frauchen auskommen muss. Auch die bettelnde Romafrau sitzt ungerührt auf ihrem Schemel. Sie ist mit Sicherheit über 65, somit Angehörige einer Risikogruppe und sollte besser zuhause bleiben. Ich wüßte nicht, wie ich ihr jetzt eine der Obdachlosenzeitungen „abkaufen“ sollte, ohne uns beide in Gefahr zu bringen. Ein Blick in das Innere des Geschäfts zeigt mir, es ist nicht die günstigste Zeit, um einzukaufen. Egal. Jetzt bin ich schon einmal hier. Am Obststand stehen zu viele Menschen. Ich warte mit gebührendem Abstand, bis eine Dame, die sämtliche Avocados auf ihre Reife prüft, sich endlich entscheidet. Doch ein Herr hinter mir hat es eilig. Er überholt mich — ohne Abstand! — und macht sich an den Äpfeln zu schaffen. Er nimmt jeden einzelnen in die Hand und beäugt ihn von allen Seiten, um nur ja keine Druckstelle oder beginnende Fäule zu übersehen. Ich hoffe, er hat bald alle durchgesehen. Schließlich muss ich mich beeilen, bevor sich hinter mir eine Schlange bildet und Unmut aufkommt.  Eigentlich wollte ich ebenfalls Äpfel und Avocados kaufen, wenn ich schon mal hier bin, aber jetzt zögere ich. Meine Beobachtungen haben mir mit einem Schlag das gefährliche Abenteuer meines Supermarktausfluges vor Augen geführt. Zucchini, Auberginen, Birnen, Tomaten, Zitronen und Orangen. Kohlrabi, Sellerie, Kartoffel und Zwiebel. Plötzlich sehe ich sie in einem ganz anderen Licht. Frisch, bunt, gefährlich. Auch die Gummihandschuhe der Angestellten schützen zwar ihre Träger, aber nicht die Ware, die sie einschichten. Mit sehr gemischten Gefühlen lege ich alles in den Einkaufswagen. Halt! Der Griff des Einkaufswagens! Höchst infektiös! Wie konnte ich nur so gedankenlos und leichtsinnig sein! Selbst wenn Gemüse und Früchte bisher virusfrei gewesen sein sollten, spätestens jetzt sind sie es nicht mehr. Zu spät. Die nächste Krisensituation droht. Die Warenladungen mit dem dazugehörigen Personal versperren sämtliche Fluchtwege, will ich den herumtobenden Kindern ausweichen. Irgendwo müssen sie ja ihren Bewegungsdrang ausleben. Die quengelnden Kleinen reißen Schokolade aus den Regalen, gestresste Mütter reißen sie ihnen wieder aus der Hand und legen sie zurück ins Regal. Bevor der nächste Rentner sie in seinen Korb legt, nach Hause trägt und sich beim Öffnen der Süßigkeit den Tod holt. Natürlich ist auch heute kein Vollkornreis vorrätig. Spaghetti habe ich ohnehin schon abgeschrieben. Ich ertappe mich dabei, Dinge mitzunehmen, die ich noch nie im Leben gekauft habe, einfach nur, weil sie vorhanden sind. Nein, Klopapier kaufe ich nicht. Ich mache mich doch nicht lächerlich. 

An den Kassen sind die Schlangen länger als gewöhnlich. Weil einige tatsächlich den empfohlenen Meter Abstand zum Vordermann/frau einhalten. Die Schlangen reichen allerdings in die Gänge hinein, die wenig mehr als einen Meter breit sind. Wer jetzt etwas aus einem bestimmten Regal braucht, muss warten, bis die Schlange schrumpft. Oder man stellt sich gleich an und nimmt sozusagen im Vorwärtsrücken das Gewünschte aus dem Regal. Dazu sollte man allerdings die genaue Position der einzelnen Waren kennen. Ich nehme mir vor, daran zu arbeiten. 

Die Kassiererin hinter der Plexiglasscheibe sieht müde aus. Dagegen helfen auch die dankbaren Worte des Bundeskanzlers nicht. Sie gibt mir das Wechselgeld zurück. Ihre Hände stecken in schwarzen Gummihandschuhen. Die wirken auf mich nicht gerade beruhigend. Eher erinnern sie mich an Mörderhände in einem Horrorfilm, während mich meine nackte Hand an den Hals des unschuldigen Opfers denken lässt. Durch wie viele Hände ist dieser 20-Euro-Schein schon gewandert? Und erst die Münzen? Und wie viele Viren befinden sich auf meiner Geldbörse? Ich werde sie waschen müssen. Beim Schein wird das schwierig werden, obwohl, so mancher hat sogar die Waschmaschine überstanden, wenn er in einer Hosentasche übersehen wurde. 

Endlich habe ich den Ort der maximalen Gefahr verlassen, bin zweimal auf die Straße ausgewichen, schnell und sicher um die Ecke gehuscht und stehe nun vor dem Geldautomaten. Ein neuer Krisenherd. Unzählige Hände haben die Tasten berührt, unzählige Bankomatkarten wurden in den Schlitz gesteckt. Wie soll da ausgerechnet meine wieder unbeschadet herauskommen? Wer weiß wie viele haben auf den Screen gehustet, geniest oder gespuckt. Wie kann ich davon einen Meter Abstand halten, wenn ich Geld abhebe? Zum Glück ist der Automat außer Betrieb. Wahrscheinlich hat’s ihn erwischt. Besser so. Demnächst werde ich nur noch mit Karte bezahlen. Mit welcher Karte? Mit der, die ich eben mit meinen kontaminierten Fingern aus meiner kontaminierten Börse gezogen habe? Auch sie werde ich waschen müssen. Auf die Gefahr hin, dass sie dann nicht mehr lesbar ist.

Endlich habe ich das Haustor erreicht. Ein Blick durch die Glastür zeigt mir, der Flur ist leer. Jetzt schnell hinein. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Jesus, der Schlüssel! Wie lange schon benütze ich ihn, ohne mir Gedanken gemacht zu haben? Der strotzt wahrscheinlich von Corona Viren. Ich werde auch ihn waschen müssen. Mit Seife, mindestens 30 Sekunden lang. Es juckt in meinem linken Auge. Um Gottes Willen! Nur nicht hinfassen. Jetzt ist Konzentration gefragt. Jucken hört nicht auf, wenn man weiß, das man sich nicht kratzen darf. Wahrscheinlich juckt es gerade deswegen. Die Nerven. Die Nerven. Zur Zeit sind meine Nerven einer schweren Prüfung ausgesetzt.

Früher habe ich den Postkasten erwartungsvoll aufgeschlossen. Jetzt habe ich Angst vor jedem Brief, jeder unerwünschten Werbesendung, jeder Zeitschrift. Wer hat sie verschickt? Wer in meinen Kasten gesteckt? Wie soll ich sie rausnehmen, ohne sie mit meinen Händen zu berühren? Wie sie öffnen, selbst, nachdem ich sie mir gewaschen und desinfiziert habe? Soll ich die Briefe vielleicht auch… nein, was zu weit geht, geht zu weit. Ich beschließe, den Kasten nur jeden zweiten Tag zu öffnen. Damit reduziere ich meine Ansteckungsgefahr um 50%. Oder zögere sie zumindest hinaus. Ist ja nichts wirklich dringend zur Zeit. Selbst bei Strafmandaten wird man ein Nachsehen haben. Die Polizei hat jetzt andere Sorgen.

Habe ich geglaubt, mit Erreichen meiner Eingangstür ist der Stress vorbei, habe ich mich gewaltig geirrt. Logistik ist gefragt. Mit dem verseuchten Schlüssel muss ich die Tür aufsperren. Dabei lässt es sich nicht vermeiden, den Türknauf zu berühren. Im Vorzimmer ziehe ich meinen Mantel aus und hänge ihn mit spitzen Fingern auf. Den werde ich die nächsten Tagen nicht mehr anziehen können. Dann öffne ich mit meinem Ellbogen – auch der Pullover, den ich trage, muss für einige Zeit unbenützt bleiben – die Badezimmertür und wasche mir die Hände. Mindestens 30 Sekunden, mit Seife. Jetzt könnte ich mir ins Auge fassen, um das Jucken abzustellen. Aber jetzt juckt es nicht mehr. So. Nun muss ich den Griff der Eingangstür desinfizieren. Doch mein kleines Fläschchen mit Desinfektionsmittel, das ich einst in letzter Sekunde für viel Geld ergattert habe, ist zu kostbar für Türschnallen. Besser waschen. Mit Seife. 30 Sekunden. Was den Händen hilft, muss auch den Schnallen helfen. Nun zur Geldbörse. Hier opfere ich ein paar Spritzer des Desinfektionsmittels. Mit dem Ergebnis, dass die schöne rote Farbe abgeht. Schönheit muss jetzt eben leiden, denke ich. Nicht nur bei Geldbörsen, wie mir ein flüchtiger Blick in den Spiegel zeigt. Vielleicht sollte ich mir wieder einmal die Haare waschen. Auch wenn mich niemand ansieht. Nicht einmal ein Hund. Und wenn ich sie gewaschen habe, dann schminke ich mich und mache ein paar Videoanrufe. Selbstverständlich werde ich eine E-Mail vorausschicken. Mein Gegenüber soll ja die Gelegenheit bekommen, sich ebenfalls die Haare zu waschen und zu schminken. Aber zuerst muss ich das Eingekaufte waschen. Mit Seife. Oder Spülmittel? Oder alles schälen? Es klingelt. Wo ist mein Handy? O Gott, es liegt auf der Post von gestern. Ich muss es sofort waschen. 

Leider habe ich vergessen, Salz zu kaufen.

„Dieses große unerschütterliche Trotzdem“

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Ich möchte nicht mit den Problemen Afrikas enden, sondern mit den positiven Eindrücken. Mir sind größtenteils freundliche, interessierte und offene Menschen begegnet. Unvergessen die Kinder, aber auch die Erwachsenen, die unermüdlich jedem Jeep zuwinken, der sie im Vorbeifahren mit einer Staubwolke einnebelt. Unschlagbar ist ihr Humor. Mögen die Frauen hier auf Sansibar etwas zurückhaltender sein, was durch ihre Religion bedingt ist, aber wenn man sich die Mühe macht und sich für sie interessiert, tauen auch diese auf. Um auf Bartholomäus Grill zurückzukommen, natürlich berichtet er in seinem Buch nicht nur über Katastrophen, sondern große Teile sind der Vitalität, „die aus der Verzweiflung wächst, dem Erfindungsreichtum der Armut, der entwaffnenden Heiterkeit und Zuversicht“, gewidmet, dem Humor, der sie die Unterdrückung ertragen ließ und den sie mit der Schicksalsgemeinschaft der Juden gemein haben. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Er weiß die absurdesten Geschichten zu erzählen und ich habe beim Lesen oft lauthals gelacht.  

Natürlich war mein Aufenthalt viel zu kurz, um alles zu bestätigen, doch vieles habe ich wiedererkannt. 

Die Langsamkeit. An die muss sich ein ungeduldiger Mensch wie ich erst gewöhnen. Pole Pole. Nur mit der Ruhe. In der Endoro Lodge bestelle ich einen Aperitif. Nach einer halben Stunde ist er immer noch nicht da. Inzwischen setzen wir uns zum Abendessen. Der Cocktail wird mir mit entwaffnendem Charme schließlich zum Nachtisch serviert. Ich bestelle jeden Tag ein Ei zum Frühstück, gebraten oder als Eierspeise. Ich bekomme jeden Tag zwei. Auf das Brot dazu warte ich oft vergeblich. Ich habe die Wahl. Entweder ohne Brot oder ich warte, dann sind die Eier kalt.  Die Bedienung bewegt sich mit der Langsamkeit einer Robert Willson Inszenierung. Die Menschen, vor allem Männer, sitzen stundenlang unter einem Baum. Ohne irgendetwas zu tun. Meistens haben sie ja tatsächlich nichts zu tun. Für uns Europäer unverständlich. Ein Sprichwort sagt: die Europäer haben Uhren, die Afrikaner haben Zeit.

Hakuna matata. Kein Problem. Jedes zweite Wort. Und sie meinen es auch so. Ich kaufe am Markt in Stone Town Obst. Um nicht Ameisen oder Ratten anzulocken, frage ich, ob ich es in ihrem Hotelkühlschrank aufbewahren könnte. Hakuna matata. Jeden Mittag schneiden sie mir eine Mango oder Papaya oder Avocado auf und servieren sie mit Besteck und Serviette, obwohl ich im Hotel nichts bestelle. Was immer ich frage:  könnte ich vielleicht? Wäre dies oder das möglich? bekomme ich als Antwort: Hakuna matata. Nur warten muss man können. Irgendwann ist alles möglich.

In Sansibar höre ich von einer Akrobatikgruppe, die in Hotels auftreten. Doch im näheren Umkreis finde ich kein Hotel, wo ich eine ihrer Shows erleben könnte. Es soll aber ganz in der Nähe eine Akrobatikschule für Kinder geben, erfahre ich. Ich mache mich also auf den Weg, den man mir beschreibt. Und ich finde eine Betonruine, vor der ein Erwachsener und zwei zerlumpte Halbwüchsige stehen. Als sie mich kommen sehen, rufen Sie schon von weitem „ welcome, welcome, visit our school“. Sie schütteln erfreut meine Hand und stellen sich vor. Ich habe von einer  Schule etwas anders erwartet, aber der Ältere behauptet, sie hätte zwölf Auszubildende, und sie würden gleich kommen und am Strand trainieren. Ich frage, wann? Verbessere mich. Ungefähr?  Er überlegt, schaut auf seinen Unterarm, als würde er auf die Uhr schauen. Um fünf. Er hat überhaupt keine Uhr, und fünf ist es schon vorbei. Ich rechne also mit sechs. Zweimal gehe ich nach einer guten Stunde den Strand ab, aber ich kann sie nirgends entdecken. Also beschließe ich, meinen Sundowner auf einem Steg, der von einem Luxushotel ins Meer hinausführt, zu nehmen. Nach einer weiteren Stunde komme ich zurück und jetzt tönt mir schon von weitem ein Ghettoblaster entgegen. Neun Kinder und Halbwüchsige – der kleinste ist höchstens fünf –  zähle ich und ihren Trainer. Wie die Fliegen wirbeln sie durch die Luft, bauen Menschentürme, jonglieren mit Hüten, balancieren Bierflaschen auf einem Stock, springen durch Reifen, schlagen Saltos zu ohrenbetäubender Musik, dass es eine Freude ist. Ich kann nicht verstehen, dass ich die einzige bin, die ihnen zusieht. Viele spazieren vorbei, keiner bleibt stehen, geschweige denn, dass jemand einen Schein in den Hut wirft. Umso glücklicher sind sie über den einzigen Zuschauer, nämlich mich. Vor jeder Darbietung werfen sie mir einen Blick zu, ob ich auch wirklich hinschaue und wenn ich klatsche und den Daumen anerkennend nach oben strecke, freuen sie sich wie die Schneekönige und die Augen glänzen in ihren strahlenden Gesichtern. Ich habe eine Privatshow genossen und bedauert, dass ich nur 10 Dollar eingesteckt hatte.

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MAISHA  MAREFU  TANZANIA!

Zanzibar

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Auf dem Markt in Stone Town

Der Name ZANZIBAR klingt irgendwie geheimnisvoll, nach Orient und Spezereien. Nach Tausendundeiner Nacht und Aladin und die Wunderlampe. Nach Sultan und Harem. Gar so weit von diesen Klischeevorstellungen ist Sansibar auch heute nicht entfernt. Doch die Realität ist weniger romantisch.

Im Landeanflug mit der kleinen Propellermaschine überfliegen wir türkisgrünes Meer, Korallenriffe und weiße Strände. Es ist eine andere Welt, in der wir landen. Die Frauen tragen Kopftücher in allen Farben, bärtige Männer in weißen Kaftans haben einen Fes oder eine Mütze auf.  Bisher hatte ich noch keinen einzigen Tansanier mit Bart gesehen. Doch im Gegensatz zum Festland ist Sansibar zu 99%  muslimisch. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun. Nach den portugiesischen Kolonialherren kamen die Araber. Sie waren mit ihrer Missionierung erfolgreicher als die Katholiken.

In der  Architektur der Hauptstadt Stone Town findet man indische, arabische und europäische Einflüsse. Türen mit Rundbögen gehen auf indische Einflüsse zurück, mit geraden Portalen auf arabische. Kunstvoll geschnitzt sind sie alle. Manche tragen scharfe Messingdornen, gedacht als Schutz vor Elefanten, heute sind sie nur noch  Dekoration. Geschnitzte Kettengirlanden zeigten den Wohnsitz eines Sklavenhändlers an. Denn Sansibar war ein wichtiger Umschlagplatz für die Ware Mensch. Von hier gingen ganze Schiffladungen von ostafrikanischen Sklaven nach Indien und in die arabische Welt, während sie an der Westküste Afrikas direkt nach Amerika gebracht wurden. Am einstigen Sklavenmarkt steht heute eine anglikanische Kirche. Vor dem Altar zeigt ein runder Kreis im Marmorboden die Stelle, an der ein Baum stand, an dem die aufmüpfigen Sklaven ausgepeitscht wurden.

In den Kellern unter der Kirche sind noch zwei Verliese erhalten, in denen Männer, Frauen und Kinder auf kleinstem Raum zusammengepfercht und in Ketten an den Füßen und um den Hals auf ihre Versteigerung warteten. Ich frage meinen Guide, was er empfindet, wenn er diese Räume betritt. Er sei traurig und wütend zugleich, dass Menschen wie er wie Tiere behandelt wurden. An seiner Stimme merke ich, dass ihm das Schicksal seiner Vorfahren näher  geht, als er mir zeigen will. 

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Vor Stone Town liegt Prison Island. Geplant war sie als Gefängnisinsel, doch das Gefängnis wurde nie belegt, denn als es fertig war, war die Sklaverei bereits offiziell abgeschafft. Trotzdem betrieb der damalige Sultan weiterhin regen Handel mit Menschen. Heute ist sie ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen, die vor allem an den Riesenschildkröten, die auf der Insel leben, interessiert sind. Auch ich habe sie besucht. Zwar habe ich auf den Galapagosinseln viele Schildkröten gesehen, doch so zahm wie hier waren sie dort nicht. Am Eingang bekommt man ein paar Salatblätter in die Hand gedrückt, die man an die Tiere verfüttern kann. Das macht sie zutraulich und sie lassen sich bereitwillig streicheln, sofern man das will, und fotografieren. Die älteste Schildkrötendame ist 194 Jahre alt. Das als Gefängnis gedachte Gebäude beherbergt heute die öffentlichen Toiletten und ein Café. Durch die Gitterstäbe sieht man den türkisblauen Indischen Ozean. Nicht alle Gefängnisse haben solche Aussicht.

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In den Straßen begegnet man verschleierten Frauen – auch kleine Kinder, sogar Babies sind oft verschleiert – , einige ganz in Schwarz mit Burka, die meisten jedoch mit Kopftüchern, die die afrikanische Vorliebe für kräftige Farben demonstrieren. Andere wiederum, vor allem junge Frauen, tragen schwarze Gewänder und weiße Schleier, wie bei uns die Nonnen. Sie wollen nicht fotografiert werden. Viele sind der Meinung, die Touristen würden diese Bilder für viel Geld verkaufen und sie wollen nie mehr verkauft werden. Auf den Plätzen und in den Cafés der Altstadt treffen sich ausschließlich Männer und spielen Domino. Unser Guide, der zu den wenigen Christen auf der Insel gehört,  nimmt das zum Anlass, um uns die Gepflogenheiten der Muslime zu unterbreiten. Viele hätten vier Frauen, ihre Schönheit und Intelligenz bestimme den Preis, den sie den Eltern der Braut zu zahlen hätten. Sollte eine Frau nicht mehr ihren Ansprüchen genügen, könnten sie sie nach Belieben wegschicken. Er malt uns diese Verhältnisse in drastischen Farben und ich hoffe sehr, dass er maßlos übertreibt. 

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Zu Sansibar gehört auch ein Besuch einer Gewürzplantage. Zimt, Nelken, Ingwer, Muskatnuss, Vanille, Koriander, Safran, Cumin… ein junger Mann führt durch die staatliche Plantage. Er spricht hervorragend deutsch, das er nie in einer Schule gelernt hat – viele Afrikaner sind außergewöhnlich sprachbegabt – und erklärt sämtliche Pflanzen und ihre Wirkung, während sein Begleiter aus Blättern, Blüten und Früchten die kunstvollsten Dinge bastelt, Ketten, Ringe, Körbe, kronenähnliche Hüte…

Ich habe mit zwei meiner Safarikollegen am Strand an der Ostküste eine Tour gebucht. Der Organisator wollte das Geld sofort haben, um alle Serviceleistungen in der Plantage, in Stonetown und die Überfahrt zur Insel zu bezahlen. Tatsächlich aber leben die Guides im Gewürzpark nur von Trinkgeldern. Junge Burschen servieren uns ein köstliches Mittagessen, das im Tourpreis inkludiert ist, doch wenn wir den Köchen kein Trinkgeld geben, bekommen sie nichts. Ein anderer klettert auf eine Palme, singt, tanzt und macht sich im wahrsten Sinne des Wortes zum Affen. Auch er ist von unserer Spendierfreude abhängig, während der gerissene Organisator sich am Strand vermutlich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Am nächsten Tag wollte er uns zu einer Schnorcheltour abholen, die ebenfalls im Preis inkludiert war, doch wir haben ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen. So wie die Eliten der meisten afrikanischen Staaten im Überfluss leben und sich einen Dreck um ihr hungerndes Volk scheren, so kann man im Kleinen dasselbe Muster erkennen. Wer ein Auto hat und am Strand Touristen ködert, gibt den kleinen Dienstleistern nichts zurück. Im Hotel, das sich brüstet, die Menschen aus den Dörfern der Umgebung zu unterstützen, streicht man den Löwenanteil des Gewinns aber selber ein. Eine Massage in meinem Hotel kostet, wenig genug, 20 Dollar. Die Masseurin bekommt aber nur 8 Dollar. Ich werde die nächsten Tage bei Mamaemi privat buchen.

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Über das Strandhotel ist nur soviel zu sagen; hübsche Bungalows in einem tropischen Garten direkt am weißen Sandstrand. Es ist, wie auch die umliegenden Hotels, kaum belegt, gerade mal 5 bis 7 Personen zur gleichen Zeit. Am Strand kann man die Touristen an zehn Fingern abzählen. Ich gehe früh am Morgen spazieren und schwimmen und treffe dabei viele junge einheimische Männer, die joggen und ihre Körper trainieren. Der Traum von einer Fußballkarriere schwirrt in den Köpfen der afrikanischen Jugend, sie hofft auf eine Chance, der bitteren Armut zu entkommen. Denn auch auf Sansibar leben mehr als die Hälfte der Einwohner unter der Armutsgrenze. Das Durchschnittseinkommen pro Jahr! und Kopf beträgt nicht einmal 300 Euro. Durchschnittliche Lebenserwartung 54 Jahre, Kindersterblichkeit groß.

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Zweimal am Tag ist das Meer verschwunden. Der Unterscheid zwischen Ebbe und Flut ist enorm. Bei Ebbe ernten die Einwohner im Watt Muscheln und Algen, die sie verkaufen. Die Frauen sitzen dabei bis zum Nabel im Brackwasser. Junge Masai oder solche, die es vorgeben, zu sein, verkaufen den üblichen Glasperlenschmuck. Doch sie sind nicht besonders aufdringlich, sondern mehr an Gesprächen interessiert. Stolz probieren sie ihre Englischkenntnisse aus, während wir Touristen ihnen mit den paar Worten Swahili , die wir kennen, antworten. Jambo, Mambo, hakuna matata, asante sana, karibu, kwaheri… Es ist tropisch schwül, an einem Vormittag regnet es wieder heftig. Der indische Ozean hat mindestens 30 Grad und ist somit keine wirkliche Erfrischung.

Eine Zeit der Entspannung. Ich lese viel, vor allem in dem umfangreichen Werk des Zeitjournalisten Bartholomäus Grill „Ach, Afrika“. Wer mehr über den Kontinent jenseits von Safari und Strandurlaub erfahren will, dem kann ich das Buch ans Herz legen. Leider ist es wenig erbaulich. Was Grill – er lebt in Südafrika – in seinen jahrzehntelangen Recherchen erlebt und berichtet hat, ist bei aller Liebe, die er auch für Afrika empfindet, die Hölle. Krieg, Gewalt, Hunger, Korruption, Krankheit, in Saus und Braus lebende Präsidenten und ihre Entourage, Völkermorde, Kinder mit aufgequollenen Bäuchen. Hieronymus Bosch ist dagegen ein Bilderbuch für die Kleinen. Immer mehr habe ich den Eindruck, am besten geht es den Tieren in den Nationalparks. Grzimek‘s „Die Serengeti darf nicht sterben“, sollte besser heißen „Afrikas Menschen dürfen nicht sterben“. Doch dank fehlender Geburtenkontrolle gibt es reichlich Nachschub für das Elend, an dem Billionen von Entwicklungshilfegeldern nichts geändert haben. Auch die sogenannte erste Welt ist mehr daran interessiert, sich fügsame Diktatoren zu halten und Waffen zu verkaufen, als zu kontrollieren, wohin das viele Geld fließt und wofür es ausgegeben oder besser nicht ausgegeben wird. 

Ich wundere mich, wie freundlich uns trotzdem die Menschen hier begegnen. Unser Anblick müsste sie eigentlich mit Neid und Hass erfüllen, sie müssen uns für unvorstellbar reich halten, was wir verglichen mit ihnen auch sind. Gewiss ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle, doch in den wenigsten Fällen profitieren die Armen davon. Als Safari- und Strandtourist sieht man die Armut nur aus dem Fenster der klimatisierten Autos.

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Blick in den Ngorongoro Krater

Wir verlassen unsere Zelte am frühen Morgen. Eine lange Strecke liegt vor uns. Zurück durch die Serengeti in das Ngorongoro Naturschutzgebiet, steile Serpentinen hinunter in den Nationalpark Ngorongoro Krater. Wieder hinauf durch den Regenwald, weiter in den Tarangire Nationalpark und schließlich zurück zum Ausgangspunkt unserer fünftägigen Safari nach Arusha. Josef will möglichst ohne Halt bis zum Krater durchfahren. Doch die Tiere machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Immer wieder halten wir an, weil sich ein Bewohner der Serengeti von seiner besten Seite und vor allem ganz in der Nähe zeigt. An der schon bekannten Stelle liegen immer noch oder schon wieder einige Löwen. Offenbar haben sie an dem Platz Gefallen gefunden. Hyänen kommen uns auf der Straße entgegen. Eine große Herde Gnus quert die Straße und zwingt uns zum Stehenbleiben. Ein Geier sitzt direkt über uns auf dem Gipfel eines Leberwurstbaumes und hält Ausschau nach Aas. Einige Bäume weiter ein Adler. Auch er verschmäht keine toten Tiere. Einzig der Gepard ernährt sich ausschließlich von lebender Beute. Aber ihn hier zu entdecken ist nahezu ausgeschlossen.

Im Ngorongoro Hochland kommen wir an einem umgekippten Lastwagen vorbei. Vor drei Tagen hatte er sich in einer Kurve überschlagen. Unmittelbar danach passierten wir die Stelle. Die Insassen waren mit dem Schrecken davon gekommen und standen ratlos vor dem Wrack. Jetzt drei Tage später liegt es immer noch an der gleichen Stelle und da wird es vermutlich auch bleiben, bis die Natur es sich einverleibt. 

Die Straße in den Krater ist eine Einbahn. Hinunter geht es in endlosen holprigen Serpentinen, während der Weg, der auf der gegenüberliegenden Seite hinaufführt, gnädigerweise gepflastert ist. Hier sollen wir also unsere Nummer fünf treffen. Wo, wenn nicht hier. Hier oder nie bei dieser Safari. Alle sind sie da. Von A bis Z, von Antilope bis Zebra. Auch Flamingos sind ferne im Wasser zu sehen. Der Krater ist bedeutend kleiner als die Serengeti. Die Tiere können nur in den Regenwald nach oben ausweichen, was sie in der Trockenzeit auch tun. Doch vom Rhinozeros keine Spur. Fast haben wir die Hoffnung schon aufgegeben, da sichten wir zu guter letzt ein paar Exemplare in einiger Entfernung. Ich würde, was da unbeweglich im Gras liegt, für Steine halten. Doch Josef ist sich sicher und irgendwann erhebt sich einer der Kolosse und erweist sich als Spitzmaulnashorn. Na also! Ich hätte sie gerne näher gehabt, meine Kamera erfasst sie nur sehr unscharf, aber mit dem Fernrohr sehe ich jede Einzelheit. Sie gehören auch nicht gerade zu der Spezies, die einen Schönheitswettbewerb gewinnen, aber imposant sind sie allemal.

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Bevor wir den Krater verlassen, plustert sich noch ein Kranich auf, als wollte er uns zeigen, dass auch er etwas zu bieten hat. 

Langsam ziehen dunkle Wolken auf und auf dem Weg zum Tarangire zwingt uns ein Wolkenbruch fast zum Anhalten. Es schüttet aus Eimern. Die Straße verwandelt sich in einen reißenden Fluß, man sieht keine fünf Meter. Auch Ende Januar scheint die Regenzeit noch immer nicht vorbei zu sein.

Dementsprechend unter Wasser sind die tieferen Stellen im Park. Der Tarangire NP ist bekannt für seine Elefantenherden. Haben wir bisher nur vereinzelt welche gesehen, wird unser Jeep jetzt geradezu umzingelt. Zum ersten Mal wird mir etwas mulmig zumute. Es sind mehrere Muttertiere mit Jungen dabei und sollten sie sich bedroht fühlen, wäre es ihnen ein leichtes, den Wagen umzuwerfen. Ein kleiner Schubs und wir landen alle im Graben, nachdem wir kurz auf dem Rüssel in die Luft gewirbelt worden sind. Wir sollen uns auf alle Fälle ruhig verhalten, was uns nicht schwerfällt, weil wir vor diesen graubraunen Riesen ehrfurchtsvoll verstummt sind. Nur in Sri Lanka bin ich einem Elefanten näher gekommen, als ich auf ihm geritten bin. Das war aber kein wildes Tier, sondern mehr oder weniger ein gezähmtes Haustier, das zum Touristentransport herabgewürdigt worden ist. 

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Auf dem Picknickplatz werden wir von Meerkatzen belagert. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit und die Banane oder das Brathuhn sind weg. Die rassistischen Meerkatzen hätten keinen Respekt vor Weißen, vor Schwarzen jedoch hätten sie Angst, meint Josef. Kunststück. Während wir unser Essen ängstlich festhalten, verjagt sie Josef erbarmungslos mit einem Stock. Die chinesischen Touristen am Nebentisch bleiben auch nicht verschont, sie amüsieren sich kichernd. Einer von ihnen verfolgt sie mit einem Teleobjektiv, das fast größer ist als er selbst. Dass er beim Fotografieren nicht vornüber fällt, ist ein Wunder. Die Meerkatzenmännchen  haben übrigens hellblaue Eier. So schöne Eier bekommt man selten zu Gesicht. Leider sind sie zu schnell, um sie ins Bild zu kriegen. Ein Tucan will ebenfalls ein paar Krumen abkriegen, fotoscheu ist er allerdings auch.

Was mich betrifft, bin ich in jeder Beziehung satt und ein bisschen des vielen Schauens und der Jagd nach Bildern müde. Doch es wird uns noch eine letzte Überraschung beschert: zwei Geparden in einigen hundert Meter Entfernung. Mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen. Dank eines meiner Mitreisenden, dessen Tele potenter als meines ist, kann ich hier auch ein Foto präsentieren.

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In unseren ersten Lodge empfängt mich Lilian mit einer Massage, Balsam für meine strapazierten Rücken. Auch mein Baumhaus steht wieder für mich bereit.

KWAHERI TANSANIA FESTLAND. MORGEN ZANZIBAR.

 

Hakuna Matata…

…heißt soviel wie: kein Problem, alles in Ordnung.

Am nächsten Tag brechen wir um 8h30 auf. Diesmal geht es in den Norden der Serengeti. Ich habe herrlich geschlafen, das Frühstück war reichlich und ich sehe der neuerlichen Rumpelpartie gefasst entgegen. Inzwischen weiß ich ja, was uns erwartet. Da wir wieder im selben Camp übernachten werden, haben wir weniger Zeitdruck. Nachdem wir den steckengebliebenen Jeep aus dem Schlammloch gezogen haben, erwartet uns bald die nächste Überraschung. Auf den Kopjes, die hin und wieder aus der Steppe ragen, liegen mehrere Löwenweibchen. Majestätisch hingegossen blickt das eine in die Weite, das andere schläft. Sie schauen so harmlos aus, wenn sie schlafen, dass man sie am liebsten streicheln würde. 

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Und plötzlich sehen wir drei bis vier Junge im Baum liegen. Sie schauen besonders entzückend aus, wie alle Babys, gleich welcher Kategorie. Das eine, scheint mir, hat gar blaue Augen. Durch Walkie-Talkies spricht es sich schnell herum und von allen Seiten strömen die Jeeps herbei. 

Es fehlen immer noch Leopard und Nashorn, um die Big Five komplett zu haben. Nashörner werden wir mit ziemlicher Sicherheit morgen im Ngorongoro Krater sehen, doch was den Leopard betrifft, macht uns Josef wenig Hoffnung. Sie lassen sich noch seltener beobachten als Löwen, denn sie sind Einzelgänger. Wenn sie zufällig auf Bäumen in Straßennähe liegen, besteht eine geringe Chance, wenn sie im hohen Gras unterwegs sind, keine. Und wieder haben wir Glück. In einiger Entfernung sehen wir mehrere Jeeps stehen. Ein gutes Zeichen. Als wir ankommen, hat das Objekt der Begierde leider gerade den Baum verlassen und ist im Gras untergetaucht. Doch wenig später entdecken wir es auf einem anderen Baum. 

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Die Sensation ist perfekt. Nummer vier! Fast eine Stunde stehen wir vor dem Baum. Inzwischen sind von allen Seiten an die zwanzig Jeeps angekommen, die um den besten Sichtplatz kämpfen. Der Leopard – es ist ein wunderschönes Weibchen – nimmt soviel Aufmerksamkeit gelassen hin. Sein langer Schwanz baumelt von einer Schirmakazie, die Läufe hat er ganz entspannt über einen Ast gelegt, elegant wie ein Fotomodell, das in einem bequemen Fauteuil sitzt und gelangweilt verschiedene Posen vor den Kameras einnimmt. Bedauerndes Seufzen, wenn er uns den Rücken zudreht, begeisterte Rufe, wenn er seinen Kopf wieder in unsere Richtung dreht oder sein markantes Profil zeigt. Klick, Klick, klick. Immer wieder frage ich mich, ob ich diese Besessenheit bescheuert finden soll oder ob es hingegen ein gutes Zeichen ist, dass Menschen solche Strapazen auf sich nehmen und meterlange Teleobjektive kaufen, um bestimmten Tieren nachzujagen. Da ich hier nichts anderes tue, entscheide ich mich für das zweite.

In einer größeren Wasseransammlung liegen einige Fluss- oder Nilpferde, kurz Hippos genannt. Meist sieht man nur ihre Rücken, ab und zu tauchen sie bis zu den Glubschaugen auf und spritzen Fontänen in die Luft, um ihre Haut feucht zu halten. Sie verlassen nur Nachts das Wasser. Denn obwohl sie eine dicke Haut haben, vertragen sie keine Sonne. Sie können sehr aggressiv und gefährlich werden. Warum sie nicht zu den Big Five gehören, bzw. warum man nicht von den Big Six spricht, frage ich Josef. Die Antwort ist einleuchtend: Elefanten hat man wegen Elfenbein gejagt, Nashörner, weil ihr Horn angeblich die Potenz fördert, Leoparden wegen ihres Fells, Löwen wegen ihrer Tatzen und Krallen und die Schädel der Büffel mit den imposanten Hörnern hat man sich als Trophäen an die Wand gehängt. Nur an Flusspferden hat man nichts gefunden, womit sich angeben ließe. Manchmal ist Hässlichkeit von Vorteil.

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Gnus

Weiter geht die Pirsch. Jetzt mag kommen was will, die begehrtesten haben wir bereits gesehen. Wieder queren Tausende von Gnus die Straße, wieder treffen wir unzählige Zebras. Neu sind heute Eiland und Springbock. Zierliche Thomsongazellen mit der schönen dunklen Zeichnung an den Flanken, die etwas größeren Grantgazellen, Kuhantilopen, Geier und Adler. Bei der Rast in der zentralen Serengeti-Station betteln Klippschläfer um Futter. So dick wie sie sind, kommen sie offenbar immer auf ihre Rechnung. Auch Spatzen haben sich eingefunden, wo sind die eigentlich nicht. Nicht vergessen will ich die unzähligen Schmetterlinge, die uns begleiten, obwohl Blüten in der Serengeti eher selten sind. 

Abends am Lagerfeuer tauschen wir bei Safari-Bier unsere Erlebnisse aus.

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Eland Antilopen

 

SERENGETI

SAFARI –  Hitze, Staub und Tse-Tse- Fliegen.

Warum man sich das antut? Gute Frage. Um Tiere, die wir nur aus dem Zoo kennen, einmal in freier Wildbahn zu erleben? Um die berühmten Big Five, wenn schon nicht mit dem Gewehr, wenigstens mit der Kamera abzuschießen? Um einmal das Gefühl zu haben, das in „Out of Africa“ oder in den Geschichten von Hemingway beschrieben wurde? Es sind Erzählungen, Dokumentationen und Filme von Weißen, die das Bild von Afrika geprägt haben. Kann ich überhaupt einen unvoreingenommenen Blick haben? Die Lodges und Camps tun alles, um uns das Ambiente der früheren Unterdrücker zu vermitteln. Sie bieten mehr Luxus als nötig wäre. Sind Touristen die neuen  Kolonialherren? Ich kann nur hoffen, dass unser Reisegeld wenigstens zum Teil denen zugute kommt, die es so notwendig brauchen.  

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Mein Heim in der Serengeti

Am Nachmittag überschreiten wir die Grenze zur Serengeti, genau heißt sie allerdings Sirenget, was soviel heißt wie „weites Land“ in Masai-Sprache. Eine unendliche, flache Grassteppe mit vereinzelten Felsbrocken, die sogenannten Kopjes, die wie vom Himmel gefallen scheinen, liegt vor uns. Das Gras ist grün und einigermaßen hoch und ich kann mir nicht vorstellen, viele Tiere zu sehen, am allerwenigsten Löwen. Garantie gibt es ohnehin keine. Die Serengeti ist riesig (knapp 15 000 Quadratkilometer), warum sollten sie sich ausgerechnet in der Nähe der Straßen aufhalten? Doch wir haben wider Erwarten Glück. Unmittelbar neben der Straße liegen zwei Löwenweibchen mit einem Jungen und ein Männchen. Sie schlafen. Die Weibchen räkeln sich, drehen sich auf den Rücken und zeigen uns ihre hellen Bäuche mit den Zitzen. Gähnend strecken sie die Beine (oder sagt man Läufe?) hoch, wo sie in der Luft verharren. Wir warten darauf, dass sich eines der Tiere erhebt. Inzwischen haben sich auch andere Jeeps eingefunden, es spricht sich schnell herum, wo es etwas zu sehen gibt. Wir warten noch immer, die Kameras im Anschlag. Lächerliche Aufforderungen wie „ hallo, aufwachen, herschauen“ und lockende Laute können wir uns nicht verkneifen. Endlich geruht der König der Tiere, sein mächtiges Haupt zu heben.

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Die Kameras klicken. Den Löwen interessiert das nicht. Er gönnt uns nicht einmal einen Blick. Selbst, als er einmal in unsere Richtung schaut, sind seine gelben Augen ausdruckslos und gelangweilt. Was „denkt“ er, wenn er uns sieht? Der Jeep hat vier Beine, alias Räder, vielleicht hält er uns für etwas merkwürdige Elefanten. Würden wir Zweibeiner aussteigen, wäre es etwas anderes. Zweibeinige Tiere, die keine Vögel sind, gibt es nicht in der Steppe. Obwohl es nicht unbedingt gesagt ist, dass sie uns gleich anfallen und fressen würden – es kommt darauf an, wie groß im Moment ihr Appetit ist -, sollten wir es besser nicht drauf ankommen lassen. Verglichen mit anderen Tieren ist die Zahl der Löwen gering, trotzdem sollten es nicht die letzten bleiben, die wir zu Gesicht bekommen. Einige Meter weiter liegen drei Weibchen im Gras. 

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Sie liebkosen einander, lecken sich gegenseitig ab, natürlich unbeeindruckt, dass sie von uns beobachtet werden. Wir können unser Glück kaum fassen. Es soll Safaris geben, so Josef, wo nicht ein einziger Löwe gesichtet wird. 

Es folgen eine Elefantenherde, Tausende Zebras und wandernde Gnuherden, Giraffen, Kuhantilopen, Impalas, Gazellen, Schakale und zahlreiche Vögel in schillernden Farben. Perlhühner mit ihren Jungen laufen panisch vor unserem Auto her, bis sich die Mutter mit ihrer Kinderschar endlich ins Gras flüchtet. Klippspringer, unseren Gemsen ähnlich, stehen auf den Kopjes und blicken ins weite Land. Mangusten flüchten vor uns und hinterlassen eine Spur im Gras. Sogar Paviane, die sich lieber in der Nähe von Menschen aufhalten, begegnen uns. 

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Eine Wildkatze steht mitten auf der Straße, eine schwangere Hyäne schleppt sich müde vorbei. Der Sekretär, ein Vogel mit schwarzen Leggins und auffälligem Kopfschmuck, stakt durch die Gegend. Es gibt soviel zu sehen, sodass wir glücklicherweise immer wieder von der  anstrengenden Fahrt abgelenkt werden. Denn nachdem wir die Hauptpiste, die die Serengeti bis nach Kenia durchquert, verlassen haben, kann man nicht mehr von Straßen sprechen. 

„Die Straße, wenn man sie so nennen will, besteht aus Myriaden von Schlaglöchern, Schlammrillen, Kratern und Wasserlachen, die stellenweise zur Größe von Fischweihern angeschwollen sind.“(Bartholomäus Grill in „ Ach, Afrika“)

Diese Zeilen beschreiben genau, was wir hier vorfinden. Die mit Schlamm und Wasser gefüllten Furchen, Steinbrocken und zerbrochenen Brücken erlauben eine Höchstgeschwindigkeit von 5 bis höchstens 20 km/h. Auf etwas besseren Abschnitten gibt Josef Gas. In beiden Fällen werden wir kräftig durchgeschüttelt. Ich habe das Gefühl, als würden mir die Eingeweide hochkommen und der Schädel zerplatzen. Auf den Rücksitzen, die sich über den Hinterrädern befinden, ist es besonders schlimm. Wir wechseln mehrmals die Sitzordnung, manchmal setze ich mich neben den Fahrer, damit in der letzten Reihe niemand sitzen muss. Allerdings will Josef vorne das Dach nicht öffnen, sodass ich wieder nach hinten klettern muss, um die Tiere besser beobachten und fotografieren zu können. Eine volle Blase ist zusätzlich von Nachteil, denn Aussteigen ist nicht ratsam. Inzwischen ist die Grassteppe in eine Baumsteppe übergegangen und jetzt beginnt die Plage der Tse-Tse Fliegen. Bevor wir alle Fenster und das Dach schließen können, haben sie sich schon auf uns gestürzt. Sie sehen aus wie Bremsen und sind wie sie Blutsauger. Leider können sie auch die Schlafkrankheit übertragen. Ich trage glücklicherweise lange Hosen und langärmelige Blusen. Doch stechen sie auch schon mal durch Stoff. Jeder von uns schlägt wild um sich, um die Biester zu zerquetschen. Auf den Scheiben klebt unser Blut.

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Sie ist müde von der Jagd. Denn es jagen nur die Weibchen, während sich die Männchen bedienen lassen. Das haben die Afrikaner offenbar von ihnen übernommen. Afrika würde ohne die Arbeit der Frauen größtenteils zusammenbrechen.

Die mühselige Fahrt nimmt und nimmt kein Ende. Wir passieren mehrere Camps, aber unseres scheint  inzwischen in unerreichbare Ferne gerückt. Auch Josef ist am Ende seiner Kräfte. Zu guter letzt müssen wir noch ein besonders heikles Schlammloch durchqueren. Wie tief ist das Wasser? Können die Räder im Schlamm Halt finden oder drehen sie durch? Josef macht es spannend. Steigt aus. Prüft die Reifen. Steigt wieder ein und fährt los. Wir schwimmen hin und her. Einen Augenblick sieht es so aus, als würden wir feststecken. Doch Josef schafft es. Dieses Erfolgserlebnis macht ihn wieder munter. Am nächsten Morgen sollte ein Jeep, der vor uns unterwegs ist, ebendort steckenbleiben. Sie haben Glück, dass wir in der Nähe sind und sie mit einem Seil rausziehen. 

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Ich frage mich, warum die Wege nicht besser präpariert sind. Warum es nicht eine Art Strassendienst gibt, der die schlimmsten Löcher mit Schotter ausfüllt oder Hilfsbrücken legt. Gehört das etwa zum authentischen Abenteuer Safari?

Nach 10 Stunden Fahrt inklusive zwei kurzen Pausen kommen wir endlich in unserem Camp an;  müde, gerädert und von Tse-Tse-Fliegen zerstochen, trotzdem glücklich, endlich am Ziel zu sein und bereits Löwen – Big Five Nr. 3 – gesehen zu haben. Fehlen noch zwei. Dass wir am nächsten Tag wieder viele Stunden auf die Pirsch gehen werden, begeistert mich im Moment allerdings wenig. 

Die Zelte im Camp lassen keinen Luxus vermissen. Sie sind geräumiger als die Lodge der letzten Nacht, haben Dusche und WC. Sogar warmes Wasser und Strom wird uns dank Solarenergie angeboten. Ich habe ein Zelt für mich alleine. Zum Abendessen, bei dem auch hier in der Wildnis auf schön gedeckte Tische wert gelegt wird, besucht uns ein junger Schakal. Nachts heulen Hyänen um unsere Zelte.

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Hyäne mit Thomsengazelle und Zebras

 

 

IM DORF DER MASAI

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Acht Uhr Abfahrt. Pünktlich. Josef kennt kein pole pole. Wir fahren durch den Regenwald zum Ngorongoro-Kraterrand in 2300m Höhe hinauf, vorbei am Grab von Michael Grzimek – Sohn von Bernhard Grzimek -, der mit 25 Jahren in der Serengeti mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Der Kraterrand legt sich wie ein Schutzwall kreisförmig um den 800m tieferen Krater, der eine Fläche von 27.000 Hektar hat. Der Blick nach unten ist uns anfangs durch Nebel verwehrt. Vor Millionen von Jahren ist hier ein Vulkan kollabiert. Auf dem Rückweg aus der Serengeti werden wir in den Kraterboden hinunterfahren, der ebenfalls ein Nationalpark und ausschließlich wilden Tieren vorbehalten ist. Die hochgelegene hügelige Baumsteppe ist zwar naturgeschützt, doch darf sie besiedelt werden. Hier leben ausschließlich Menschen vom Stamm der Masai in ihren strohbedeckten Rundhütten. Auf meinen persönlichen Wunsch werden wir einem der Dörfer einen Besuch abstatten. Sattes Grün und rote Vulkanerde bilden einen schönen Kontrast in der Landschaft hier oben. Über die Gipfel der Akazien- und Chininbäume, zwischen den Sträuchern der Savanne, ragen die braungefleckten Hälse der Giraffen. Auch Impalas und Grantgazellen streifen durch das hohe Gras. 

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Habe ich noch gestern bedauert, dass die Kultur der Masai wie die aller anderen Stämme vom Aussterben bedroht ist, bin ich nach dem Besuch etwas anderer Ansicht. Wir sind nicht angemeldet und als wir uns mit dem Auto nähern, laufen uns die ersten Männer und Kinder entgegen. Touristenbesuche, die ihr Einkommen etwas aufbessern, sind für sie keine Seltenheit. Natürlich sind wir willkommen. Der Dorfvorsteher – er spricht ein bisschen englisch – nimmt jedem von uns 10 Dollar ab und führt uns zum Eingang des Dorfes. Es sind etwa 20 strohbedeckte Rundhütten, die im Kreis angeordnet und von einem Wall aus stacheligen Ästen der Akazien und dem Strauch des Christusdorn zum Schutz vor wilden Tieren umgeben sind. Zuerst führen die Männer eine Art Tanz auf, der mehr oder weniger aus Hüpfen besteht. Die mit Glasperlenschmuck behängten Frauen stehen in einer Reihe daneben und singen.

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Soweit das Programm, bei dem wir aufgefordert werden, mitzuhüpfen. Was wir auch tun. Mehr, um ihnen eine Freude zu machen, scheint mir, denn uns. Doch mich interessiert vor allem das Dorf selbst. Ich möchte sehen, wie sie leben. Einer der Männer führt mich in seine Hütte. Wie alle anderen auch besteht sie aus einem Gerüst aus Zweigen und Bambus, das mit Kuhmist und Lehmerde zusammengehalten wird. Es ist Aufgabe der Frauen, diese Hütten, die in der Regel jedes Jahr erneuert werden müssen, zu bauen.

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Überhaupt scheint das meiste Aufgabe der Frauen zu sein. Sie holen Wasser von weit her – nicht alle besitzen einen Esel, der ihnen die schwere Last abnimmt. Ich habe unterwegs viele Frauen und auch Kinder mit Kanistern gesehen; sie sammeln Holz und schleppen riesige Bündel über weite Strecken auf ihren Köpfen; sie kochen, basteln Schmuck aus Perlen und Kuhleder, die die Männer zum Verkauf anbieten, und bringen zwischen 8 und 10 Kinder zur Welt, von denen die meisten das fünfte Lebensjahr nicht überleben. Zu sagen haben sie allerdings nichts. Sie haben keinerlei Rechte, ja sie werden nach wie vor beschnitten, obwohl das offiziell verboten ist.

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Das Innere der Einraum-Hütte, deren Eingang man sich wie die Öffnung eines Schneckenhauses vorstellen muss, wird von je einer Familie bewohnt, die zehn Personen und mehr zählen kann. In der Mitte befindet sich eine Feuerstelle, deren Glut nie erlischt. Darüber, auf einer Art Regal, liegt gestapeltes Kochgeschirr aus Blech. Eine Holzwand trennt ein kleines Abteil für die Kinder von der großen Schlafstelle der Erwachsenen, die sich auf einem etwa 20cm hohen Holzgestell über dem Erdboden befindet und mit einer Kuhhaut bedeckt ist. In der Trockenzeit würden sie – ich nehme an, er meint die Männer – ohnehin im Freien schlafen, sagt er. Ihre Herden müssen nachts vor wilden Tieren beschützt werden, denn für letztere gibt es keine Grenzen zwischen Naturschutzgebiet und Nationalpark. Ziegen und Schafe sind eine leichte Beute für die Fleischfresser unter ihnen.

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Der Herr des Hauses – seine Schwester musste bei meinem Eintritt die Hütte verlassen – zeigt mir stolz sein Reich und beantwortet bereitwillig meine Fragen. Er versteht und spricht etwas englisch. Das Hauptnahrungsmittel ist Fleisch. Vor allem von Ziegen und Schafen. Neben der Feuerstelle entdecke ich zwei kleine Zicklein. Was ich zuerst für niedliche Haustiere gehalten habe, ist offenbar das heutige Abendessen. Frischer geht’s nicht. Da Trinkwasser rar ist und gekauft werden muss, trinken sie Milch, manchmal gemischt mit Tierblut. Das mache stark, meint er stolz. Maisbrei in kleinen Mengen rundet den Speiseplan ab, der keinerlei Gemüse oder Obst enthält. Alkohol ist ebenfalls tabu. Offenbar kann man mit dieser LowCab-Diät gut und gesund überleben. Jedenfalls habe ich noch keinen einzigen dicken Masai gesehen. Auf meine Frage, ob er dieses Leben liebe oder ob er lieber etwas anderes möchte, antwortet er, das sei das Leben, das er wolle, und kein anderes. Ich glaube ihm. Leider kann ich den Frauen nicht die gleiche Frage stellen, sie sprechen kein Englisch und sind scheu. Ob sie mir die gleiche Antwort geben würden, bezweifle ich.

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Selbst die Lehrerin, die die kleinen Kinder des Dorfes unterrichtet, hat Angst oder keine Lust, mit uns zu sprechen. Kinder unter sechs Jahren bekommen im sogenannten Kindergarten ein wenig Unterricht. Stolz zählt ein Bub – er ist offenbar der Klassenbeste – von 1 bis 30 auf englisch und nennt alle Buchstaben. Wenn sie älter sind, müssen sie Schaf- und Ziegenherden hüten. Trotz allgemeiner Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr halten sich die traditionell lebenden Masai kaum daran. Selbstverständlich gibt es auch andere. Vor allem die, welche in der Nähe einer Stadt leben, sind aufgeschlossener, schicken ihre Kinder in die Schule und üben neben der Viehzucht einen Beruf aus. Doch hier im Ngorongoro Hochland leben sie wie seit Jahrhunderten. 

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Die Führung ist vorbei, einige von uns haben etwas zu überteuerten Preisen gekauft, nun sitzen die Männer wieder unter den Bäumen. Die älteren links vom Dorfeingang, die jüngeren rechts. Ich zeige ihnen die Fotos, die ich gemacht habe, was sie sehr zu amüsieren scheint. Die Frauen sind verschwunden, sie gehen weiter ihrer Arbeit nach. Um noch einen wesentlichen Teil ihres Lebens kennenzulernen, frage ich nach einer Toilette. Sie liegt etwas außerhalb des Dorfes ( ob sie dort auch nachts hingehen?) und ist bestechend einfach. Eine Hütte, drinnen ein Loch mit einigen Steinen rundherum.

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Gewiss war der Besuch äußerst interessant. Doch vor allem, was die Frauen betrifft, bin ich mir nicht mehr sicher, ob diese Kultur heutzutage unbedingt erhaltenswert ist.

Alles, was ich hier schreibe, setzt sich aus den Informationen unseres Guides, den Auskünften der Masai selber und meinen persönlichen Eindrücken zusammen. Wie weit sie der Realität entsprechen, kann ich nicht beurteilen.

Beim Picknick unter einer Schirmakazie mitten in der Ngorongoro Steppe entdecken uns Masaikinder, die in der Nähe ein Herde hüten. Langsam kommen sie näher und bleiben mit gebührendem Abstand stehen. Sie wissen, dass sie von unseren Lunchpaketen etwas abkriegen. Schokolade, Lollys, Fruchtjoghurt, Bananen. Es ist rührend zu sehen, wie sie eifrig einen Kreis um das Geschenkte bilden und es laut diskutierend  verteilen. Eines der Mädchen hat ein Baby auf dem Rücken. Im Eifer des Gefechtes schaukelt der Kopf des armen Kindes hilflos hin und her und es fängt zu weinen an.

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JAMBO, JAMBO

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Josef ist unser Fahrer und Guide für die nächsten fünf Tage. Wir durchfahren mehrere Dörfer bis Arusha, dann geht es weiter durch die Masai-Steppe, schließlich hinauf in den Nationalpark Manyara. Die Straße ist leidlich asphaltiert, der Verkehr dicht. Privatautos sieht man wenige, die meisten sind Safari-Jeeps, Mietautos, ein paar LKWs und öffentliche Busse, die Schwaden schwarzer Rußwolken auspuffen. Die meisten Menschen sind zu Fuß unterwegs: Frauen mit schweren Lasten auf ihren Häuptern, Kinder, die zur Schule gehen, Masai in ihren rot-schwarz-karierten Umhängen mit den traditionellen Stöcken. Taglöhner schneiden das Gras am Straßenrand mit einer weichen Machete. Ein Elefant hat sich bis an die Straße verirrt und zerlegt genüsslich einen Baum.

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Markt in Moskito Town

In der flachen Steppe grasen die Herden der Masai: Zeburinder, Ziegen und Schafe. Ihr Stamm lebt immer noch hauptsächlich von der Viehzucht. Die Bilder, die sich für immer bei mir einprägen werden, sind der Masai, der gestützt auf seinen Stock, die Beine überkreuzt, am Straßenrand die Herde hütet; schlank, groß gewachsen, runder blanker Kopf;  kleine Kinder und manchmal auch Frauen, die im Gras sitzen und jedem vorbeifahrenden Auto zuwinken. Die Masai sind traditionell nomadische Viehzüchter, doch mit dem Nomadentum ist es in Tansania vorbei. Die Gebiete, durch die sie früher mit ihren Herden auf der Suche nach Wasserstellen zogen, sind inzwischen zu Naturreservaten oder Nationalparks umgewidmet. In der Trockenzeit sterben viele Rinder und ihre wichtigste Einkommensquelle fällt weg. Sie werden daher angehalten, zusätzlich Landwirtschaft zu betreiben. Das wird auf lange Sicht ihre Kultur verändern. Der ehemals kriegerische Stamm ist geschickt im Umgang mit Speeren. Das Jagen wilder Tiere ist jedoch verboten, immerhin können sie sich im Notfall gegen sie verteidigen.

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Nationalpark Manyara ist bekannt für seine Löwen, die auf Bäumen liegen. Der Park ist zwar relativ klein – verglichen mit der Serengeti – aber die Löwen tun uns nicht den Gefallen, in Sichtweite auf einem Baum zu liegen. Doch es gibt genug andere Tiere zu sehen. Jede Menge Affen, vor allem Paviane mit ihren blanken Hinterteilen. Sie belagern die Straßen und bewegen sich kaum von der Stelle, wenn die Jeeps kommen. Meerkatzen, Zebras, Gnus, Gazellen, Impalas, Büffel, Warzenschweine. Zwei der Big Five – Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Büffel – haben wir also schon am ersten Tag mit unseren Kameras abgeschossen. Die Big Five heißen so, weil sie am schwersten zu Fuß zu jagen sind, bzw. waren. Sie sind auch die gefährlichsten, wenn auch nicht unbedingt die größten.

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Besonders schön finde ich Zebras, sie haben die schönsten Hinterteile, die ich bei Tieren je gesehen habe. Außerdem gibt es zahlreiche Vogelarten, Josef kennt sie alle beim Namen. Nur leider merke ich mir kaum welche. Wir stören einige Geier beim Mittagessen, sie zerlegen gerade ein totes Zebra, an einer Wasserstelle liegen träge Büffel im Gras, während flamingoähnliche Vögel im Wasser herumstelzen, Strauße, Reiher, Störche. Hierher fliegen sie also, wenn sie das Burgenland verlassen.

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Im Park liegt auch der Manyara See. Zur Hälfte ist er naturgeschützt, die andere Hälfte darf von den Masai zur Tiertränke benutzt werden. Groß genug ist er, eine unüberschaubare Fläche schokoladenbraunen Wassers. Unter einer gewaltigen Schirmakazie mit Blick auf den See lassen wir uns zum Picknick nieder. 

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Am Manyara See

Um unsere nächste Lodge zu erreichen, biegen wir von der Hauptstraße in einen Weg, den man nur mit höchstens 20 h/km befahren kann, will man nicht an Gehirnerschütterung sterben. Doch es soll noch bedeutend schlimmer kommen, warnt uns Josef. Die Serengeti wird von Wegen durchzogen, die man nur mit viel Glück und Geschick befahren kann. Ich sitze in der vordersten Reihe, und da ich morgen jemand anderem aus der Gruppe den Vortritt lassen werde, mache ich mich schon auf eine stundenlange Rüttelpartie gefasst.

Die Endoro Lodge liegt direkt neben dem Naturreservat Ngorongoro in einer Höhe von 1500 m. Auch hier gibt es einen Swimmingpool. Außer mir nutzt ihn aber niemand. Ich brauche unbedingt Bewegung, Safari heißt tagelanges Sitzen im Jeep.

Wieder werden wir freundlich mit Fruchtsaft und heißen Tüchern empfangen, junge Masai bringen unser Gepäck in die Zimmer. Die Lodge liegt auf einem Berghang, umgeben von Regenwald, die Wege zwischen den einzelnen Unterkünften sind steil. 

Im Speisesaal sind die Tische aufwendig gedeckt. Wasser-, Wein-, und Biergläser, Stoffservietten, Kerzen, Tischtücher mit Zebramuster. In einem Sternerestaurant könnte es nicht edler aussehen. Leider entspricht die Qualität des Essens nicht ganz. Der Fisch ist ein trockener Ziegel und das Bananenmus ungenießbar süß. Aber man kann schließlich nicht alles haben.

 

 

Tansania

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Mount Meru

Das Hauptingredienz aller Reiselust ist die vibrierende Neugier nach nie erfahrener Menschlichkeit“ ( Thomas Mann)

Its a long way to Tansania…

Nach Fischamend ist es freilich näher. Die Reiseunlust scheint – oder zumindest schien – ein typischer Wiener Charakterzug zu sein. Nicht nur Travnicek raunzte über das Reisebüro, das ihn vermittelt hatte, auch in einem berühmten Wienerlied heißt es:

Vor Afrika warnt an a jeder, der‘s kennt.

Fallet I so an Negahendler durt in die Hend,

Beschmiert mi mit Kienruaß, Betrug gschiecht jo gnua,

Mischt mi eini unter‘d andern, verkauft mi ois Muhr.

Sowas ging ma ob vor mein End

Na, I foa nur bis Fischamend…“ ( unweit von Wien)

Auf mich trifft das keineswegs zu, doch auf lange Flüge in der Economy Class könnte auch ich gerne verzichten. Ethiopian Airline mit ausgesprochen unhöflichen Flugbegleiterinnen, deren Englisch total unverständlich ist, macht überraschend einen Zwischenstopp in Rom, um den Flieger bis zum letzten Platz voll zu kriegen, was mehrere Stunden Aufenthalt bedeutet. Grundsätzlich lobenswert; wenn er schon die Luft verpestet, dann wenigstens vollbesetzt. Nur verlängert sich auf diese Weise die Flugzeit nach Addis Abeba von sechs auf zehn Stunden. An Schlafen ist nicht zu denken, denn um 3h früh gehen sämtliche Lichter an und den zugestiegenen Gästen wird eine Mahlzeit serviert. Abendessen oder Frühstück? Ein müdes Lächeln der Stewardess beantwortet auch diese Frage nicht. Leider war auch mein Fernseher kaputt. Wir haben bereits zwei Stunden Verspätung und meinen Anschluß in Addis Abeba werde ich wohl verpassen, zumindest  meine Reisetasche wird die nächste Nacht in Äthiopien verbringen müssen. Doch der Anschluss lässt sich ebenfalls Zeit, wir sind schließlich in Afrika. „Pole Pole“, was so ähnlich klingt wie „pomali“ und das gleiche bedeutet.

Kilimanjaro empfängt mich mit 29 Grad und schwüler Gewitterstimmung. Auch hier spielt das Wetter verrückt wie überall auf der Welt. Normalerweise ist jetzt Trockenzeit, doch es regnet beinahe jeden Tag. Gut für die Tiere und Viehzüchter, schlecht für die Touristen.

Jetzt treffe ich meine vier Mitreisenden, ein junges Paar aus Bayern und ein älteres aus Stuttgart. Gemeinsam geht es in die erste Lodge. Wir werden herzlich mit Obstsaft und heißen Tüchern empfangen. Meine Unterkunft ist ein entzückendes Baumhaus, eine Mischung aus Zelt und ein paar festen Mauern aus Lehm. Statt Türen gibt es Reißverschlüsse. Eine Terrasse geht über in die üppige tropische Vegetation. Das riesige Bett mit Moskitonetz und der kleine Spiegeltisch lassen bereits Safari-Feeling aufkommen. Die anderen wohnen in festen Bungalows, meines ist etwas besonderes. Ein bisschen umständlich ist es, das doppelte Reißverschlusssystem zu bedienen, zumal auch das Badezimmer damit abgeschlossen wird, da es oben zu den Seiten offen ist. Das Licht über dem Eingang lockt unerwünschte Viecher an. Aber auch schöne.

Einmal fällt mir ein riesiger Schmetterling auf den Kopf. Es ist alles vorhanden, was man braucht, sogar warmes Wasser. Leider ist auch der Piccolosekt, der neben einem Obstteller als Gruß zum Empfang bereitsteht, warm. Dagegen ist der Swimmingpool mit Blick auf den Mount Meru angenehm kühl, der Berg leider durch Wolken verhangen. Ich bin todmüde und als die Rezeptionistin mir eine Massage anbietet, könnte ich sie umarmen.

Nach einem ganz passablen Abendessen falle ich ins Bett. Nachts mischen sich ungewohnte Tierlaute in meine Träume, starker Regen trommelt auf das Zeltdach. Ich bin in Afrika…

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Mein Baumhaus

 

Biennale di Venezia

MAY YOU LIVE IN INTERESTING TIMES ist das diesjährige Motto. Vier Tage werde ich hier sein. Ich habe also ausreichend Zeit, mir in Ruhe die zwei wichtigsten Ausstellungsorte Arsenale und Giardini anzusehen. Einige meiner Freunde, mit denen ich schon einige Male die Biennale besucht habe, machen sich immer lustig über mich, wie ausführlich und lange ich mir jedes einzelne Kunstwerk ansehe. Ich lese meistens auch alles, was darüber geschrieben steht. Natürlich ist nicht alles interessant, aber ich finde, die Künstler haben ein Recht, dass man sich mit ihrer Arbeit auseinandersetzt. Diesmal hat sich Ausstellungsleitung auf sozialkritische und politische Themen konzentriert, Schwarze, Frauen und Queere – auch eine behinderte Künstlerin – sind überdurchschnittlich vertreten. Ein lobenswerter Ansatz. Doch wirklich berührt haben mich in dieser Hinsicht vor allem die Fotoporträts des Inders Soham Gupta. Die nächtlichen Aufnahmen der Gestrandeten in Kalkutta sind ein erschütterndes Ecce Homo.

Auch die Gemälde und Zeichnungen des Afrikaners Michael Armitage über die Revolution in Kenya beeindruckten mich.

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Der bedenkliche Zustand der Welt und apokalyptische Zukunftsvisionen in Videos und Installationen deprimieren in dieser Dichte und sind künstlerisch nicht immer überzeugend. Hier noch ein paar gelungene Beispiele.

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Ein weißer Gang im gleißendem Licht eines japanischen Künstlers
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Skulptur von Enrico David
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Gemälde einer schwarzamerikanischen Künstlerin
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Von Messern aufgespießte Rosen von Renate Bertlmann. Österreichischer Pavillon.
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Das Ende der Bibliothek. Neuseeland Pavillon

Entspannter und weniger anspruchsvoll die Skulpturen in den Parks rund um Giardini.

Fast könnte man die monumentale Privatjacht des russischen Milliardärs Andrei Melnitschenko am Kai auch für ein Kunstwerk halten. Der glatt polierte Dreimaster –  Wert 600 Millionen Dollar – sieht aus wie ein Jumbojet, der sich versehentlich ins Wasser verirrt hat. Ein größerer Kontrast zum Thema der Biennale lässt sich nicht denken.

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Der israelische Pavillon verdient eine besondere Erwähnung. Normalerweise bin ich nicht sehr erfreut, wenn man sich anstellen oder, wie in diesem Fall, sogar eine Nummer ziehen muss, um nach langer Wartezeit endlich in den Genuss der Performance zu kommen. Doch diesmal hat das ganze Methode. CARE NEEDS TIME. Das mit einem blauen Kreuz versehene mobile Krankenhaus hat sich zur Aufgabe gemacht, Krankheiten der Gesellschaft zu heilen, bzw. sie zumindest zu thematisieren. Wenn die eigene Nummer endlich aufgerufen wird, hat man die Wahl zwischen vier verschiedenen Krankheiten: Kindesentführung, Kindesmissbrauch, das Palästinenserproblem und…das vierte habe ich vergessen. Ich wähle das Palästinenserproblem. Dann wird man gebeten, sich Plastikhüllen über die Schuhe zu ziehen und im ersten Stock Platz zu nehmen. Dort sind drei Kabinen, vor denen man erneut wartet, bis man dran kommt. In der isolierten Kabine wird man aufgefordert, zu schreien. So laut und so lange man kann. Zu schreien, wie es sonst nie und nirgends erlaubt ist. So erleichtert begibt man sich in den zweiten Stock. Eine Krankenschwester weist einem einen Behandlungsstuhl zu, vor dem ein Monitor angebracht ist. Man bekommt Kopfhörer und jetzt wird zum gewählten Thema ein Video gestartet. Ich erwarte eine Diskussion oder ein Manifest eines Palästinensers. Stattdessen erscheint ein Mann mit einem Schafskopf. Der Künstler will oder muss anonym bleiben. Nach wenigen Worten beginnt er wortlos zu masturbieren. Es dauert mindestens fünf Minuten bis er zum Orgasmus kommt, in denen ich zwischen Abwehr, Ekel und Empörung schwanke. Der dumm lächelnde Schafskopf bewegt sich dabei im Rhythmus der Erregung. Am Ende lüftet der Mann den unteren Teil der Maske und spuckt dem Betrachter ins Gesicht. Es folgen unartikulierte Schaflaute, aus denen sich allmählich das Wort HOME heraushören lässt. Soweit die Vorstellung. Nun kann man mittels Schalter eine Second Opinion von Fachleuten anklicken. Eine Psychoanalytikerin analysiert das Geschehen und erzählt dazu eine Geschichte, die sie selber erlebt hat. Sie pflegte oft in einem Restaurant in Tel Aviv zu essen, wo es besonders gutes arabisches Auberginenpüree gab. In der Küche arbeiteten illegal Palästinenser, die auch in der Nacht dort schliefen. Der jüdische Besitzer des Restaurants verdächtigte sie des Diebstahls und ließ eine Kamera in der Küche anbringen. Wie sich herausstellte, wurde nichts gestohlen, doch die Köche masturbierten in das Auberginenpüree, was diesem offenbar das unvergleichlich beliebte Aroma verlieh. Ich habe über dieses Ereignis noch lange mit meiner israelischen Freundin telefoniert. Man kann nicht behaupten, dass diese Performance der israelischen Künstlerin Aya Ben Ron ihre Wirkung verfehlt hätte. Ich enthalte mich jeder Interpretation und sage nur soviel: wenn Worte nichts mehr zustande bringen, provozieren vielleicht andere Entäußerungen mehr Aufmerksamkeit. Zyniker israelischer Seite mögen sagen: besser Sperma als Bomben, auf arabischer Seite: schade um die vielen verlorenen Kinder, mit denen wir noch schneller den Israelis zahlenmäßig überlegen sein werden.

Weiters positiv in Erinnerung geblieben sind mir der Belgische Pavillon mit traditionellen Figuren, liebevoll als Puppen arrangiert, der russische mit einem Marionettenballett und einer eigenwilligen Hommage an die Hermitage, ärgerlich oder komplett aus meiner Erinnerung verschwunden sind der deutsche, französische und britische Beitrag. Einige Videos mit animierten Figuren waren spannend, andere wiederum überflüssig. Alles in Allem: ich habe schon interessantere Biennalen gesehen.

Doch der Star und die beste Kunstinstallation aller Zeiten ist und bleibt Venedig selbst. Auch wenn es von Touristen überrannt wird, es zu versinken droht, die Preise wieder exorbitant gestiegen sind und inzwischen auch meine chinesischen Freunde die Stadt überschwemmen. Sie ist und bleibt einzigartig.

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