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Aus der ruhigen Idylle der Nuratauberge geht es zurück in die Großstadt Samarkand mit ihrer wechselhaften Geschichte. Schon vor der Eroberung durch Alexander dem Großen gab es hier eine Stadt mit 400 000 Einwohnern. Afrosiyob bzw. Maraqanda, damals Hauptstadt der persischen Provinz Sogdien, die dem Glauben der Zoroastrier angehörten, einer monotheistischen Religion. Im 4.Jhdt. v.Chr. verbrachte Alexander hier drei Jahre. Er war nicht nur von dieser blühenden Stadt begeistert, sondern er verliebte sich in eine Frau namens Roxane. Auch der Wein, der hier kultiviert wurde, hatte es ihm angetan. Vielleicht war er der Grund für das allmähliche Ende seines kometenhaften Aufstiegs. Im Suff erschlug er seinen besten Freund und als er sich im nüchternen Zustand seiner Tat bewusst wurde, verging ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Lachen für den Rest seines Lebens, das nicht mehr lange dauern sollte. Trotzdem er ein charismatischer Führer und Redner war, gelang es ihm immer weniger, seine Truppen zu motivieren, zumal er auch Anzeichen von Hybris zeigte. Er verlangte, dass sich seine Leute vor ihm auf die Knie warfen, ein Brauch, der in dieser Gegend zwar üblich war, aber den stolzen Griechen gegen den Strich ging.

Marqanda hat eine 2800 Jahre alte Geschichte. Würde man von den heute sichtbaren Ruinen tief hinuntergraben— an einigen Stellen wurde das auch gemacht —, fände man Spuren bis zum persischen Zoriasterreich. Es folgten die Araber mit einer hochentwickelten Kultur und dem Islam, die Samaniden, bis schließlich die Mongolen die Stadt dem Erdboden gleich machten. Von den 400 000 Einwohnern haben nur 100 000 überlebt. Unter Timur wurde die Stadt wieder zur Hauptstadt seines Riesenreiches aufgebaut. Ein Eldorado für Archäologen. Doch die Usbeken, Jahrzehnte lang unter sowjetischer Herrschaft, wollen nicht gerne Fremde an ihre Kulturstätten heranlassen. Ihnen selbst fehlt allerdings noch das nötige Know How und wahrscheinlich auch das Geld, um hier umfangreiche Grabungen zu unternehmen, sodass es im anschließenden Museum nur wenige Exponate gibt. Darunter ein Wandgemälde aus einem Herrscherpalast, das jedoch ohne Schutz dem allmählichen Verfall ausgeliefert ist.

Im Gegensatz zu Xiva und Buchara, wo es eine relativ geschlossene Altstadt gibt, vermischen sich in Samarkand Altes und Neues. Gigantische Moscheen, Grabmäler und Medresen wechseln sich ab mit breiten Boulevards, ausgedehnten Parks und modernen Hochhäusern. Timur und sein Enkel Ulugbek haben die meisten Baudenkmäler hinterlassen. Während Timur ein größenwahnsinniges Zeichen seiner Macht nach dem anderen errichten ließ, widmete sich sein Enkel mehr der Wissenschaft, vor allem der Astronomie. Er ließ eine Sternwarte erbauen, in der sich unterirdisch ein Sextant befand, mithilfe dessen er ziemlich genau die Planetenbahnen und Sterne bestimmen konnte. Es heißt, wenn man sich tief genug unter der Erde befindet, kann man auch bei Tageslicht durch eine kleine Öffnung in der Decke die Himmelskörper beobachten. Seine Erkenntnisse waren den frommen Muselmännern aber ein Dorn im Auge und sie beschlossen, ihn zu töten. Im Schlaf sollte es sein. Durch ein Geräusch wurde Ulugbek aber wach und als er seinen Mörder erblickte, soll er aufgestanden sein und seinen Kopf geneigt haben, um ihm die Arbeit zu erleichtern.


Das Zentrum der Stadt ist der Registan mit dem dreiteiligen Ensemble von Medresen. Die älteste auf der linken Seite wurde von Ulugbek im 15.Jhrdt. in nur vier Jahren errichtet. Etwa 200 Jahre später entstand vis-a-vis die Sherdor Medrese und schließlich die Tillakori-Medrese in der Mitte. Diese drei umschließen einen riesigen Platz. Wenn man sich vorstellt, wie die damalige Stadt ausgesehen hat — niedrige Häuser zwischen engen Straßen —, dann kann man den Eindruck nachvollziehen, den die Weite und Pracht eines solchen Platzes auf die Bewohner gemacht haben mag.

Es ist Abend. Über Ulugbeks Medrese stehen Mond und Venus, die der Szenerie einen zusätzlichen Reiz verleihen. Vor zwei Tagen war der Ramadan zuende. Darauf folgen immer vier Ferientage, in denen die Gläubigen nachholen, worauf sie 28 Tage lang verzichten mussten. Die ganze Stadt, aber vor allem der Registan ist voll, voll, voll. Nur mit Mühe bahnen wir uns einen Weg durch die ausgelassene Menge aus Usbeken, Tadschiken, Tartaren, Kasachen, Kirgisen, Russen, Karakalpaken und was es sonst noch an Ethnien in Usbekistan gibt. Es wird enthusiastisch gefeiert, getanzt, Leuchtraketen steigen in den nächtlichen Himmel und — es wird ununterbrochen fotografiert. Die Einheimischen fotografieren einander, mal ist es eine Gruppe von ausschließlich Männern, die für ein Foto posieren, junge und alte, mal zeigen sich Frauen von ihrer besten Seite, ob in traditioneller oder moderner Kleidung, mal Paare, einige fotografieren sich hingebungsvoll selbst, und mit Vorliebe fotografieren sie alle ausländische Touristen. Wir wiederum fotografieren die Einheimischen und natürlich die Prachtbauten, die für eine Viertelstunde lang in einer Lasershow in wechselndes buntes Licht getaucht werden. Und überall sind Kinder in allen Altersstufen gegenwärtig. Babys auf dem Arm ihrer Eltern oder im Kinderwagen, Schulgruppen, Studenten. Die Bevölkerung Usbekistan ist jung. 80% sind unter 45. Jede Familie hat mindestens drei Kinder, nicht selten fünf, sechs, sieben. In den Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich die Bevölkerungszahl verdoppelt. Von 15 auf 30 Millionen. Und die neue Generation ist ehrgeizig. Das Bildungsniveau ist relativ hoch. Analphabetismus nahezu abgeschafft. Jeder, auch die Alten sprechen zumindest zwei Sprachen, ihre Muttersprache und Russisch. Die neue Generation eher englisch und deutsch. Das könnte der Grund dafür sein, dass es den meisten relativ leicht fällt, noch zusätzliche Sprachen zu lernen. Noch nie auf meinen Reisen bin ich so oft gebeten worden, fotografiert zu werden. Es wird benutzt, um ins Gespräch zu kommen. Die Menschen sind neugierig und vor allem die Jungen wollen ihre Sprachkenntnisse demonstrieren. Doch auch wenn man einander nicht versteht, gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich auszutauschen.




Wenn eine Frau das Alter Mohameds erreicht hat, er war 63, als er starb, bekommt sie ein weißes Festtagskleid geschenkt.
Der nächste Tag ist der Erkundung der Medresen und einiger Grabmäler gewidmet. Das Grabmal Timurs ist gleich um die Ecke unseres Hotels. Eigentlich wollte er in seiner Geburtsstadt Shahrisabz begraben werden, doch seine Nachfolger nahmen keine Rücksicht mehr auf die Wünsche des einst so mächtigen Mannes, dessen Reich von der Türkei bis nach China, von Russland bis zum arabischen Meer reichte. Den Feldzug gegen China begann er zur falschen Jahreszeit und das war sein Ende. Kurz vor der Grenze blieb das Heer in Schneestürmen stecken, Timur erkrankte an Lungenentzündung und das war’s. Bemerkenswert ist eine steinerne Wanne im Vorhof. Sie wurde mit einer bestimmten Menge von Granatapfelsaft gefüllt und jeder Soldat musste einen Becher daraus nehmen. So konnte man anhand des entnommenen Saftes auf die Zahl der Kämpfer schließen. Nach der Schlacht musste jeder einen Stein hineinwerfen, und aus der Differenz schloss man, wie groß die Verluste waren.


In der mittleren Medrese befindet sich auch eine ehemalige Moschee, die Goldgeschmückte, die mit der goldenen Innenausstattung ihren Namen zu Recht verdient. Die Bibixonim Moschee, benannt nach der Lieblingsfrau Timurs, läßt ahnen, welche Dimensionen der größenwahnsinnige Tyrann anstrebte. Zu groß, wie sich bald herausstellen sollte, der Bau fiel bald nach der Fertigstellung in sich zusammen. Bei all diesen phantastischen Bauten gibt es einen Wermutstropfen. Sie waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch Ruinen und wurden zum größten Teil wieder aufgebaut bzw. renoviert. Zwar hat man alte Fragmente verwendet und auch originale Majolika und Mosaike aus dem Schutt gerettet und angebracht, doch das meiste wurde rekonstruiert.








































































































































